Wien.Wahrheit und der Kampf für eine bessere Welt - diese Ideale hat der kämpferische Schweizer Soziologe und Ökonom Jean Ziegler auch nach Jahrzehnten der Kritik an international agierenden Großkonzernen nicht aufgegeben. Deutlich wurde das auch am Dienstag in seiner Eröffnungsrede in der Wiener Stadthalle bei den Österreichischen Medientagen. Beidem - der Wahrheit und einer besseren Welt - solle auch der Journalismus dienen, forderte er.
Zwar nahm der Globalisierungskritiker das Wort "Wahrheit" nie in den Mund, doch er ließ keinen Zweifel daran, dass es für ihn eine Wahrheit gibt: Es sind die totalitären Strukturen, die in Wahrheit für Hunger und Unterdrückung in der Welt verantwortlich sind. Diese Bedingungen sollten Journalisten offenlegen, etwa wenn sie über Hunger in Afrika berichten: "Es geht nicht nur um Information."
Medien "stärkste Macht"
Ziegler appellierte an das Gewissen der Medienleute. Die Medien seien die vierte und "stärkste" Macht im Staat, hätten aber als einzige Macht keine strukturelle Kontrolle. "Der Journalist kontrolliert sich selbst. Er ist nur vor seinem eigenen moralischen Imperativ verantwortlich." Seine Aufgabe wäre es auch, das Schweigen angesichts von Leiden in der Welt zu durchbrechen: "Alles, was das Böse braucht, um zu siegen, ist das Schweigen der guten Menschen." Jean Ziegler glaubt trotz des pessimistischen Grundtenors seines Vortrags an den Sieg des Guten und offensichtlich auch an die Utopie als "Wunsch nach dem ganz anderen".
Doch auch der Journalismus unterliegt Zwängen, etwa aufgrund der Eigentümerverhältnisse in der Medienbranche. Und die Interessen der Eigentümer decken sich nicht immer mit dem, was der moralische Imperativ dem Journalisten gebietet. Doch dieser "strukturelle Widerspruch" zwischen Wirtschaftlichkeit und Moral werde durch die Pressefreiheit - den "Atem der Demokratie" - gelöst, meint Ziegler: "Es ist ein Wunder, dass es noch die Pressefreiheit gibt." Hunger sei ein weltweites Phänomen, auch in Spanien, wo laut Ziegler 2,2 Millionen Kinder unterernährt sind. "Doch die Ursachen sind komplex." Am meisten an Hunger leidende Menschen leben in Asien, doch prozentuell sei der Anteil in Afrika am höchsten, wo 5,8 Prozent der Bevölkerung unterernährt sind. Scharfe Kritik übte der Soziologe in dem Zusammenhang an der EU: "Wenn die Menschen aus Afrika zur Festung Europa fliehen, werden sie von dort mit militärischen Mitteln zurück ins Meer gedrängt."
Gegen die Weltbank
Keineswegs solle man sich von Lösungskonzepten der Weltbank täuschen lassen. Unter Hinweis auf die geringe Produktivität des afrikanischen Marktes und die vielen ungenutzten Ackerflächen fordere die Weltbank, den Ackerboden ausländischen Unternehmen zu überlassen. "Der afrikanische Bauer ist aber nicht weniger kompetent als der europäische. Nur er hat keine Bewässerung, ihm fehlt es an Instrumenten. Leider dominiert die Weltbanktheorie noch immer." Ein weiteres Problem sei die Überverschuldung, die es den afrikanischen Staaten teils unmöglich mache, in die Landwirtschaften zu investieren. Darüber hinaus hat in den letzten acht Monaten eine Preisexplosion bei den Grundnahrungsmitteln eingesetzt. Reis ist um 41,8 Prozent teurer geworden, der Preis für Weizen hat sich verdoppelt. Hauptschuld sei die Börsenspekulation. Doch die Masse könnten was tun, auch die Verbraucher, indem sie auf bestimmte Lebensmittel, etwa genveränderte, verzichten. Und die Zivilgesellschaft sei heute so stark wie noch nie. "Jeder Vortrag muss mit Hoffnung enden."