• vom 31.07.2017, 16:24 Uhr

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Update: 31.07.2017, 16:24 Uhr

Roboter

Literatur aus dem Automaten




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Von Adrian Lobe

  • Computerprogramme verfassen nicht nur standardisierte Texte, sondern analysieren auch narrative Muster literarischer Werke.

Sogenannte News-Bots könnten in Zukunft die Arbeit von Journalisten übernehmen.

Sogenannte News-Bots könnten in Zukunft die Arbeit von Journalisten übernehmen.© GettyImages/Fanatic Studio Sogenannte News-Bots könnten in Zukunft die Arbeit von Journalisten übernehmen.© GettyImages/Fanatic Studio

Als am 17. März 2014 die Erde in Kalifornien bebte, dauerte es lediglich drei Minuten, bis die "Los Angeles Times" die erste Meldung veröffentlichte. Als Autor firmierte damals der Programmierer Ken Schwencke, doch die Meldung selbst schrieb in Wirklichkeit eine Software namens Quakebot. Der Algorithmus ist so programmiert, dass er auf einen Alarm des US Geological Survey reagiert, der ab einem bestimmten Schwellenwert ausgelöst wird. Daraufhin werden die relevanten Daten des Berichts extrahiert und diese in vorgefertigte Templates einbaut. Die Meldung wird dann im Content-Management-System angelegt, wo der Redakteur nur noch auf einen Knopf drücken muss, um diese zu publizieren.

Der Schreibroboter ist präzise, alert und vor allem billiger. Man benötigt keinen Spät- oder Frühdienst am Dienstpult mehr - der Algorithmus schläft nie. Die Robotik hält zunehmend Einzug in die Redaktionsräume. Von der Nachrichtenagentur AP bis zur "Washington Post" setzen Medienunternehmen Computerprogramme ein, die automatisiert standardisierte Finanz- und Sportartikel generieren.


Das Buch - ein Template
Das Technik-Magazin "Wired" ließ eine Maschine sogar einen Nachruf auf Marvin Minsky, einen Pionier der künstlichen Intelligenz, schreiben. Kristian Hammond, der Gründer von "Narrative Science", prognostiziert, dass News-Bots bis 2025 mehr als 90 Prozent aller Artikel schreiben werden. Das Verblüffende ist, dass schon jetzt computergenerierte Meldungen von handwerklich sauberen Meldungen aus Menschenhand kaum zu unterscheiden sind. Die Frage ist nur, wo die Grenzen künstlicher Intelligenz liegen. Können Algorithmen irgendwann auch Leitartikel oder Reportagen schreiben?

Der Management-Professor Philip M. Parker hat vor einigen Jahren ein algorithmisches System patentieren lassen, das mehr als eine Million Bücher generierte, wovon über 100.000 auf Amazon verfügbar sind. Zum Beispiel das Buch "The Official Patient’s Sourcebook on Acne Rosacea: A Revised and Updated Directory for the Internet Age" - ein Ratgeber für Akne-Erkrankungen, der im Juli 2002 erschien. Der Inhalt ist einigermaßen inkonsistent, Passagen wurden montiert und paraphrasiert. Ein Rezensent beschwerte sich auf Amazon auch, dass das Buch mehr einem Template gleiche, bis ihn ein Nutzer darüber aufklärte, dass das Werk ein Computer geschrieben hat.

Künstliche Intelligenz dringt langsam, aber stetig auch in die Bereiche Belletristik und Poesie vor. Im März 2016 schaffte es ein gemeinsam von Forschern und einem KI-System verfasster Roman mit dem Titel "The Day A Computer Writes A Novel" in die zweite Runde eines japanischen Literaturwettbewerbs. In den USA hat ein Algorithmus gar ein Drehbuch samt Regieanweisungen geschrieben. Und der in Kalifornien tätige Mathematiker und Produktmanager Max Deutsch hat ein neuronales Netzwerk mit den ersten vier Harry-Potter-Bänden gefüttert und den Deep-Learning-Algorithmus auf Grundlage der "ausgelesenen" Bücher ein eigenes Kapitel schreiben lassen.

Schwer unterscheidbar
Googles KI verfasst (lyrisch noch recht dürftige) Gedichte, während Facebook-Entwickler ihren maschinell lernenden Algorithmen Kinderbücher beibringen, damit diese einmal selbst Bücher schreiben. KI-Forscher der Universität Complutense in Madrid haben das Story-Telling-Programm "PropperWryter", benannt nach dem russischen Strukturalisten und Sprachforscher Vladimir Propp, kreiert. Es schreibt automatisch russische Märchen und adaptiert literarische Stile. Von Maschinenliteratur kann man noch nicht sprechen, dafür ist die Prosa noch zu rudimentär. Doch zumindest bei englischsprachiger Poesie fällt es schwer, auf die Autorenschaft zu schließen.

Der amerikanische Sender NPR hat diese Unschärfen in einem Quiz veranschaulicht. Dem Leser fällt es erkennbar schwer, zu sagen, ob das Gedicht von einem Menschen oder einer Maschine verfasst wurde. Ein rhythmisch rundes Sonett etwa wurde von einem Bot verfasst, der von Wissenschaftern der Universität Berkeley programmiert wurde. Wobei die Fragen nach der Autorenschaft und geistigem Eigentum auf einem ganz anderen Blatt stehen: Handelt es sich um ein genuines Werk des Algorithmus? Eine Koproduktion? Oder gebührt das geistige Eigentum allein den Entwicklern?

Während Roboter noch nicht rechtlich, aber doch faktisch als Urheber von Werken in Erscheinung treten, spielen sie auch eine zunehmende Rolle in der Rezeption. Das beginnt damit, dass Googles Algorithmen News sortieren oder Suchmaschinenergebnisse priorisieren und damit eine inhaltliche Gewichtung oder gar Empfehlung vornehmen. Und wenn Journalisten suchmaschinenoptimiert an schmissigen Überschriften basteln, schreiben sie im Grunde auch für Roboter. Maschinen kennen die Lesegewohnheiten von Nutzern, und sie können sogar voraussagen, ob ein Titel auf dem Buchmarkt reüssieren wird.

Die Wissenschafter Jodie Archer und Matthew Jockers beschreiben in ihrem Buch "The Bestseller-Code", wie ein Algorithmus mit 80 Prozent Genauigkeit die Erfolgsaussichten von Büchern vorhersagt. Der "Bestseller-ometer" identifizierte 2800 Eigenschaften, die mit dem Erfolg von Büchern assoziiert sind - eine Art Erfolgsformel. Der Algorithmus mag vor allem weibliche Helden, die in Bestsellern wie "The Girl on the Train" oder "Gone Girl" vorkommen. Viele Abkürzungen. Wenig Ausrufezeichen. Und statt Katzen lieber Hunde. Die maschinelle Auswertung ermöglicht neue Methoden komparativer Literaturwissenschaft.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-31 16:03:10
Letzte ńnderung am 2017-07-31 16:24:10



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