• vom 29.08.2017, 16:47 Uhr

Medien

Update: 30.08.2017, 13:09 Uhr

Fernsehen

Mein Porsche, mein iPhone, mein Jungfernhäutchen




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Von Wolfgang Liu Kuhn

  • Die beliebte Serie "Ode To Joy" ist die chinesische Antwort auf "Sex And The City".

Sehen harmlos aus, rütteln aber an Tabus: die Damen von "Ode to Joy". - © Shandong Television Media Group

Sehen harmlos aus, rütteln aber an Tabus: die Damen von "Ode to Joy". © Shandong Television Media Group

Die USA hatten "Sex And The City", Österreich hat die "Vorstadtweiber" - und China singt die "Ode To Joy". Zumindest die Macher der chinesischen Dramedy haben allen Grund zum Jubeln: Als die zweite Staffel im letzten Monat zu Ende gegangen ist, wurde sie online unglaubliche 24 Milliarden Mal angesehen. Vor allem aber wurde keine andere TV-Show im Internet so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Geschichte um fünf junge Frauen, die sich im Großstadtdschungel von Shanghai auf die Jagd nach Liebe, Erfolg und (vor allem) Geld machen. Dabei rütteln die Serienmacher an einigen Tabus, denn keine andere TV-Produktion aus China spricht Themen wie Klassenunterschiede, Sex und Sexismus so direkt an wie diese.

Die fünf Serienheldinnen sind Nachbarinnen im selben Stockwerk eines Hochhauses mit dem Namen "Ode To Joy" und präsentieren dabei sehr unterschiedliche Frauentypen. Guan ist eine 22-jährige Praktikantin in einem Global-500-Unternehmen, ständig müde und überarbeitet. Sie teilt sich das Apartment mit der überdrehten Landpomeranze Qiu, die in Shanghai das große Glück sucht, sowie der 30-jährigen HR-Managerin Fan, die in erster Linie einen reichen Mann will. Ihnen gegenüber wohnt Andy, eine 31-jährige Wall-Street-Managerin, die im Porsche einkaufen fährt und viele Verehrer hat, allerdings beziehungsunfähig ist. Und dann ist da noch die 24-jährige Qu, die zwar ebenfalls im Geld schwimmt, allerdings nie dafür arbeiten musste - sie ist die Tochter eines reichen Geschäftsmannes und kennt keine andere Welt als die des Luxus.


In einem Land, in dem es offiziell keine Klassenunterschiede gibt, ist eine Serie wie "Ode To Joy" bemerkenswert - denn hier definiert die soziale Schicht alles: den Freundeskreis, das Ansehen, den Liebhaber. Dessen sind sich die fünf Protagonistinnen sehr bewusst: Statussymbole definieren ihre Welt, und selbst die junge, mehr oder weniger mittellose Praktikantin wäre ohne das neueste iPhone quasi nicht existent. In dieser Hinsicht wird die chinesische Realität sehr korrekt abgebildet, auch, was den Umgang der Frauen mit Liebe und dem eigenen Körper betrifft.

Liebe ist ein Geschäft
Hier unterscheidet sich die chinesische Frauensaga stark von ihrem amerikanischen Vorbild: Während die Damen in New York Sex durchaus zu ihrem eigenen Vergnügen genießen, ist in China die Liebe in erster Linie Geschäft. Der eigene Körper ist neben Einfluss und Vermögen ein Streitwert, der im Kampf um wirtschaftliche und gesellschaftliche Anteile gezielt und sparsam eingesetzt wird. Einen Freund oder Liebhaber, der nicht - mindestens - ein eigenes Haus und ein Auto hat, das würden nicht einmal die Rangniedrigsten in der Hackordnung akzeptieren.

"Bei ‚Sex And The City‘ sind Liebe und Sex der Kern der Diskussion, bei uns ist es das Selbstbewusstsein und die steigende Bedeutung der Frauen", erklärt die Drehbuchautorin Yuan Zidan. "Chinesische Frauen wachsen heute in einem völlig anderen Umfeld auf als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dabei kollidieren ihre wachsenden Freiheiten und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit oft mit traditionellen Werten und Moralvorstellungen." In keiner anderen Szene wird dies so deutlich wie in jener, in der die lebenslustige Qiu von ihrem Freund verlassen wird - als dieser durch Zufall herausfindet, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Dessen Mutter bestärkt ihn in seiner Entscheidung, da Qiu ein "unreines" Mädchen wäre, das "keinen Respekt vor ihrem Körper" hätte.

Unmittelbar nach Ausstrahlung dieser Folge brach eine hitzige Diskussion im Internet aus, die zeigte, wie lebendig der "Jungfrauen-Komplex" auch im hypermodernen China noch ist. Viele beklagten den "Doppelstandard" der Männer, für die vorehelicher Geschlechtsverkehr kein Problem sei, die aber nach einer unberührten Ehefrau verlangen würden. Und während ausgerechnet viele Frauen die "moralischen Werte" verteidigten, stieg auf Online-Plattformen die Nachfrage nach künstlichen Hymen in schwindelerregende Höhen. Was nicht einmal ein Widerspruch sein muss, denn in der ultramaterialistischen Lebenswelt chinesischer Frauen ist eben auch das Jungfernhäutchen in erster Linie - ein Handelswert.




Schlagwörter

Fernsehen, China, Serie, Ode to Joy

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-29 16:51:07
Letzte nderung am 2017-08-30 13:09:08



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