• vom 09.03.2017, 07:00 Uhr

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Update: 09.03.2017, 17:09 Uhr

Sportberichterstattung

Schön müsst ihr sein




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Von Matthias Winterer

  • Moderatorinnen werden in der Sportberichterstattung oft auf ihr Aussehen reduziert. Ihre Expertise gerät in den Hintergrund.

Alina Zellhofer ist eine von nur wenigen Frauen, die Sport im TV präsentieren.

Alina Zellhofer ist eine von nur wenigen Frauen, die Sport im TV präsentieren.© privat Alina Zellhofer ist eine von nur wenigen Frauen, die Sport im TV präsentieren.© privat

Wien. "Das ist bestimmt eine Lesbe." - "Hat die überhaupt eine Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?" - "So ein scheiß Genderdreck." Auf Claudia Neumann prasseln Hasspostings ein. Doch Neumann ist hart im Nehmen. Im Zentrum des Shitstorms lässt sie Wut und Raserei von sich abprallen. Sie ist es schließlich gewöhnt. Als Sportreporterin des ZDF hat sie gelernt, mit Anfeindungen umzugehen. Nur den Stein des Anstoßes will sie nicht verstehen. Was war geschehen? Sie hat doch nichts weiter getan, als ein Fußballmatch zu kommentieren - wie tausende Kollegen vor ihr. Doch im Unterschied zu ihnen ist Neumann eine Frau.

Als Claudia Neumann am 11. Juni 2016 im Zuge der Europameisterschaft als erste Frau im deutschen Fernsehen ein Fußballspiel eines Männerturniers kommentierte, rastete die Netz-Community aus. Alle Hemmungen fielen. Die Kommentare waren sexistisch und untergriffig - und sie stammten fast ausschließlich von Männern. Eine Frau will ihnen - den tausenden vermeintlichen Experten auf den Wohnzimmercouchen des Landes - Fußball erklären? Die Expertise Neumanns wurde als Frontalangriff auf die eigene Männlichkeit empfunden. Die Diffamierung der Moderatorin löste in den deutschen Medien eine Grundsatz-Debatte aus. Warum ist der Fußball in den Tiefen des Machismus stecken geblieben? Warum bleibt er derart sexistisch, während sich die Welt ringsum scheinbar geöffnet hat? Warum wird eine Frau zur Kanzlerin gewählt, eine Fußballkommentatorin jedoch auf tiefstem Niveau verunglimpft?

Der offensichtliche Sexismus in der Sportwelt wurde endlich thematisiert. Rufe nach einer Frauenquote in der Sportberichterstattung wurden laut. Denn Frauen sind in der Fernseh-Sportberichterstattung bis heute unterrepräsentiert. In den Sportsendungen des ORF sind nur 30 Prozent der redaktionellen Mitarbeiter weiblich. Eine davon ist Alina Zellhofer. Die gebürtige Linzerin ist seit fünf Jahren im Redaktionsteam von ORF-Sport, seit 2016 steht sie auch vor der Kamera. Sie moderiert die Sendung "Sport aktuell" und präsentiert "Sport 20" im Spartensender ORF Sport+. Bei den Olympischen Spielen in Rio im Sommer 2016 teilte sie sich mit dem Kollegen Rainer Pariasek die Moderationszeit vor der Kamera halbe-halbe. Mit der "Wiener Zeitung" spricht Zellhofer über ihre Erfahrungen als Frau in einer vermeintlichen Männerdomäne. "Der Shitstorm auf Claudia Neumann bei der EM war unfassbar", sagt sie. "Da fehlten mir ehrlich gesagt die Worte. So was ist mir zum Glück noch nicht passiert. Die Reaktionen von außen sind größtenteils positiv." Trotzdem würde in der Sportberichterstattung mit zweierlei Maß gemessen. "Die Latte liegt bei Frauen wesentlich höher. Moderatorinnen und Reporterinnen werden viel kritischer beobachtet. Da wird nach Fehlern gesucht."

Doch inhaltliche Kritik sei immerhin produktiv. Leider bleibt es nicht beim Inhalt. Zellhofer wird immer wieder auf ihr Äußeres angesprochen. "Als Sportreporterin wird man oft auf das Aussehen reduziert", sagt sie. "Es ist mühsam, wenn von einer Moderation am Ende nur meine Frisur übrig bleibt. Ich will aber mit meinem Wissen über den Sport, mit meiner Expertise, überzeugen."

Auch Daniela Soykan hat dieser Erfahrung gemacht. Die Wienerin moderiert die Sendungen "Sport aktuell", "Sport Bild" und "Fußball Arena". "Ich höre viel öfter, dass mir eine Bluse gut passt, als, dass meine Moderation gut ist", sagt sie. Natürlich gebe es auch viele negative Reaktionen auf ihr Aussehen. "Wenn eine Frau im Fernsehen als nicht hübsch empfunden wird, ist das immer Thema. Niemand würde aber einen übergewichtigen Moderator auf seine Figur ansprechen. Bei Männern ist das egal."

Das zehrt natürlich am Selbstvertrauen. Mangelndes Selbstbewusstsein sei bei Frauen in Sportsendungen oft ein Problem. "Manche Sportreporterinnen denken sich unbewusst: ‚Darf ich da stehen?‘ Das haben wir mit aktiven Sportlerinnen gemein. Junge Fußballspieler treten mit breiter Brust vor die Kamera. Sie haben schon als Kind unzählige Interviews mit männlichen Spielern gesehen. Bei Frauen ist das ganz anders. Sie sind oft schüchtern, weil Frauenfußball im Fernsehen kaum gezeigt wird." Die wenigen weiblichen Gesichter in der Sportberichterstattung sind also auch eine Folge der Sozialisation. "Das ist ein gesellschaftliches Problem", sagt Zellhofer. "So weit, wie wir denken, sind wir in Sachen Gleichberechtigung noch lange nicht." Auch ORF-Sportchef Hans Peter Trost sieht in der Sportberichterstattung ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. "Von zehn Praktikanten bei ORF-Sport sind sieben männlich. Es ist leider immer noch so, dass Mädchen tendenziell eher in den Klavierunterricht geschickt werden und Buben zum Fußball. Die traditionellen Geschlechterrollen existieren noch immer", sagt er. "Das hat der Fall Neumann bestätigt."

Doch Shitstorm und tradierte Stereotype zum Trotz ändert sich das Geschlechterverhältnis in den Sportstudios allmählich - wenn auch nur langsam. So verdoppelte sich der Prozentsatz an weiblichen Redakteurinnen bei ORF-Sport in den vergangenen acht Jahren. Und wann wird eine Frau in Österreich ein Fußballmatch der Männer-Nationalmannschaft kommentieren? "Wir suchen eine, die es machen will", sagt Trost. Die Hasspostings sind programmiert. Denn der Sport ist noch lange nicht im Jahr 2017 angekommen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-08 17:42:05
Letzte nderung am 2017-03-09 17:09:04



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