• vom 14.04.2017, 17:15 Uhr

Medien

Update: 16.04.2017, 12:41 Uhr

Journalismus

Quote mit Flüchtlingen




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Von Bettina Figl aus Perugia

  • Kaum ein Tag ohne Migration in den Medien: Das 11. Journalismusfestival in Perugia beschäftigte sich mit Flucht.

Ein Graffiti in Frankfurt zeigt den toten Buben Aylan. Das Bild ging 2015 durch die Medien.

Ein Graffiti in Frankfurt zeigt den toten Buben Aylan. Das Bild ging 2015 durch die Medien.© dpa/Dedert Ein Graffiti in Frankfurt zeigt den toten Buben Aylan. Das Bild ging 2015 durch die Medien.© dpa/Dedert

Rom. "Die neue Grenze des Storytelling", "Vergessene Nachrichten über Migration", "Die Geschichten jener, die einen Unterschied machen": Etliche Podiumsdiskussionen des 11. Internationalen Journalismusfestivals, das vergangene Woche im italienischen Perugia über die Bühne ging, befassten sich mit dem Thema Flucht.

Zwischen biblischen Fresken saßen nicht nur Journalisten, sondern auch zahlreiche Einheimische. Ganz Perugia, so schien es, wollte hören, was Journalisten zum Thema Migration zu sagen haben. Kein Wunder, dass das Thema hier alle interessiert: 2016 starben mehr als 5000 Menschen im Mittelmeer, im Jahr davor etwa 3800. Im Vorjahr flohen laut UNO-Flüchtlingsprogramm mehr als 181.000 Menschen auf dem Seeweg nach Italien. 14 Prozent der neu ankommenden Flüchtlinge sind minderjährig und unbegleitet.

Information

Das Dart Centre befasst sich mit Journalismus und Trauma:


Italien hat einen eigenen Verhaltenskodex zur Berichterstattung über Migration, mehr dazu unter: http://www.cartadiroma.org

Schlagzeilen statt Hintergrund

Das schlägt sich auch auf die Medienberichterstattung nieder: 1622 Artikel in zehn Monaten, lediglich an zwölf Tagen gab es in Italiens Zeitungen keine Titelstory zum Thema Migration. Das geht aus der Studie der italienischen Medienbeobachtungs-NGO "Osservatorio di Pavia" hervor. Die deutsche ARD hat mit 10 Prozent ihrer Sendezeit im Vergleich zu anderen öffentlichen Sendern am meisten über Migration berichtet, aber nur 13 Prozent der Berichte enthielten Hintergrundinformationen. Kriminalität und Sicherheit in der Schlagzeile, aber im Text finden sich keine Infos zu Herkunft und Fluchtmotiven. Berichtet wurde vor allem über Menschen aus Afghanistan, Irak, Syrien, Nordafrika und das Horn von Afrika.

Einen Höhepunkt gab es mit fast 500 Berichten im September 2015: Die Veröffentlichung des Fotos des toten syrischen Buben Aylan habe das öffentliche Bewusstsein erhöht und politische Entscheidungen beeinflusst, sagt Studienautorin Paola Barretta: "Nachdem das Foto publiziert wurde, berichteten die Tagesthemen, dass Deutsche an die österreichische Grenze fuhren, um Flüchtlingen zu helfen."

Der Umgang mit Trauma

Mit Schock-Bildern sollte man es aber nicht übertreiben, denn es lauert die Gefahr, abzustumpfen. Ethisch korrekt vorzugehen, ist nicht immer einfach, besonders wenn es um Flucht geht. In der Regel läuft es so ab: NGOs vermitteln eine Person, die zum Interview bereit ist, und exemplarisch für viele sprechen sollen. Journalisten tun dann oft das, was in der Sozialarbeit als No-Go gilt: Er oder sie stellt, meist ohne Anlaufphase, explizite Fragen zur Flucht. Haben sie genug Material beisammen, geht es zurück an den Schreibtisch, schließlich naht die Deadline.

Oft bleibt ein fahler Nachgeschmack. Viele Flüchtlinge werden auf ihrem Weg nach Europa vergewaltigt. Das kann sehr traumatisierend sein, und über Traumata zu sprechen ist schmerzhaft. Es kann sogar sein, dass Überlebende jene Emotionen, die sie zur Zeit des Übergriffs spürten, beim Nacherzählen noch einmal durchleben. Wie also darüber sprechen? "Ich rate dazu, den ganzen Menschen zu sehen. Man muss sich bewusst machen, dass sie mehr sind als ihr Trauma", sagt die Journalistin Jina Moore. Die US-Amerikanerin empfiehlt, Fragen abseits der Flucht zu stellen, immer wieder Konsens einzuholen, den Ausgang frei zu halten und auf die Körpersprache zu achten.

Die Journalistin berichtet seit zehn Jahren über Flüchtlinge, meistens aus Afrika. Einmal hat sie in nur drei Tagen 25 Frauen in Sierra Leone interviewt, die von Soldaten versklavt und zu Sex- und Hausarbeit gezwungen wurden. "Ihnen nach dem Interview zu sagen: ‚Danke, ich habe, was ich brauche‘, hat sich schrecklich angefühlt", sagt Moore. Sie wurde Stipendiatin des "Dart Centre for Journalism & Trauma", einem Projekt der Journalistenschule der Columbia University in New York, wo sie sich intensiv mit dem Thema Trauma in der Berichterstattung befasste.

Seit drei Jahren ist Moore Reporterin bei dem Online-Portal BuzzFeed, seit kurzem berichtet sie aus Berlin. Die Redaktion gehe mit großer Sensibilität an das Thema heran, sagt sie. Das Online-Medium mit den reißerischen Schlagzeilen, mit Spezialisierung auf Listen, möchte also sensibel sein?

"Jedes Gespräch positiv beenden"

Moores "goldene Regel" für Interviews mit Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, lautet: "Man muss jedes Gespräch optimistisch beenden. Auch wenn es nach Hollywood klingt, ist das unendlich wichtig. Das Positivste, das mir die Menschen sagen können, ist meistens: Sie hoffen, die Zukunft werde anders aussehen als die Vergangenheit."

Wie verhandeln Italiens Medien Flucht und Migration? "Das Thema ist unpopulär, die Italiener sind Migration nicht gewöhnt", sagt Steve Scherer, der seit 20 Jahren für die Nachrichtenagentur Reuters aus Rom berichtet. Der britische Journalist kritisiert, italienische Medien würden die Aussagen von Politikern ungefiltert wiedergeben, er vermisst tiefergehende Analyse. Auch hier eine Überraschung: Die einzige gute Berichterstattung ortet er - über Migration im Speziellen und Politik im Allgemeinen - in der Zeitung "Avvenire", die vom Vatikan herausgeben wird.

Verhaltenskodex zu Flucht

Mit der "Carta di Roma" hat Italien seit 2011 einen Verhaltenskodex zur Berichterstattung über Migration. Da gibt es zum Beispiel ein Glossar, das zwischen Asylsuchenden und Flüchtlingen streng unterschiedet. Der Fernseher Al Jazeera pfeift auf solche Definitionen: "Wir unterscheiden nicht zwischen Migranten und Flüchtlingen", sagt Yasir Khan, Al-Jazeera-Reporter in Katar, und ergänzt: "Wir finden, es braucht keinen Krieg, um Flüchtling zu sein, wir nennen alle Flüchtlinge. Oder Menschen, denn das ist, was sie sind."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-14 17:21:05
Letzte nderung am 2017-04-16 12:41:17



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