• vom 18.06.2012, 14:23 Uhr

Medien

Update: 18.06.2012, 14:48 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Das Trash-TV schleppt sich in Österreich in die nächste Runde - mittlerweile gänzlich ohne Debatte

Sonderangebot! Greifen Sie zu!


Von Bernhard Baumgartner

  • Was fasziniert daran, anderen ins Glas oder ins T-Shirt zu filmen? Eine Polemik.

Fidel geht es mitunter zu, im Wiener "Cafe Samba": So zu sehen in der ATV-Sendung "Kultwirte". - ATV

Fidel geht es mitunter zu, im Wiener "Cafe Samba": So zu sehen in der ATV-Sendung "Kultwirte". ATV

Als Elizabeth T. Spira 1995 für ihre "Alltagsgeschichten" dem echten Wiener in seinem offenbar als angestammt geltenden Reservat, dem Heurigen, ins üppig gefüllte Glaserl filmte, war das Resultat noch skandalös. Betrunkene dabei zu filmen, wie sie sich um Kopf und Kragen reden, das war so manchem zu viel. Heute, keine 17 Jahre später, hat sich einiges geändert, viel ist aber gleich geblieben. Nur dass damit nun sogar geworben wird: die "Kultwirte", auf ATV - die Sendung, "wo der Schmäh rennt und die Achterl fließen", wie es in der Ankündigung heißt. Immerhin - beim Heurigen waren’s noch Vierterln, jetzt sind es Achterln. Aber dabei bleibt es nicht: Hier wird die Schnapsrunde bedient, schon am Vormittag wird mit der Magnum Wodka gekuschelt und abends dann das verteilt, was man wohl in Kärnten als "gesunde Tetschn" versteht.

Waren es bei "Saturday Night Fever" auf ATV noch die Jugendlichen, die dabei gefilmt wurden, wie sie Alkohol - ja, sagen wir es doch einfach, wie es ist: hemmungslos soffen, sind nun die Erwachsenen dran; damit jene, die "Saturday Night Fever" noch cool fanden, wissen, wo sie in 20 oder 30 Jahren dann landen.

Werbung

Es ist wohl sinnlos, zu diskutieren, ob das alles wirklich so schlimm ist, ob das nun wirklich endgültig der Niedergang des Fernsehens ist und warum das Genre des Trash-TV einfach nicht umzubringen ist. Denn das Interessante ist: Eine öffentliche Diskussion darüber findet praktisch nicht mehr statt. Kein öffentlicher Aufschrei, keine Beschwerden, keine Anzeigen bei der Behörde. Ab und zu rafft sich doch ein ermatteter Kritiker auf, die Sendungen halbherzig zu betonieren, aber die Debatte auf der darüberliegenden Ebene fällt so gut wie flach: keine Experten-Interviews, so gut wie keine Warnungen von Psychologen, keine Reflexion von gescheiten Menschen. Fast scheint es, als ob sich die Realität des Trash-Fernsehens von der Lebensrealität der Intelligenzija abgekoppelt hätte und in seinem schmutzigen, kleinen Reservat ein völlig unbehelligtes Leben führt.

Aber warum ist das so? Ist es Verdrängung, will man das einfach nicht mehr sehen - und lässt es damit einfach geschehen? Ist man müde geworden, so abgestumpft, dass man nicht mehr reagiert, wenn Teenager im Fernsehen total abgefüllt vorgeführt werden? Ist es uns schon egal, wenn daraus eine Art Subkultur entsteht, die das Ganze sogar noch cool und damit nachahmenswert findet? Ist uns das egal geworden, dass sich daraufhin zwangsläufig auch die Wertigkeiten bei den Rezipienten verschieben - dass es dem televisionären Vorbild gemäß eben dazugehört, "Vollgas" zu geben, sprich - ja sagen wir es doch einfach - zu saufen, bis der Arzt kommt.

Warum wundern wir uns in der Folge über immer jüngere Opfer (elf oder zwölf Jahre), die mit schwerer Alkoholvergiftung im Spital landen? Da wird dann diskutiert ob man an Gesetzen schrauben soll - dabei ist das Grundproblem doch möglicherweise auch das ungehinderte Zulassen des Faktums, dass öffentlich saufende Proleten mit zweifelhaftem Frauenbild nicht nur abgefilmt werden, sondern auch noch als Vorbilder hingestellt werden und diese Bilder (die es ohne das Trash-Fernsehen ja nicht gäbe) in der Folge im Internet und in den sozialen Netzwerken kursieren - und zwar auch lange nach dem Absetzen der Sendung.

Ewiges Leben im Facebook
Das ist sie in Wahrheit, die Abwärtsspirale - hier wird das Medium Fernsehen quasi einem Katalysator gleich von sich selbst überholt. Jeder sechste junge Fernsehzuschauer unter 29 hat "Saturday Night Fever" im Fernsehen gesehen (was für ATV neidlos als enormer Quotenerfolg anzuerkennen ist). Aber via Facebook gehen die Kontakte in die Hunderttausende, die Bilder sind überall - und das werden sie auch bleiben. Ob das den Protagonisten, die diese Folgen naturgemäß nicht einschätzen können, in zehn Jahren auch noch gefällt, bleibt genauso offen wie die Frage an den ATV-Programmchef, der in einem raren Moment der öffentlichen Selbstkritik vor Journalisten nicht sagen konnte, ob er seine Kinder in diesem Zustand im Fernsehen sehen wollen würde.

Fragt man die Experten, was denn da los ist mit dem Fernsehen, bekommt man immer dieselbe Antwort, wie sie Kommunikationswissenschafter Peter Vitouch in einem Interview formulierte: dass wie bei einem Heroinjunkie die Dosis immer weiter erhöht werden muss, um noch denselben Effekt zu erzielen. Und der ist: Aufsehen erregen. Einfahren, der Kick muss her. Ein Sender hat nichts vom braven Fernsehen, das will niemand sehen und unbedankt bleibt es außerdem - beim Eigentümer wie auch bei den Zuschauern. Aber wenn, wie bei "Teenager werden Mütter", ein verhaltensorigineller werdender Teenager-Vater der Mutter seiner gerade im Kreissaal liegen Freundin erklärt: "Gestern war ich Hure ficken!", dann ist er wieder da, der Kick. Das gab’s so noch nie! Und schon gibt es auf YouTube einen Techno-Sampler, in dem der Huren-Sager immer und immer wieder mit Musik unterlegt wiederholt wird.




Schlagwörter

Medien, Fernsehen, Trash-TV

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-18 14:29:07
Letzte Änderung am 2012-06-18 14:48:49


Beliebte Inhalte



Ein Plakat zeigt Mohammed Assaf, der Star der Talentshow "Arab Idol" in West Bank bei Ramallah. - Reuters / Mohamad Torokman
  • Sänger Assaf feiert Erfolge in gesamtarabischer Castingshow
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Irmgard Vilsmaier (l.) als "Brünnhilde" und Caroline Melzer als "Sieglinde" während einer Probe für "Der Ring der Nibelungen" - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200...weiter

Vor dem wahnwitzigen Gemetzel: "Galizien" als sentimental-groteskes Antikriegsstück. - Thomas Aurin
  • "Die Glembays", "Galizien" und "Agonie" von Miroslav Krlea.
  • weiter

Für große Namen hat Intendant Alexander Pereira (l.) - hier mit Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf - ein Faible. Aus dem Programm für den Sommer 2014 wird er dennoch manche streichen müssen. - apa/Barbara Gindl
  • Nach Kompromiss im Budgetstreit werden Pläne für 2014 publik, Prestigeprojekte werden nicht gestrichen.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter




Werbung



Quiz




Stammgast beim Life Ball: Bill Clinton.

Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971, Die Wolldecke eines Navajo-Häuptlings wurde bei Sothebys in New York für rund 221.000 US-Doller versteigert. Es war die erste Auktion aus dem Nachlass der Sammlung Andy Williams, des bekannten US-amerikanischen Popsängers und Fernsehentertainers.

Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. "Erstbegehung" des Wiener Wahrzeichens:  Slackliner Christian Waldner arbeitete sich in 60 Metern über dem Boden Schritt für Schritt vom großen Steffl-Turm (Südturm) bis zum südlichen Heidenturm vor und tänzelte nach kurzer Verschnaufpause wieder retour. Der Drahtseilakt dauerte rund zehn Minuten.

Werbung