• vom 28.10.2016, 17:10 Uhr

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Update: 29.10.2016, 14:47 Uhr

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Algorithmen untergraben die Demokratie




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Von Bernhard Baumgartner und Gregor Kucera

  • Algorithmen kennen uns besser als wir selbst. Nun setzen sie dieses Wissen ein, um uns zu lenken - bisher unbehelligt.

Trügerische Gemütlichkeit in der Meinungsblase: Gegenmeinungen gibt es zwar, sie werden nur nicht angezeigt. - © getty

Trügerische Gemütlichkeit in der Meinungsblase: Gegenmeinungen gibt es zwar, sie werden nur nicht angezeigt. © getty

Wien. In der digitalen Welt regieren Daten. Unfassbar viele Daten: 2,5 Trillionen Byte - eine Zahl mit 18 Nullen - an Daten generieren Web-User insgesamt jeden Tag. Eingegeben, ausgelesen, erstellt, verkauft oder einfach ohne Wissen gesammelt. Das Sammeln, die Auswertung, die Aufbereitung, und die Verknüpfung von Information generiert reale Werte. Werte, die von Tag zu Tag im Wert steigen. Denn wer über die Bedürfnisse, Vorlieben, Kaufgewohnheiten und Einstellungen seiner Kunden am besten Bescheid weiß, der kann ihnen genau das Angebot machen, das für sie am attraktivsten ist. Das bringt Umsatz. Und wer attraktiv ist, wird im riesigen Informationsnetz gefunden und setzt sich schlussendlich durch.

Wenn Facebook zum Beispiel weiß, dass man soeben ein Hotel gesucht hat oder sich bei Amazon Reisekoffer angesehen hat, zeigt es - wie von Geisterhand - Werbung für genau die Destination oder genau die Produktgruppe in seiner Werbeleiste an, oft genau dieselben Produkte oder Hotels, die man soeben in einer anderen Anwendung angesehen hat. Alleine aus diesem kleinen Puzzlestein können viele Informationen generiert werden: Reiselust, bevorzugte Destinationen, ein Faible für Ledertaschen, Tendenz zu hochwertigen Artikeln, auch Zeit und Ort lassen Rückschlüsse zu. Mit jeder Information wird das Bild, das über den User entsteht, deutlicher. Fazit: Kein Unternehmen auf diesem Planeten kennt seine Kunden besser als Google, Amazon oder Facebook. Und dieses Wissen kann man vermarkten.


Um sich aus dem riesigen Datenhaufen die wesentlichen Informationen ziehen zu können, bedarf es mehrerer Elemente. Ein wesentlicher Punkt sind dabei Algorithmen. Egal ob Facebook, Google oder Amazon, jede größere Plattform setzt auf mathematische Zusammenhänge und lässt diese von Computern auswerten.

Doch nach welchen Kriterien Daten gesammelt und - noch viel wichtiger - aufbereitet werden, das ist bisher eine "Blackbox", sprich ein wohlgehütetes Geschäftsgeheimnis, das nicht preisgegeben wird. Zumindest bis man die Unternehmen dazu zwingt, denn die Macht der Algorithmen hat mitunter beängstigende Auswirkungen: Sie bestimmen, was wir sehen, was bei der Google-Suche in welcher Reihenfolge herauskommt, welche Postings uns Facebook anzeigt und welche uns verschwiegen werden. In Zeiten, in denen Menschen ihr Kommunikations- und Informationsbedürfnis vielfach über digitale Medien und Netze befriedigen, ist das eine gefährliche Macht, die bis dato nach unbekannten Regeln agiert. Der Algorithmus wird somit zum Big Player in der Medienwelt, zum übermächtigen digitalen Hintertreppen-Chefredakteur, der sich herausnimmt, viel besser zu wissen, was gut für uns ist: Gut ist prinzipiell das, was Reaktion erzeugt. Denn bei jeder Reaktion auf Facebook oder Twitter klingelt die Kasse. Jedes "Gefällt mir" ist gut fürs Geschäft: Also wird uns das angezeigt, was uns zu einem Like oder gar zum Teilen der Information verleitet. Sicher, der Supercomputer ist noch nicht intelligent genug, um von sich aus zu wissen, was wir lesen wollen - aber er kennt die Reaktionen von uns und unseren Freunden und zieht daraus seine Schlüsse.

Zu viel Macht auf einmal
Das ist für viele längst genug Macht in den Händen von zu wenigen Organisationen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich nun dafür ausgesprochen, dass die internen Regeln der großen Internetplattformen offengelegt werden. Bei den Medientagen München forderte sie, "dass Algorithmen transparent sein müssen, dass man sich als interessierter Bürger informieren kann, was passiert da eigentlich mit meinem Medienverhalten und dem anderer". Merkel warnte davor, dass Menschen in den Sozialen Medien nur noch das lesen, was ihre eigenen Auffassungen bestätige oder ihnen von Gleichgesinnten empfohlen werde: "Das ist eine Entwicklung, die wir genau beobachten müssen." Dies bedrohe die für die Demokratie unerlässliche Fähigkeit, sich auch mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. "Solche Mechanismen, wenn sie nicht transparent sind, können zur Verzerrung der Wahrnehmung führen; sie verengen den Blickwinkel." Die großen Plattformen wie Google und Facebook entwickelten sich mit ihren Algorithmen immer mehr "zum Nadelöhr für die Vielfalt der Anbieter", sagte Merkel.

Ist es übertrieben, wenn die hohe Politik gleich die Demokratie in Gefahr sieht, bloß weil ausgewertet wird, dass sich ein User Kettensägen bei Amazon ansieht und sich in rechten Gruppen auf Facebook herumtreibt? Um das generell zu analysieren, muss man wissen, dass Facebook uns immer das mit hoher Priorität anzeigt, wovon es eine hohe Wahrscheinlichkeit errechnet hat, dass es uns interessiert. Wenn jemand also Postings einer politischen Richtung teilt, wird er immer mehr Postings dieser Richtung angezeigt bekommen. Dadurch entsteht eine Tendenz, die eigene Ansicht als die der Mehrheit zu interpretieren. Das ist keine falsche Wahrnehmung, sondern eine unvollständige Interpretation. Denn die gegenteilige Meinung gibt es sehr wohl, sie wird nur mit niedrigerer Priorität angezeigt. Geschieht es doch, kann der User diese kritische Stimme zudem sehr leicht zum Schweigen bringen. Nirgends im Leben ist es so einfach, jemanden zum Schweigen zu bringen, wie auf Facebook: Nur zwei Klicks und eine Person wird nie wieder angezeigt. Der Algorithmus lernt daraus: Dieses Phänomen nennt man "Meinungsblase": In der Meinungsblase herrscht zunehmend Einigkeit, Gegenmeinungen werden gar nicht angezeigt oder, wenn doch, zum digitalen Schweigen gebracht. So entsteht eine sorgsam gehegte und gepflegte subjektive Wahrheit, in der man sich dann wohlfühlen kann - ganz wie bei Pippi-Langstrumpf: "Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt."

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