
Klick. Die Website wird geöffnet, und auf dem Bildschirm erscheint ein Holzhaus mit offenen Seiten vor dem Hintergrund einer Wellblechhütte inmitten hellgrüner Vegetation. Im Vordergrund sitzt, von der Kamera abgewandt, ein älterer Mann auf einer Plattform. Schräg vor ihm eine Frau in Stammestracht, zu der ein lindgrünes Kopftuch und ein dickes Bündel gelber und türkiser Perlenketten gehören. Die ungewohnte Situation ist ihr sichtlich nicht sehr angenehm. Der Begleittext identifiziert sie als Abamu Dengio, eine der letzten 4000 Sprecher der nordostindischen Sprache Koro - einer von tausenden Sprachen, die Google mit seinem neuen Projekt endangeredlanguages.com dokumentieren helfen möchte.
"Die Welt in 3054 Sprachen entdecken", verspricht die Titelzeile der Website und springt damit auf den Zug der Ethnolinguistik auf. Dabei handelt es sich um eine sprachwissenschaftliche Disziplin, der zufolge die Welt durch den Filter jeder Sprache anders erlebt wird. Daher wollen Ethnolinguisten möglichst viel vom sprachlichen und kulturellen Erbe und vom traditionellen Wissen kleiner Kulturen vor dem Vergessen bewahren.
Mit der Sprache stirbt
auch das Wissen
Anders als dem linguistischen Mainstream geht es hier nicht um Gemeinsamkeiten aller sprachlichen Systeme, sondern genau um das Gegenteil: Die Ethnolinguistik interessiert sich für die vielen kleinen und großen Unterschiede zwischen Sprachen. In ihnen ist codiert, wie unterschiedlich Menschen ihre Umgebung organisieren und einteilen können. Kulturelle Normen werden davon geprägt und prägen selbst wiederum den Sprachgebrauch.
Daraus ergibt sich, dass beim Übersetzen in andere Sprachen zwangsläufig Informationen verloren gehen. Besonders bedeutsam ist verschieden organisiertes Vokabular. Oft wird das Beispiel von Heilpflanzen genannt, die nur in der aussterbenden regionalen Sprache einen Namen haben - das Wissen um sie stirbt mit den letzten Sprechern, die sie benennen können. Es geht aber auch um Strukturen der Grammatik. Verschiedene Systeme übermitteln auch ganz unterschiedliche Informationen und lassen dafür andere weg. Ein Beispiel: Das Deutsche unterscheidet heute nur Ein- und Mehrzahl. Einige keltische Sprachen kennen daneben auch die Zweizahl für paarige Körperteile, außerdem den Kollektiv für alle Exemplare einer Gattung und den Singulativ, der einzelne, bekannte Individuen kennzeichnet. Die dadurch transportierten Nuancen kann man im Deutschen nur umschreiben.
Zurück zu Googles Dokumentationsprojekt und seinem Auftritt im Internet. Ein weiterer Klick auf das Bild der freundlich-nervös wirkenden Sprecherin des Koro offenbart Kinderkrankheiten. Derzeit sind auf den einzelnen Sprachen gewidmeten Seiten nur sehr wenige Daten abrufbar. Dabei ist Platz für so vieles vorgesehen: Statistiken, Beschreibungen, Lehrmaterialien und Audio- und Videoaufnahmen. Google hofft darauf, dass die jeweiligen Communities die Seiten über ihre Sprachen füllen werden. Oder zumindest Linguisten engagieren, die von der jeweiligen Sprache eine Ahnung haben. Bis dahin bietet man nur ein Grundgerüst von wenigen Informationen an, die frei zugänglichen Onlinedatenbanken entnommen sind und nicht immer korrekt sein müssen.
Wie klingt denn
eigentlich Ladino?
Für Interessierte ergeben sich in Zukunft fantastische Möglichkeiten, sich an einem zentralen Ort gebündelte Informationen über die bedrohten Sprachen der Erde zu besorgen. Aufnahmen sollen die Möglichkeit bieten, sich in ihren Klang einzuhören. Wie klingt eigentlich Ladino, die Sprache der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden? Eine Frage wie diese wird sich sehr einfach beantworten lassen. Was aber bringt Googles neue Plattform den dokumentierten Sprachen und denen, die sie im Alltag verwenden? Minderheitsaktivisten, die jetzt schon das Internet intensiv nutzen, wissen die Antwort.
"So eine weltweite Anlaufstelle für Menschen, die sich für Minderheitensprachen begeistern und sie unterstützen wollen, ist schon eine sehr gute Idee", sagt Matthew Clarke, seines Zeichens Chefredakteur von Radyo an Gernewegva, einem Internetradio in kornischer Sprache (die wiederbelebte Sprache von Cornwall).
Überhaupt hat das Internet einen sprachlichen Demokratisierungsschub ausgelöst. Bei der kümmerlichen Rolle, die Minderheitensprachen in Massenmedien spielen, haben ökonomische Schwierigkeiten entscheidenden Anteil. Mediale Infrastruktur für kleine Sprachen aufzubauen, rentiert sich wirtschaftlich kaum. Daher wird gratis gearbeitet: "Nur im Internet können wir praktisch kostenlos Videos, Tonaufnahmen, Artikel und so weiter über soziale Medien verbreiten. So kann ich längere Sendungen machen als die armseligen fünf Minuten, die die BBC pro Woche auf Kornisch bietet. Und wir sind rund um die Uhr abrufbar", fasst Clarke die Gründe zusammen, warum er sein Internetradio ins Leben gerufen hat.
Nicht nur das. Politische Sabotage von Medienprojekten in kleinen Sprachen lässt sich auch in der EU noch immer nicht ausschließen. In den 1990ern verweigerte etwa die staatliche Medienbehörde Frankreichs dem bretonischen Regionalfernsehen TV Breizh so lange terrestrische Frequenzen, bis es einsprachig französisch wurde. Auch das lässt sich im Internet umgehen, wie die Sprachaktivisten feststellten. Und so ist das Fernsehen in bretonischer Sprache heute eben als Webstream umgesetzt.