• vom 18.05.2017, 15:52 Uhr

Medien

Update: 18.05.2017, 16:06 Uhr

Medien

Das Netz wird zum Wilden Westen




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Adrian Lobe

  • Mit dem Internet der Dinge materialisierte sich genau jene krypto-anarchistische Idee, die die Internetpioniere beabsichtigten.

"Oder ich schieße" unsere Technik macht uns erpressbar.

"Oder ich schieße" unsere Technik macht uns erpressbar.© getty "Oder ich schieße" unsere Technik macht uns erpressbar.© getty

Wien. Die weltweite Cyberattacke "WannaCry", bei der vor wenigen Tagen Ticketautomaten, Anzeigetafeln und Krankenhausrechner lahmgelegt wurden, hat einmal mehr unsere Ohnmacht und Abhängigkeit von der digitalen Informationstechnologie vor Augen geführt. Es geht dabei nur vordergründig um das Thema Cybersicherheit. In Wirklichkeit geht es darum, wie die Machtstrukturen im digitalen Raum verteilt sind, wer über wen herrscht.

1996 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller und Internet-Aktivist John Perry Barlow die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. Er postulierte: "Regierungen der Industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid nicht willkommen unter uns. Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln." Der Text stieß in der libertären Internetcommunity auf breite Zustimmung. Als ein "Kammerstück der neueren Literatur amerikanischer liberaler Politikvorstellungen" feierte das Internet-Magazin "Telepolis" Barlows Manifest.


Allein, die Euphorie ist in Ernüchterung umgeschlagen. Die Kommunikationsströme im Netz sind mit Macht verbunden, die großen Platzhirsche Google, Amazon, Facebook und Apple haben ihre Terrains und Claims abgesteckt, und auch die Manifeste werden nicht mehr von Internet-Aktivisten, sondern von Milliardären aus dem Silicon Valley wie Mark Zuckerberg geschrieben. Der Bürger ist längst nicht mehr souverän, die Souveränität über Versammlungsorte besitzt die kalifornische Plattformökonomie.

Die Hoffnung, dass sich das Netz zu einer Art digitalen Allmende ausstaffieren ließe, war von Anfang an eine Illusion, weil das Internet eine Militärtechnologie ist - das Arpanet, ein Vorläufer, wurde vom US-Verteidigungsministerium mitentwickelt - und schon mit Beginn seiner Entstehung mit Interessen besetzt. Insofern greift auch der Allgemeinplatz, wonach die Macht von der Community, die sie nie besaß, auf einen militärisch-industriellen Komplex übergegangen ist, zu kurz. Und doch muss das zuweilen im Gewand der Kapitalismuskritik (zu den prominentesten Vertretern dieser Strömung gehört der Internetkritiker Evgeny Morozov) vorgetragene Argumentationsregister, wonach das Silicon Valley die digitale Infrastruktur dominiere, im Lichte der jüngsten Hackerattacken wenn nicht revidiert, so doch neu justiert werden.

Herrschen die Giganten?
Kontrollieren die Tech-Giganten wirklich alle Datenströme? Stellen Sie an jedem digitalen Knotenpunkt Nutzungsbedingungen und Schranken auf? Oder regiert im Word Wide Web nicht die totale Regel- und Schrankenlosigkeit, das anything goes? Die Häufung und Leichtigkeit, mit der Hackerangriffe auf diverse Institutionen durchgeführt und Lösegelder erpresst werden, erweckt den Eindruck, als ermangele es der dezentralen Struktur des Internets an einer polizeilichen Regelungsinstanz, die solche Cyberkriminalität verhindert.

AP, TV5, der Konvent der Demokraten, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron - immer mehr staatliche und nichtstaatliche Akteure sind zum Ziel von Cyberangriffen geworden. Ist ein Staat noch souverän, wenn Troll-Armeen und Bots den Wahlkampf manipulieren? Wie lässt sich kollektive Sicherheit herstellen in einem internationalen System, in dem kleine, gut organisierte Hackerteams ganze Demokratien bedrohen können?

Der Politstratege Adam Segal, Fellow an der Denkfabrik Council On Foreign Relations, stellt in seinem Buch "The Hacked World Order: How Nations Fight, Trade, Maneuver, and Manipulate in the Digital Age", dass die Weltordnung gehackt sei. Durch die Digitalisierung ist die Westfälische Ordnung ins Wanken geraten. Das Abschreckungspotenzial konventioneller Kriegsführung relativiert sich. Das Buch wurde bereits vor dem DNC-Hack verlegt, und doch gewährt es interessante Einblicke in die Anatomie des Cyberkriegs. Die ortlose und flüchtige Präsenz des Internets bringt es mit sich, dass elektronische Armeen über tausende Kilometer Entfernung die Sicherheitsarchitektur, etwa durch den Hack auf kritische Infrastrukturen wie die Energie- und Wasserversorgung, destabilisieren können, ohne auch nur irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Das Kennzeichen dieser neuen Ordnung sei die Anarchie. "Der Cyberspace ist der Wilde Westen oder ein feudaler Platz." Daten sind Munition und Machtressource dieses Systems.

Und Daten sind die Waffe des kleinen Mannes. Nordkorea verfügt zum Beispiel über keine Technologieunternehmen und nicht mal genügend Elektrizität, um das Land zu versorgen. Das "Internet" (Kangmyong) ist in Wirklichkeit nur ein Intranet, ein Staats-Betriebssystem mit ein paar hundert Seiten. Nur einer kleinen Elite ist es vorbehalten, das World Wide Web zu nutzen. Und doch scheuen nordkoreanische Hacker nicht davor zurück, destruktive Attacken zu lancieren. Auch Teheran nutzt Cyberattacken als Teil der asymmetrischen Kriegsführung. Die Frage ist, ob man in einem System, wo Hacker mit ein paar Codes kritische Infrastrukturen sabotieren überhaupt noch herrschen kann oder sich Herrschaft gewissermaßen selbst beseitigt.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Medien, Digital

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-18 15:57:16
Letzte Änderung am 2017-05-18 16:06:04



Comics

Ein Latino als Superheld

Stan Lee - © (Flyer) Eine größere Freude hätte Stan Lee den Besuchern aus Mittel- und Südamerika nicht machen können: Bei einem Termin auf dem Comic-Kongress in  La Conque... weiter




Comics

Die "Saudi Girls Revolution" bringt Könige ins Schwitzen

Der progressive Comic "Saudi Girls Revolution" aus Saudi Arabien.  - © Saudi Girls Revolution Riad. Die Frauen in Saudi-Arabien begehren auf und erheben sich gegen Unterdrückung des Regimes. So steht es in einem Comic... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Nur das "Hearst" ist manchmal traurig
  2. Auf Nummer sicher
  3. Der Triumph der Liebe
  4. Rocken ist relativ
  5. Wo sich Feuervogel und Neptun Gute Nacht sagten
Meistkommentiert
  1. Sex mit Unterwäsche
  2. Föderl-Schmid nimmt den Hut
  3. Kanadas Klangmagier
  4. 7 Wörter
  5. Schönheiten und ein kleiner Skandal


Quiz


Am Montagabend feierte Michael Haneke mit "Happy End" zum siebenten Mal Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes.

Monica Bellucci war die Gastgeberin beim Auftakt des Festivals: Eine ehrenvolle Rolle, bei der man durch den Gala-Abend führt. Entsprechend chiczeigte sich die inzwischen 52-Jährige. Fesselndes am letzten Wochenende in Krems: "Durational Rope" von Quarto brachten Seile unter anderem zum Tanzen.

Blixa Bargeld und eines seiner Instrumente. Regisseur Wolfgang Murnberger (l.) mit Josef Hader ("Wilde Maus") und Schauspieler-Kollegin Pia Hierzegger.

Werbung



Werbung