• vom 23.04.2012, 18:14 Uhr

Kultur

Update: 23.04.2012, 18:57 Uhr
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Sarah Morris erfühlt die Spannungslinien zwischen Stadt, Masse und Architektur

Die Stadt als Verschwörung


Von Manisha Jothady

  • Sarah Morris und die Stadt: Kunst als Protokoll kritischer Auseinandersetzung.

Der Roller Flip des Networkers Philip Johnson. Still aus Sarah Morris’ "Points on a Line", 2010.

Der Roller Flip des Networkers Philip Johnson. Still aus Sarah Morris’ "Points on a Line", 2010.

Die international renommierte Künstlerin Sarah Morris war anlässlich der Abschlussdiskussion zur Ausstellung "Erschaute Bauten" im MAK zu Gast. Die "Wiener Zeitung" nutzte die Gelegenheit zu einem Gespräch.

"Wiener Zeitung": Megacities und deren Architekturen sind Gegenstand Ihrer Malereien als auch Filme. Was interessiert Sie am Phänomen Großstadt?

Sarah Morris: Ich bin Künstlerin und keine Theoretikerin und habe mich daher nicht gezielt dem Thema Großstadt angenähert. In Bezug auf meine Malereien habe ich mich gefragt, wie ich die Umgebung, in der ich lebe und arbeite, miteinbeziehen kann. Mein erstes Atelier in New York lag am Times Square, an der 42nd Street zwischen der siebten und achten Avenue. Andy Warhol hatte hier sein Studio. Die Frage war: "Wie kann ich diese fantastische Umgebung künstlerisch verhandeln?" Ich war täglich konfrontiert mit der Stadt, ihrem Adrenalin, ihrer Exaltiertheit und sexuellen Aufgeladenheit, aber auch ihren abstoßenden Seiten. New York City war mein Raum. Warum also nicht die Komplexität des Systems umarmen, von dem ich selbst Teil bin?

Sarah Morris in ihrem New
Yorker Atelier.

Sarah Morris in ihrem New
Yorker Atelier.
Sarah Morris in ihrem New
Yorker Atelier.

Verfolgen Sie die aktuellen Debatten über die zunehmende Verstädterung?

Natürlich denke ich auch über diese Entwicklungen nach. Wenn ich nach Peking oder São Paulo reise, bemerke ich unweigerlich die Expansion dieser Städte mit ihren immensen Menschenmassen. Innerhalb meiner Arbeit beschäftige ich mich auch immer wieder mit diesen Massen, wie sie diktiert werden, wie sie selbst Vorgänge in der Stadt diktieren und alles im Fluss halten.

Wie wirkt Wien auf Sie? Was die Architektur angeht, ist die Vergangenheit hier mehr präsent als die Gegenwart.

Wien ist schön, weil es außerhalb der Zeit zu liegen scheint. Wien interessiert mich vor allem aufgrund der Ideen, die hier geboren wurden. Die Jahrhundertwende, Freud. Nicht, dass diese Dinge in meiner Arbeit eine Rolle spielen würden, aber Freuds Einfluss zeigt sich ja überall, nicht nur in der Kunst, sondern auch in sämtlichen Reality-TV-Formaten, wo Leute ihr Innerstes nach außen kehren.

Im MAK zeigten Sie in der Ausstellung "Erschaute Bauten" den Film "Points on a Line", in dessen Zentrum das Glass House von Philip Johnson und das Farnsworth House von Ludwig Mies van der Rohe stehen. Davor produzierten Sie "Beijing", eine Art Stadt-Biografie Pekings zur Zeit der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2008.

Mit "Beijing" wollte ich mehr als nur eine Stadt zeigen, die sich selbst anlässlich eines solchen Großevents feiert. Wie in meinem Film "Los Angeles", wo es um eine sich selbst inszenierende Stadt in der Zeit rund um die Oscarverleihung geht, dreht sich auch in "Beijing" alles um ein internationales Spektakel. Mich interessierten dabei vor allem jene Momente, in denen hierarchische Verhältnisse zum Vorschein kommen: Wer hat die Macht und das Kapital? Das Sportereignis selbst gerät bei all den ökonomischen Aspekten, die es begleiten, beinahe ins Hintertreffen. Mich hat mit den Vorgängen rund um die Olympiade auch die Frage beschäftigt: "Was, wenn das alles wirtschaftlich und politisch scheitert?" Aber nichts ist passiert, vor allem politisch hat sich nichts Wesentliches verändert. Für meinen vor "Beijing" entstandenen Film "1972" habe ich Georg Sieber befragt, der als Kriminalpsychologe im Vorfeld der Olympischen Spiele von 1972 in München unterschiedlichste Katastrophenszenarien ausgearbeitet hatte, von denen dann jenes des PLO-Attentats tatsächlich eintraf. Ich habe ihn gefragt, ob er denke, dass derart Schlimmes in Peking passieren würde und er meinte: "Nein, nichts wird passieren, Sarah."

Wie näherten Sie sich dem Projekt "Points on a Line" an? Der Film porträtiert ja nicht nur zwei Glasarchitekturen, sondern gibt auch einige biografische Details der Architekten preis.

Ich war schon immer von Philip Johnson fasziniert, den ich gelegentlich im Restaurant Four Seasons beobachtet hatte, das gleichzeitig sein zweites Büro war. Der Raum ist in jedem Detail so perfekt, dass ich unweigerlich an ein Filmset denken musste. Johnson war er ein begnadeter Networker. Allein wie er seine Dinners und Parties plante. Zustande kam das Projekt aufgrund einer Anfrage des National Trust for Historic Preservation, das nach Johnsons Tod das Glass House übernahm und in dessen Besitz sich auch Mies’ Farnsworth House befindet. Mich interessierte die Verbindung zwischen den beiden Architekten und die Diskussion über Original und Kopie, die nach Fertigstellung der Gebäude entflammte. Denn obwohl Mies’ Entwurf schon früher fertig war, wurde Johnsons Glass House vorher errichtet. Damit einhergehend beschäftigte mich auch die missverständliche Vorstellung, die man von Authentizität haben mag.

Mir gefällt an "Points on a Line" die Fokussierung auf scheinbar nebensächliche Details. Ich denke dabei etwa an jenes Standbild, das einen Schmetterling zeigt, der sich auf einen Vorhang im Farnsworth House setzt. Zielen Sie mit solchen Aufnahmen auf die symbolische Aufgeladenheit scheinbar beiläufiger Dinge ab?




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-23 15:59:09
Letzte Änderung am 2012-04-23 18:57:39



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