• vom 26.09.2012, 16:43 Uhr

Kultur

Update: 26.09.2012, 16:54 Uhr

Wiener Galerien

Von Körpern und Geschichten




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Von Manisha Jothady

  • Unter dem Motto "Kunst oder Leben" lädt "curated by_Vienna" zum Rundgang durch 23 Wiener Galerien ein

Kunst im Zeitalter des Zwangs zur Produktivität: das Leben als Baustelle in der Gabriele Senn Galerie. - © Karl Kühn

Kunst im Zeitalter des Zwangs zur Produktivität: das Leben als Baustelle in der Gabriele Senn Galerie. © Karl Kühn

"In einer Gesellschaft, die von einem Imperativ der Leistungen gekennzeichnet ist, einem Zwang zur Produktivität, zur Teilnahme an einer unter Hochdruck stehenden Kultur der Performance, sehen sich Künstler mehr denn je dazu gedrängt, sich den Anforderungen der Professionalität zu fügen und ihnen entsprechend zu arbeiten." Mit diesen Worten fasst Kurator Niekolaas Johannes Lekkerkerk treffend einen Aspekt zusammen, der viele der Ausstellungen prägt, die in der mittlerweile vierten Ausgabe des von departure, der Kreativagentur der Stadt Wien, initiierten Projekts "curated by_Vienna" zu sehen sind.

"Kunst oder Leben. Ästhetik und Biopolitik" lautet das diesjährige Motto, das sich Kuratorin Eva Maria Stadler in Anlehnung an Michel Foucaults These von der Machteinwirkung staatlicher Institutionen auf das Individuum für 23 Wiener Galerien ausgedacht hat. Diese wiederum gaben dem Vernetzungsgedanken von "curated by" folgend, das Thema an 25 Kuratoren weiter.


Strategien der Unangepasstheit

Information

Bildende Kunst
curated by_Vienna
in 23 Wiener Galerien
bis 25. Oktober

Auf die eingangs formulierte Diagnose antwortet Lekkerkerk im Projektraum Viktor Bucher mit einem klaren Nein. Unter dem Titel "Artists of the No" hat er hier sechs Positionen versammelt, deren Beiträge Strategien der Unangepasstheit und Verweigerung zum Besten geben.

Wunderbar in diesem Zusammenhang etwa Dora Garcías handgeschriebene Notiz "Today I Wrote Nothing". Der Satz über das Nichtstun entstammt einem Tagebucheintrag des russischen Avantgardedichters Daniil Charms, dem zu Ehren die Künstlerin diese Arbeit schuf. Tagebuchartig auch die Aussagen, die Patrick Brill alias Bob & Roberta Smith in der Gabriele Senn Galerie auf farbigen Holzlatten angebracht hat. In Kombination mit den sperrigen Skulpturen von Georg Herold ergeben sie das "Prinzip Baustelle", in dem Kuratorin Margit Brehm ein Sinnbild gegenwärtigen Lebens sieht.

Prekäre Arbeitsverhältnisse und gleichzeitiger Optimierungsdruck verlangen vom Einzelnen permanente Flexibilität ab. Die Kunst reagiert darauf, indem sie nicht selten den menschlichen Körper ins Zentrum der Auseinandersetzung rückt. Die Videos, Objekte und Fotografien der Performancekünstlerin Roberta Lima in der Charim Galerie gehen einem dabei bildlich gesprochen unter die Haut. Eine stimmige Choreografie des fragmentierten Körpers ist der Kuratorin Florence Derieux mit der Gruppenausstellung "The Body Argument" bei Emanuel Layr geglückt.

Die Schau "Von Zeichen und Körpern" bei Georg Kargl erzählt dagegen von einer Welt des Informationsüberschusses, in der das Individuelle scheinbar nur mehr dank universeller Codes zu dechiffrieren ist. Ähnlich abstrakt nähert sich auch Kurator Christoph Doswald in der Kerstin Engholm Galerie dem Thema "Kunst oder Leben" an. Die von ihm ausgewählten Werke thematisieren die Ästhetisierung des Alltags durch die Massenmedien und deren Auswirkung auf das Selbstverständnis des Individuums. Gegenwart lässt sich nicht ohne Vergangenheit denken. So bildet Geschichte einen weiteren Themenstrang, der sich beim Rundgang durch die Galerien herauskristallisiert.

Bei Christine König begegnet man Sigmund Freud, Karl Marx und Ulrike Meinhof, deren Wirken längst im historischen Gedächtnis gespeichert ist. Thomas Kippler vergegenwärtigt dies in Bildbahnen, die auf Linolschnitten basieren. Als Persiflage auf die ideologisch aufgeladene Bedeutung von Monumenten liest sich die Gruppenschau bei Lukas Feichtner. Vor allem Aleksandra Domanovic‘ Videocollage amüsiert hier. Kaum zu glauben, dass 2005 in Mostar tatsächlich eine Bronzestatue von Kung-Fu-Legende Bruce Lee als völkerverbindende Geste errichtet wurde. Eine globale, die menschliche Existenz berührende Sprache sprechen jedenfalls die Installationen von Sudarshan Shetty in der Galerie Krinzinger. Und das trotz ihrer formalen und inhaltlichen Referenzen auf die indischen Wurzeln des Künstlers.

Einen dritten Leitfaden zur Orientierung in diesem Galerien-Marathon, dessen Stationen allesamt empfehlenswert sind, bilden schließlich sämtliche Projekte, in denen die künstlerischen Produktionsweisen selbst in den Fokus geraten. Das Thema "Kunst oder Leben" geht hier in der Formel "Kunst = Leben" auf.




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Dokument erstellt am 2012-09-26 16:50:08
Letzte Änderung am 2012-09-26 16:54:22




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