Berlin. 650 Mark netto: Das war einmal der Einheitslohn der "taz". Den Einheitslohn gibt es schon lange nicht mehr. Und mittlerweile steht die linke "Berliner Tageszeitung" so gut da, dass sich die Gehälter laut ihrem Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch sogar dem Kollektivvertrag "annähern". Die 11.700 Genossenschafter haben einen großen Anteil daran. An diesem Wochenende feiert die ,taz-Genossenschaft ihr 20-jähriges Bestehen. "Ohne sie gäbe es die ,taz längst nicht mehr", sagt Hans-Christian Ströble, "Urgestein" der Grünen, "taz"-Mitgründer und "taz"-Genossenschaftler.
"Blockierung durchbrechen"
Seit den 1960er Jahren habe er mit Rudi Dutschke und Fritz Teufel von einer linken Tageszeitung geträumt, berichtet Ströbele. Doch erst 1978, nach dem Deutschen Herbst, wurden die Träume konkreter. Man wollte unter anderem die "Blockierung und Gleichschaltung der bestehenden Medien durchbrechen", erinnert sich "taz"-Autor Mathias Bröckers. 1979 erschien die erste Ausgabe. Der Verein "Freunde der alternativen Tageszeitung" wurde als Holding gegründet. Gegenkultur, Solidarität mit der "Dritten Welt", Ökonomie und Ökologie, darum ging und geht es der "taz".
Das Geld war immer knapp. Anfang der 1990er Jahre sah es besonders schlecht aus. "Einige träumten von einem finanzstarken, guten Investor, der uns so weiterwursteln ließ wie bisher", sagt Geschäftsführer Rucht im "Spiegel". "Aber das war irreal." Rucht wollte eine Genossenschaft, die anderen zogen mit. Und so lautete der Beschluss im November 1991: "Die ,taz wird verkauft. An ihre LeserInnen."
Mit einmalig zumindest 500 Euro ist man dabei. Gezahlt werden kann auch in Raten. Allein in den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Genossenschafter von 8500 um mehr als 3000 gestiegen. Auch Kai Diekmann ist darunter, der Chefredakteur der von der "taz" seit jeher verhassten "Bild". Mehr als 11 Millionen Euro an Genossenschaftskapital sind bisher zusammengekommen. Vor diesem Hintergrund konnte die "taz" auch die Wirtschaftskrise vergleichsweise gelassen nehmen - Anzeigen gibt es nur wenige. Und als es vor wenigen Jahren nach längerem eine Inflationsanpassung gab, freute man sich.
In der Festschrift der "taz" von diesem Wochenende werden 20 Genossen vorgestellt, darunter der Ostberliner Markus Strobl. Kurz vor der Gründung hatte er der "taz" 100 Mark geschickt: "Nehmt das Geld als zinsfrei geborgt." Sollte es mit der Rettung nichts werden, sei das Geld geschenkt "und ich bin traurig".