• vom 21.06.2011, 14:33 Uhr

Kultur

Update: 03.08.2011, 17:51 Uhr

Geschichte

Ja, so sind’s, die neuen Rittersleut’








Von Edwin Baumgartner

  • Der skrupellose Gewaltmensch des Mittelalters mutiert zum Inbegriff der Höflichkeit und wird Krankenpfleger
  • Die Kirche versucht, die Ritter zu zähmen.
  • Ritterorden wenden sich Pflegeberufen zu.
  • Strenge Regeln für ein tugendhaftes Leben.

Populäre Ritterspiele haben weder mit den Tätigkeiten der modernen Ritter, die sich zumeist im karitativen Bereich abspielen, zu tun noch mit der mittelalterlichen Wirklichkeit.Foto:David Ball/wikipedia

Populäre Ritterspiele haben weder mit den Tätigkeiten der modernen Ritter, die sich zumeist im karitativen Bereich abspielen, zu tun noch mit der mittelalterlichen Wirklichkeit.Foto:David Ball/wikipedia Populäre Ritterspiele haben weder mit den Tätigkeiten der modernen Ritter, die sich zumeist im karitativen Bereich abspielen, zu tun noch mit der mittelalterlichen Wirklichkeit.Foto:David Ball/wikipedia

Sie sind mitten unter uns. Sie sehen aus wie wir. Sie essen das Gleiche wie wir (vielleicht nur etwas vornehmer bisweilen, das gehört sich so in ihren Kreisen). Sie kleiden sich sogar wie wir und fahren, ganz wie wir, mit dem Auto, mit der Straßenbahn, mit dem Bus. Das ist am verblüffendsten. Denn eigentlich würde man erwarten, dass sie in schimmernden Rüstungen auf Pferden sitzen. Nur Prinzessinnen könnten sie auch in diesem Fall nicht mehr vor den Drachen retten, da Drachen heute Mangelware sind. Aber die Ritter von heute sind nicht die Ritter von damals, und schon die Ritter von damals waren nicht ganz, was man sich gemeinhin, geprägt durch romantische Verklärung und nicht zuletzt Hollywood-Filme, unter ihnen vorstellen mag.


Die Ritterei blüht heute fast wie im Mittelalter. 21 Ritterbünde beziehungsweise Ritterorden gibt es heute in Österreich. Viele von ihnen stehen in der Tradition der Hilfe für kranke Menschen, etwa der Malteser-, der Johanniter-Orden oder der St.-Lazarus-Orden. Das karitative Wirken dieser Bünde lässt oft vergessen, dass den Rittern des Mittelalters die Ritterlichkeit, wie wir sie heute verstehen, weitgehend fremd war.

Skrupelloser Schlagetot
Der Ritter gehörte nicht zur Kavallerie, die als taktische Formation agierte, sondern war ein schwer bewaffneter Einzelkämpfer. Aus der mit Lanze und Schwert bewaffneten gepanzerten Reiterei der Spätantike entwickelte sich der Ritter: Ein Krieger zu Pferd, der zwangsläufig wohlhabend sein musste, denn er hatte nicht nur seine Bewaffnung und sein Pferd selbst zu stellen, sondern auf Feldzügen auch seine eigene Verpflegung, die seines Personals und der Pferde. Adelige, die sich den Ritterstand nicht leisten konnten, verzichteten auf die Schwertleite (später "Ritterschlag" genannt) und blieben sogenannte Edelknechte.

Kurioserweise gab es auch die entgegengesetzte Entwicklung: Herren schickten ihre Unfreien entsprechend bewaffnet auf den Feldzug. Diese sogenannten "Dienstmannen" konnten, hatten sie sich im Kampf bewährt, in den Ritterstand erhoben werden. Kaiser Barbarossa wirkte diesem allzu schnellen Aufstieg niedriger Stände entgegen, indem er Ende des 12. Jahrhunderts verbot, Söhne von Bauern und, man staunt vielleicht, Priester in den Ritterstand zu erheben.

Der Ritter des frühen Mittelalters ist ein Schlagetot ohne die geringste soziale Anwandlung. Übergriffe auf die Bevölkerung sind an der Tagesordnung, der Ritter nimmt, was ihm beliebt. Aufgrund seiner Bewaffnung und Kampfausbildung kann sich ihm niemand wirkungsvoll in den Weg stellen.

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Schlagwörter

Geschichte, Ritter, Mittelalter

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2011-06-21 14:09:07
Letzte Änderung am 2011-08-03 17:51:17


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