• vom 02.06.2011, 16:49 Uhr

Medien

Update: 02.06.2011, 16:50 Uhr

Deutschlands größte Zeitung lässt laut einer Studie journalistische Grundsätze vermissen

Die Geschichtenerzählung




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Von Heike Hausensteiner

  • Studie spricht "Bild" ab, Journalismus zu sein.
  • Boulevardblatt arbeitet nach Richtlinien und mit Technik der Werbung.
  • Hamburg. "Bild gibt meinem Affen täglich sein Stück Zucker!" Das ist die "ehrliche und unentgeltliche Meinung" des deutschen Modeschöpfers Wolfgang Joop - zumindest laut einem Sujet, das derzeit in einer Anzeigenkampagne in deutschen Zeitungen verbreitet wird. Nun sollen die Ansichten eines Couturiers nicht überbewertet und "Bild"-Käufer nicht mit Tieren gleichgesetzt werden. Doch das Boulevard-Blatt macht Werbung, und zwar ständig.

Das tägliche "Bild" der Welt, hier in München auch in einer kleineren Variante zu lesen. Foto: dpa

Das tägliche "Bild" der Welt, hier in München auch in einer kleineren Variante zu lesen. Foto: dpa

Das tägliche "Bild" der Welt, hier in München auch in einer kleineren Variante zu lesen. Foto: dpa

Das tägliche "Bild" der Welt, hier in München auch in einer kleineren Variante zu lesen. Foto: dpa Das tägliche "Bild" der Welt, hier in München auch in einer kleineren Variante zu lesen. Foto: dpa

Denn: "Bild" ist per se Werbung und kein journalistisches Produkt, keine Zeitung. Das ist zumindest das Ergebnis der jüngst veröffentlichten Studie "Drucksache Bild - Eine Marke und ihre Mägde", durchgeführt im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung, der Wissenschaftsstiftung der deutschen Gewerkschaft IG Metall. Die beiden Autoren und Journalisten Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben dazu die Griechenland- und Eurokrise 2010 in "Bild" untersucht.


"Wir haben nur Befunde, die einerseits belegen, dass Bild ständig gegen handwerkliche Regeln des Journalismus verstößt. Und andererseits belegen unsere Befunde, dass sich Bild in hohem Maße aus dem Instrumenten-Kasten der Werbung, der PR und des Marketing bedient", erklärt Wolfgang Storz im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". So werden zum Beispiel wenige inhaltliche Botschaften über Wochen hinweg in Interviews, Aktionen, Kommentaren und Berichten wiederholt, "in inhaltlich und sprachlich vertrauten Variationen"; diese Wiederholung finde sogar innerhalb der Texte selbst in auffallend intensivem Umfang statt, heißt es in der Studie. "Das Instrument des Penetrierens ist eindeutig ein Instrument der Werbung, der werblichen Kampagnenführung und keines des Journalismus." Unverblümt meint denn auch Wolfgang Storz: "Bild ist kein journalistisch geprägtes Medium. Bild ist ein Hybrid, der sich als Journalismus inszeniert. Und Bild inszeniert sich als Journalismus, weil sie von den Privilegien des Journalismus profitieren will, ohne den Pflichten des Journalismus nachzukommen."

Basisinformationen fehlen

Das Massenmedium, das tagtäglich fast drei Millionen Mal gekauft wird, muss daher künftig mit der Bezeichnung "gedruckte werktägliche Veröffentlichung" leben. Am Beispiel Griechenlands haben die Studien-Autoren nachverfolgt, dass in dem "Medium in Zeitungsformat", wie sie es differenziert nennen, verlässliche Basis-Informationen (zum Beispiel auch Grafiken) fehlen. Zusammenhänge werden nicht hergestellt, wodurch sich oft verfälschende Darstellungen ergeben. Kein Wunder, will doch die "meistbeachtete werktägliche Veröffentlichung" nicht informieren, sondern auf Basis einer nicht-journalistischen Konzeption Botschaften verbreiten. Die Headlines sind daher das Um und Auf.

Im Kern sei "Bild" "ein undemokratisches Medium", so Arlt. "Sie will nicht Beiträge zur öffentlichen Meinung leisten, sondern die öffentliche Meinung selbst repräsentieren. Sie nutzt das Freund-Feind-Schema. Sie stellt Politik als Zirkus dar und beschimpft anschließend den Politzirkus. Ich glaube, dass Bild besser zu verdrossenen Nichtwählern passt als zu Wählern."

Doch die Hochzeit von "Bild" scheint vorbei zu sein. Die Auflage ist seit Mitte der 1980er Jahre um fast die Hälfte von 5,5 Millionen auf nur noch 2,9 Millionen verkaufte Auflage in einem größeren Deutschland geschrumpft. Auch weil das Internet neue Bedingungen geschaffen hat. Die Verwandlung von Journalismus in Marktgeschrei nehme in den Medien freilich auch insgesamt zu, so die Studienautoren. Warum "Bild" in ihren Augen dennoch Schaden anrichtet? "Die politischen Eliten weisen Bild Macht zu, die sie faktisch gar nicht hat, und deshalb richten sich politische Eliten auch nach dem, was Bild macht", findet Wolfgang Storz. Hinzu kommt, dass Bild als Journalismus wahrgenommen werde und deshalb der Sache, dem Handwerk und der Glaubwürdigkeit des Journalismus schade.

"Würde Bild einfach als das wahrgenommen werden, was sie ist: die tägliche Geschichtenerzählung, die nicht ernst genommen werden darf, entstünde keinerlei Schaden. Unter instabilen Konstellationen etwa politischer Natur könnte Bild sehr schnell gefährlich sein", so Storz.

Der Axel Springer Verlag möchte die Studie nicht kommentieren. "Die Studie steht für sich. Wir haben dazu nichts zu sagen", sagte Unternehmenssprecherin Svenja Friedrich zur "Wiener Zeitung". "Ich kann lediglich auf die Unternehmensgrundsätze des Axel Springer Verlages verweisen."



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-06-02 16:49:54
Letzte Änderung am 2011-06-02 16:50:00


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