Wien. "Ich fahre jetzt für zwei Wochen mit meinen Eltern auf Urlaub", postet eine Neunjährige auf Facebook - die Rückkehr endete tragisch, die Wohnung wurde ausgeraubt. Nicht nur Datenmissbrauch oder Mobbing können den Umgang von Kindern in sozialen Netzwerken begleiten, auch eine bloße Handy-Rechnung kann ruinös für die Familie sein. Die Freitag und Samstag stattfindende Konferenz "Kinder und digitale Medien" in der Aula der Wissenschaften in Wien versucht, sich dem Thema Sicherheit im Internet anzunähern.
Es steht außer Zweifel: Selbst, wenn die Eltern keine Computer-Freaks sind, die Haushalte werden durchdrungen von den unterschiedlichsten Computertechnologien. Viele vierjährige Kleinkinder können heute schon ein iPhone bedienen. Gerhard Scheidl, Vortragender und Leiter des Zentrums für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule in Wien, sieht derzeit zwei Wege, wie Eltern mit ihren "digital kids" umgehen: totales Verbot oder totale Offenheit. Grund dafür sei, sagt Scheidl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", ihre Überforderung. Selbst nicht restlos im digitalen Zeitalter aufgewachsen, würden sie ein Spannungsfeld erzeugen, in dem Kinder sehr unreflektiert mit Neuen Medien umgehen. Bei einem Verbot hätten diese es "sehr schnell heraus, wie sie an Facebook herankommen". Medienwissenschafter Scheidl plädiert daher für ein langsames Heranführen der Kinder an die Medienwelt, auch schon im Volksschulalter.
Einen gesetzlichen Erlass zur Medienerziehung gibt es in Österreich seit den 1990er Jahren. Allerdings liegt es in der Autonomie des Lehrers, wie diese in den Unterricht eingebaut wird. Auch eine Lehrerfortbildung ist verpflichtend, die Auswahl des Gegenstandes wie etwa Medienerziehung allerdings freiwillig. Rein theoretisch kann auch heute noch ein Kind von der Volksschule bis zur Matura gänzlich ohne Medienerziehung entlassen werden.
iPad-Volksschulklassen
Jede Volksschulklasse in Wien besitzt derzeit zwei Standcomputer. Doch auch hier liegt es in der Freiheit des Lehrers, wie diese genutzt werden. Sie können auch lediglich für das Ausfüllen elektronischer Arbeitsblätter verwendet werden. Punktuell gibt es Klassen, die auf Eigeninitiative technisch aufrüsten. So wurde etwa in Wien eine "iPad-Volksschulklasse" organisiert, in der jedes Kind ein Tablet erhält. Für Scheidl eine gute Möglichkeit, die Kinder an diese Welt heranzuführen, ohne aber das Schreiben zu ersetzen. Denn das iPad sei ein Werkzeug von vielen, aus denen die Kinder wählen können.
EDV-Informatik heißt die "unverbindliche Übung" nach wie vor an den Schulen. Allerdings geht es heute laut Scheidl nicht mehr bloß um die Technik sondern auch um Soziale Netzwerke. Viele Eltern würden nicht wissen, dass Facebook erst ab einem Alter von 13 Jahren erlaubt ist. In der für die Kinder wichtigen Phase der Identitätssuche kann Facebook negative Folgen haben. "Ich stelle mich ganz anders dar, als ich bin, ich verschleiere meine Identität", sagt Scheidl. Ganz abgesehen vom schwer nachvollziehbaren Unterschied zwischen echten und falschen Freunden. Minderjährige würden auch sexuell angesprochen; ein Volksschüler wird schnell und einfach mit Schnappschuss mit dem Handy auf Facebook gemobbt. Dieses Foto kann man auch gar nicht mehr sicher löschen.
Die Netzwerkgesellschaft
Das Informationszeitalter haben wir laut Scheidl bereits zurückgelassen. "Wir leben zunehmend in einer Netzwerkgesellschaft", sagt er. Es gehe darum, Beziehungen zwischen Beteiligten herzustellen. Auch Kinder müssten schon sehr früh in diese Gesellschaft eingeführt werden, damit sie seriös in der Medienwelt agieren können, meint er. Neben Scheidl werden auch Vertreter des Unterrichts- und des Familienministeriums an der Konferenz teilnehmen, darüber hinaus Medien- und Sicherheitsexperten und Digital-Therapeutin Anitra Eggler, die das Buch "E-Mail macht dumm, krank und arm" verfasst hat.