Wien/Mumbai. Der achtjährige Ishaan hat große Probleme in der Schule. So sehr er sich auch bemüht, seine Leistungen sind ungenügend. Von den Lehrern aufgegeben, stecken seine Eltern ihn in ein Internat, wo er vor Verzweiflung auch das aufgibt, was er eigentlich gut kann, das Malen. Erst der Kunstaushilfslehrer Ram Shankar Nikumbh findet heraus, dass der Bub an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche leidet, und hilft ihm. Außerdem organisiert er einen Malwettbewerb. Der Bub gewinnt und schafft es so, aus der Außenseiterrolle herauszukommen.

In dem Film "Taare Zameen Par - Every Child is Special" spielt der indische Schauspiel-Star Aamir Khan den Kunstlehrer. Der Film war auch im Jahr 2007 Khans gefeiertes Regie-Debüt. Die Rolle des Unterstützers, die er sich selbst auf den Leib schrieb, übernimmt er auch im echten Leben. Er ist nicht nur international ein Vertreter des Hindi-Films, er engagiert sich auch für die sozialen Anliegen seines Landes.
Wenn er als Schauspieler in seinen Filmen Dorfbewohner von überwucherten Steuern befreit, eine Bewegung gegen Korruption anführt oder für eine bessere Bildung in der Bevölkerung eintritt, dann macht er all das nun zu seinem persönlichen Anliegen. Mit der seit März 2012 ausgestrahlten TV-Chat-Show "Satyamev Jayate" ("Die Wahrheit allein siegt") verschafft er sich als Talk-Master ein landesweites Sprachrohr. Mehr als 470 Millionen - der Sender spricht von nahezu 800 - indische Zuseher hat die Show wöchentlich, in einem Land, in dem 1,2 Milliarden Menschen leben.
Dabei greift er vor allem heikle Themen an, über die man eigentlich nicht spricht: das indische Kastenwesen, in dem viele gezwungen werden, in minderwertigen Jobs zu arbeiten, Menschen, die sich mühsam durchs Leben schlagen müssen, der sexuelle Missbrauch von Kindern oder das Töten von weiblichen Föten. Thema war einmal das manuelle Latrinenreinigen. Es wird geschätzt, dass mehr als eine Million Inder manuelles Latrinenreinigen betreiben, das heißt tierische oder menschliche Exkremente mit Besen, Blechen und Körben von trockenen Latrinen entfernen und sie auf Müllhalden tragen.
In einer Sendung im Mai 2012 lud Khan zwei Journalisten aus Rajasthan ein, die über ihre verdeckten Ermittlungen zum Thema Abtreibung erzählten. Sie machten Ärzte ausfindig, die weibliche Föten abtrieben. Niemand würde etwas dagegen unternehmen. Nach der Sendung traf sich Khan mit Rajasthans Premierminister Ashok Gehlot. Dieser versprach, etwas zu tun. "Es ist der Versuch, nach innen zu schauen. Sich zu fragen, was mache ich falsch, was kann ich verbessern. Was kann ich über ein Thema, das mir unbekannt war, lernen", sagte Khan in einem Interview. Kritiker werfen dem muslimischen Filmstar vor, er benutze sein Image, um vor allem sich selbst zu promoten.
Die größten Stars des Hindi-Films sind Moslems
Prinz Charles kam 2005 zur Filmpremiere von "Aufstand der Helden", in dem Khan den Führer der indischen Rebellion im Jahr 1857 spielt. Im Jahr 2009 traf sich der Schauspieler mit Hillary Clinton, um gemeinsam für eine bessere Bildungspolitik einzutreten. 2009 spielte er in der preisgekrönten indischen Filmkomödie "3 Idiots", der als Kassenschlager sämtliche Rekorde brach. Khan wuchs mit der Filmindustrie auf. Sein Vater war Produzent, sein Onkel Regisseur. Seine erste Rolle übernahm er im Alter von acht Jahren. Als Moslem zählt Khan in Indien zur Minderheit. 80 Prozent sind Hindus, 13,4 Prozent Moslems. Mit seinem Schauspiel-Kollegen Shah Rukh Khan zählt er zu den bekanntesten Stars in Indien.
"Viele der größten Stars des Hindi-Films waren und sind Moslems", erklärt Filmwissenschafter Claus Tieber der "Wiener Zeitung". "Dies liegt zum einen daran, dass es in weniger angesehenen Branchen stets leichter war und ist, Fuß zu fassen. Zum anderen ist der Hindi-Film von Anfang an auch muslimisch beeinflusst. Vor allem in der Musik und den Songtexten."
Liedtexte seien oft in Urdu und "Urdu gilt, nachdem es die offizielle Amtssprache Pakistans wurde, als muslimische Sprache", so Tieber. In den 50er Jahren hätten muslimische Schauspieler noch ihre Namen geändert, heute sind sie Stars. Wie kein anderer trifft Khan die Themen, die bewegen - im Film wie im echten Leben.
"Eine Weltkarte, in der Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keine Beachtung, denn sie lässt die Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird"...
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