Wien. Der Aufschrei über das Cover der aktuellen Ausgabe der Schweizer Zeitschrift "Weltwoche" steuert nach den Feiertagen auf einen Höhepunkt zu. Die Empörung fokussiert sich auf das Aufmacherbild, das ein Roma-Kind mit einer Spielzeugpistole ablichtet. Der Text dazu: "Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz."
Nach zahlreichen Anzeigen in Deutschland, der Schweiz und Österreich unter anderem wegen Verhetzung (§283 StGB) will sich nun auch die Volksgruppe der Roma zur Wehr setzen. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" heißt es, man stehe "kurz vor einer Klage". "Wenn sogar Nicht-Roma klagen, sollten wir Roma erst recht klagen", meint Emmerich Gärtner-Horvath, Obmann des Vereins Roma-Service in Österreich. In Kürze soll die Entscheidung fallen, alternativ werde eine Beschwerde beim Österreichischen Presserat in Erwägung gezogen, sagt er.
Anzeige hat gute Chancen
Die streng rechtskonservative Zeitschrift erscheint zwar in der Schweiz, wird jedoch auch in Österreich verkauft. Somit sind Klagen nach dem österreichischen Recht möglich: Das machte sich der Wiener Journalist Klaus Kamolz zunutze, der das Blatt wegen Verhetzung anzeigte. Wie am Montag bekannt wurde, stammt das im Blatt abgedruckte Foto gar nicht aus der Schweiz, sondern aus Italien: Es zeigt einen Buben, der auf eine Müllhalde spielt.
Offenbar wurde das Foto lediglich zur Illustration ausgesucht, weil es sich so gut mit einem reißerischen Text versehen lässt. Laut der Wiener Medienanwältin Maria Windhager müsste die Anzeige wegen Verhetzung "eigentlich zu einer Verurteilung führen", wie sie der "Wiener Zeitung" erklärt: "Die Anzeige ist durchaus angebracht und erfolgsversprechend." Zudem sei an der Vorgehensweise des Magazins medienrechtlich "alles dran, was Gott verboten hat" - angefangen von den Persönlichkeitsrechten des abgebildeten Buben und seiner Familie. Auch Medienanwalt Gottfried Korn sieht eine "klare journalistische Entgleisung", da hier der Eindruck erweckt werde, es handle sich um ein Terroristen-Kind: "Das ist für mich ein medialer Missbrauch eines Roma-Kindes."
Die Volksgruppe ist aber ohnehin Kummer gewöhnt - in dieser Causa setzt man vor allem auf den Staat: "Es ist Aufgabe des Staates, gegen Rassenhetze oder Wiederbetätigung vorzugehen." Der Bericht ist für den Volksgruppen-Vertreter "unverständlich". "Wenn sogar das Titelbild ganz woanders fotografiert wurde und nur als Symbolfoto verwendet wurde, dann spricht das schon für sich", sagt er. Das Traurige sei, dass "immer alles verallgemeinert würde". Wenn ein Redakteur glaubt, einen zu kennen, schere er den Kamm einfach überall drüber, so Gärtner-Horvath.
Dabei hätte die Schweiz ganz andere Sachen aufzuarbeiten, spricht er im Zweiten Weltkrieg entwendete und in der Schweiz gelagerte Gelder an. "Wenn eine Zeitung so schreibt, dann wird sie auch die Strafe dafür bezahlen können", ist er von einem Urteil gegen die "Weltwoche" überzeugt.
In der Schweiz wurde die "Weltwoche" mittlerweile auch wegen Artikel 261 des Eidgenössischen Strafgesetzbuches angezeigt. Dieser stellt das Herabsetzen und Diskriminieren von Personen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie oder Religion unter Strafe: Der Strafrahmen beträgt bis zu drei Jahre Haft. Auch der Schweizer Medienrechtsexperte Peter Studer störte sich an der Botschaft des Fotos. "Es ist ein unerhörtes Bild" mit "rassistischen Zügen", sagte Studer. Ansonsten sei der Bericht aber "sehr gut dokumentiert".
Philipp Gut, stellvertretender Chefredakteur der "Weltwoche" und Co-Autor des Artikels, kann die Empörung über das Bild "nicht nachvollziehen", wie er einer Nachrichtenagentur schriftlich mitteilte. Die Aufnahme symbolisiere "den Umstand, dass Roma-Banden ihre Kinder für kriminelle Zwecke missbrauchen", so Gut. Der eigentliche Skandal sei, dass sich keiner der "Empörten" gegen diesen Missbrauch ausgesprochen habe.
Die "Weltwoche" war bis August 2001 unter Chefredakteur Fredy Gsteiger linksliberal positioniert gewesen, ehe dieser von Roger Köppel abgelöst wurde. Köppel (46), der das Magazin kaufte, führt das Blatt seither mit einer fast vollständig neuen Mannschaft auf einen wirtschaftsliberalen und strammen rechtskonservativen Kurs.