"Wenn Journalismus bleibt, wie er ist, bleibt er nicht". So lautet eine der durchaus provokanten Thesen der deutschen Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, die mit einer Videobotschaft das diesjährige Reporter-Forum in Hamburg eröffnete. Aus ihrer Sicht beschäftigt Journalisten und Medienmacher zurzeit nichts mehr, als die Frage nach der Zukunft des Journalismus. Merkels Antwort auf diese Entwicklung, simpel und einfach: Der einzelne Journalist muss zur Medienmarke wachsen. Doch nicht nur diese These sorgte für spannende Diskussionen im neuen Spiegel-Haus.
Das jährlich stattfindende Reporter-Forum suchte 2012 nach der Zukunft des Journalismus, Lösungsmöglichkeiten aus dem Dilemma Print versus Online und neuen Wegen des Geschichtenerzählens. "Der Medienwandel bedroht Magazine und Zeitungen. Nachrichten verlieren an Wert. Gleichzeitig gewinnen Reportagen an Wert. Sie stiften Sinn, sie orientieren, sie berühren, sie binden Leser an ein Blatt. Es ist wichtiger denn je, dass in den Qualitätsmedien gute Geschichten erzählt werden. Diese Kultur des journalistischen Erzählens zu fördern ist unser Ziel", so die Veranstalter. Müssen sich Medien in Zukunft die Frage stellen, ob teuer auf Papier oder umsonst im Netz publiziert wird? Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erörterten ihre Sicht der aktuellen Herausforderungen und zahlreiche Chefredakteure, Blattmacher und Reporter gewährten Einblicke in den journalistischen Alltag. Allen Unkenrufen zum Trotz wird guter Printjournalismus auch in absehbarer Zeit nicht verschwinden. Im Gegenteil: Es wird zu einer Renaissance des Erzählens kommen, so der Tenor der Veranstaltung. Anstatt dem Aktualitätswahn und dem Versuch der Internetmedien die Welt in Echtzeit abzubilden, zu folgen, sollten Printmedien eine klare Gegenstrategie einschlagen. Lange, gut recherchierte Reportagen werden die gedruckten Medien weiter voran bringen. Ja, es wird eine wirtschaftlich durchaus schwierige Zeit werden, aber wenn sich die Verlage auf ihre Kompetenzen und fähige Reporter stützen, dann sei der gute Journalismus nicht verloren.
Doch wie erzählt man eigentlich eine gute Geschichte? Diese Frage müssen sich nicht nur angehende Journalisten stellen, auch und gerade erfahrene Reporter sind gefordert, ihre Beobachtungen in einer adäquaten Form zu präsentieren. Zahlreiche Workshops drehten sich genau um diese Frage. So etwa die Veranstaltung "Dramaturgische Intelligenz - wie man gute Texte besser macht" von Spiegel-Journalist Cordt Schnibben. Die deutsche Filmemacherin und Autorin Doris Dörrie lud im Workshop "Lieben wir Helden? Von Helden und anderen dramaturgischen Reisen" zu einer Reise zum inneren Monster und dem Aufbau einer guten Geschichte ein. Charaktere zeichnen, Gefühle und Landschaften bildlich beschreiben und dies abseits des Alltagsgeschäfts und des Drucks durch Abgabefristen und Zeichenbeschränkungen.
Die Leser wollen Geschichten "erlesen", erleben und entführt werden. Nicht nur stilsicheres Formulieren, auch das Geschichtenerzählen wird somit wieder wichtig. Eine Facette des Journalismus, der man in jüngster Zeit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, so die Experten. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine ausführliche Reportage auch Geld kostet, doch hier sind auch Verlage und Leser gefordert. Einerseits um diesen Aufwand entsprechend zu honorieren und andererseits die Angebote auch zu kaufen. Dass dies durchaus möglich ist, zeigt ein Schweizer Verlag. Beim Magazin "Reportagen" ist der Name Programm. Hinter einem eher unscheinbaren Cover verbergen sich Geschichten, die man sonst vergeblich sucht. Chefredakteur und Gründer Daniel Puntas Bernet war Devisenhändler und Tennis-Manager, dann Südamerika-Tramper, Weinbauer, Taxi-Tangotänzer, Deutschlehrer und wurde schließlich Journalist. Seine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen und noch viel mehr fürs "Geschichtenerzähltbekommen" habe zur Idee von "Reportagen" geführt, so Bernet am Reporter-Forum.
Selbst der auf den ersten Blick mehr als gesättigte deutsche Magazinmarkt hat noch so manche Überraschung zu bieten. Das aktuellste und derzeit sicherlich beste Beispiel nennt sich "Landlust", erfreut sich auch in Österreich großer Beliebtheit und war in vielen Diskussionsrunden in Hamburg Thema. Der Wunsch nach Idylle, Authentizität und Charme sind bei dieser Publikation die Erfolgskombination. Nicht Prominente in Hochglanz-Bildern zeigen ihre Gärten, sondern Menschen von Nebenan verraten ihre Familienrezepte, geben Tipps für den Garten und erinnern so manch großes Verlagshaus an ein fast vergessenes Gut des Journalismus: Glaubwürdigkeit.
Glaubwürdigkeit, Authentizität und die Suche nach Wahrheit sind auch die Triebfedern eines hochkarätigen Redners auf dem Reporter-Forums 2012: Jon Lee Anderson, der Starreporter des "New Yorker", sprach über Qualitätsjournalismus und seinen Kampf um Wahrheit mitten in den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Anderson, der von Afghanistan bis in den Irak alle US-Kriegsschauplätze der letzten Jahrzehnte besucht hatte, steht seit geraumer Zeit für hochwertige Reportagen. "Ich muss meine Interviewpartner nicht mögen, aber ich will sie verstehen", so Anderson über die Beweggründe für seine Reisen. Kriegsreporter sind aus seiner Sicht eine wesentliche Stütze des Journalismus als vierte Macht in einem Staat, werden aber immer seltener eingesetzt und sind dabei auch oft selbst nicht nur Opfer des Krieges, sondern vielfach mehr der Einsparungspolitik ihrer Verlagshäuser.
