• vom 29.11.2016, 13:53 Uhr

Medien

Update: 29.11.2016, 14:07 Uhr

Eduard Hanslick

Der letzte Ritter der Musikästhetik




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Edwin Baumgartner

  • Der Wiener Kritiker Eduard Hanslick war Richard Wagners schärfster Gegner. Hanslick plädierte für eine Ästhetik, in der Wagner keinen Platz hatte.

Eduard Hanslick verteidigte das "musikalisch Schöne".

Eduard Hanslick verteidigte das "musikalisch Schöne".© Bild: wikipedia Eduard Hanslick verteidigte das "musikalisch Schöne".© Bild: wikipedia

Sein größtes Feindbild hat ihn verewigt: Richard Wagner verspottete den Kritiker Eduard Hanslick als regelbesessenen Stadtschreiber Sixtus Beckmesser in "Die Meistersinger von Nürnberg". Die Regel als Selbstzweck fällt der Sinnlosigkeit anheim, die Kunst, so Wagner, definiert selbst die Regeln, denen sie folgt.

Hanslick, am 1. September 1825 in Prag geboren und am 6. August 1904 in Baden bei Wien gestorben, gilt als Nemesis der fortschrittlichen Musik: In der "Wiener Zeitung", in der "Presse" und schließlich in der "Neuen Freien Presse" opponierte er vor allem gegen Wagner und gegen Anton Bruckner und feierte die Musik von Johannes Brahms, in deren kontrapunktischer Disziplin und rein-musikalischer Abstraktion er das Fortschreiben der Tradition etwa eines Robert Schumann erkannte.

Regelmäßig werden für diese scharfe Ablehnung Wagners persönliche Gründe angeführt: Hanslicks Mutter war Jüdin, und Wagner gebärdete sich als eifernder bis geifernder Antisemit - sein Anhänger Hugo Wolf, Komponist und Kritiker und ebenfalls Ziel von Hanslicks Attacken, war in diesem Punkt kaum besser. Oder stand Hanslick doch weit über den Dingen und verteidigte wortmächtig und angriffslustig sein ästhetisches Konzept, in dem Wagners symphonische Opern und Bruckners symphonische Mysterienspiele keinen Platz hatten?

Hanslick lobte Wagner

Tatsache ist, dass Hanslick die beiden opernhaftesten Bühnenwerke Wagners, den "Fliegenden Holländer" und den "Tannhäuser", deutlich positiv rezensierte. Ebenso ist Tatsache, dass er Bruckner als Mensch schätzte und als Organisten feierte, aber bekannte, er könne den Komponisten Bruckner nicht verstehen.

Der Vorwurf, Hanslick habe nur gegen Wagner geschrieben wegen dessen antisemitischer Gesinnung, zerschellt angesichts des Verhältnisses zum Juden Gustav Mahler, den Hanslick als Dirigenten pries, als Komponisten aber expressis verbis zum Verrückten erklärte.

1861 erhielt Hanslick eine Universitätsprofessur für Ästhetik und den ersten Lehrstuhl für Geschichte der Musik in Wien. Damit ist er der erste universitäre Musikwissenschafter im deutschen Sprachraum. In seiner Habilitation "Vom Musikalisch-Schönen" erklärte er, Musik bestehe aus "tönend bewegten Formen". Dass Musik etwas Außermusikalisches ausdrücken solle, bezweifelte er, weshalb er Franz Liszts symphonische Dichtungen ablehnte. Den Höhepunkt der Musik erkannte Hanslick in Mozart und Beethoven, Schumann und Brahms seien würdige Nachfolger. Der Oper stand Hanslick skeptisch gegenüber - sogar sein Abgott Mozart musste Rüffel einstecken, weil er in "Le nozze di figaro", so Hanslicks Urteil, für eine heitere Oper zu oft den schweren Viervierteltakt verwendet habe.

Hanslicks ablehnende Urteile sind oft extrem formuliert: Bruckner etwa schreibe einen "traumverwirrten Katzenjammerstil", Tschaikowskis Violinkonzert sei stinkende Musik, Verdi habe eine gemeine (im Sinne von ordinäre) Natur. Doch Hanslicks Wortwahl ist vielleicht brillanter, nicht aber härter als die vieler seiner zeitgenössischen Kollegen. Über Musik konnte man damals trefflich streiten und sich ereifern: Vielleicht ein besserer Zugang zur Kunst als der heutige ästhetische Gemischtwarenladen, in dem alles gleichwertig und das Lob des Kritikers kaum von einem Verriss zu unterscheiden ist.

Apropos Musik

"Der böse Besserwisser" — Eduard Hanslick.

Am Montag, 5. Dezember, um 15.05 Uhr auf Radio Ö1.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-29 13:56:06
Letzte nderung am 2016-11-29 14:07:29



Asterix

"Die Orgie wird kalt!"

Es ist kein Stau, es ist ein Rennen: Asterix und Obelix lassen die Konkurrenz Via-Appia-Staub fressen. - © Asterix® Obelix® Idefix ®/2017 Les Éditions Albert René "Caesar fühlt sich auf einmal sehr müde . . .", sagt Caesar. Man kann es dem Manne nicht verargen. Schließlich ist es schon wieder passiert... weiter




Graphic Novel

Anne Frank und die Generation iPhone

Eine Figur, so stark, dass man Angst hat: Fast hätten sich die Zeichner nicht zugetraut, Anne Frank gerecht zu werden. - © S. Fischer Verlag "Natürlich nicht!" David Polonskys Ablehnung war deutlich und instinktiv, als Ari Folman ihm vor vier Jahren von der Anfrage des Anne-Frank-Fonds aus... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wie gewonnen, so verschwunden?
  2. Kein "Irrer mit der Bombe"
  3. Kleine Stimme, große Kunst
  4. Heiter dem Tausender entgegen
  5. Weder Nachtigall noch Lerche
Meistkommentiert
  1. Die Kamera als Schutz
  2. "Ohne Polen kollabiert London"
  3. Woher kommt der Mensch?
  4. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  5. Mit indignierter Distanz


Quiz


CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Werbung



Werbung


Werbung