• vom 12.04.2011, 17:57 Uhr

Kultur

Update: 12.04.2011, 18:02 Uhr

Daniil Charms ist Kult - zum zweiten Mal innerhalb von 25 Jahren erscheinen seine Werke auf Deutsch

Der traurige Clown der Sprache




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Edwin Baumgartner

  • Pionier einer Literatur des Absurden.
  • Feindbild der stalinistischen Kultur.
  • In der Psychiatrie eines Gefängnisses verhungert.
  • Leningrad, 23. August 1941: Daniil Iwanoowitsch Juwatschow, der sich als Schriftsteller Daniil Charms nennt, wird verhaftet. Man wirft ihm die "Verbreitung defätistischer Propaganda" vor. Der Schritt zur sowjet-behördlich festgestellten Geisteskrankheit ist nur ein kleiner. Am 10. September wird Charms für schizophren erklärt.

Am 22. Oktober ist er offenbar wieder gesund, denn man verlegt ihn von der psychiatrischen Anstalt zurück ins Gefängnis. Am 7. Dezember ist er doch wieder geisteskrank. Er wird in die psychiatrische Anstalt des Gefängnisses eingeliefert. Am 2. Februar 1942 stirbt Daniil Charms an Unterernährung - ähnlich tausenden Menschen während der Belagerung Leningrads durch die nationalsozialistischen Truppen.


Charms ist nicht der erste Künstler, welcher der Paranoia des Stalinismus zum Opfer fällt, er ist auch nicht der einzige. Was den Fall Charms heraushebt aus der Masse ähnlicher Fälle, ist der Nachruhm des zu Lebzeiten nahezu unbekannten Autors. 1984 bringt der Haffmanns-Verlag "Fälle" heraus, die Sammlung absurder Kürzestgeschichten wird zum Kult. 1985 lässt Haffmanns einen zweiten Band mit Texten Charms folgen, "Fallen", abermals in der Übersetzung von Peter Urban. Danach bleibt Charms ein fester Bestandteil des deutschsprachigen Buchmarkts. 1995 erscheint in Urbans Übersetzung "Alle Fälle" mit dem Zusatz "das unvollständige Gesamtwerk". Derzeit erscheint bei Galiani in der Übersetzung von Beate Rausch und Alexander Nitzberg eine neue vierbändige Werkausgabe.

Retter des Absurden

Das letzte Foto des Dichters Daniil Charms. Foto: wikipedia

Das letzte Foto des Dichters Daniil Charms. Foto: wikipedia Das letzte Foto des Dichters Daniil Charms. Foto: wikipedia

Fast scheint es so, als wäre Charms zugleich Pionier und Retter der Literatur des Absurden. Denn kaum etwas von dem hat überlebt, was von den Fünfziger- bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts, ausgehend von Frankreich, eine Hochblüte hatte. Namen wie Arthur Adamov, Jacques Audiberti, Michel de Ghelderode oder Jean Tardieu sind vergessen, von Eugène Ionescos 27 Stücken werden ab und zu zwei, nämlich "Die Stühle" und "Die kahle Sängerin" gespielt, nicht einmal "Die Nashörner", die es bis in den Französisch-Unterricht der Mittelschulen schafften und als unverwüstlich galten, haben überlebt. Lediglich um Samuel Beckett ist es stiller, aber nicht ganz still geworden.

Charms ist der einzige Autor des Absurden, um den sich ein Kult entwickelt hat - und er war obendrein mit der Darstellung einer sinnentleerten Welt, die bevölkert ist von irrational handelnde Menschen, etwas früher dran. Als Russe hatte er dabei freilich einen großen Vorteil: die Tradition der russischen Literatur.

In der Ukraine ist Daniil Charms populär genug, um Motiv für ein Graffito zu sein. Foto: wikipedia

In der Ukraine ist Daniil Charms populär genug, um Motiv für ein Graffito zu sein. Foto: wikipedia In der Ukraine ist Daniil Charms populär genug, um Motiv für ein Graffito zu sein. Foto: wikipedia

So ist etwa Nikolai Gogols Erzählung "Die Nase" ein Prototyp der Literatur des Absurden. Auch Michail Saltykow-Schtschedrin nähert sich in seiner "Geschichte einer Stadt" dem Absurden, indem er die Satire so lange steigert, bis sie ihre Haftung an reale Möglichkeiten verliert. Bei Anton Tschechow wiederum leben und reden Menschen aneinander vorbei - und die frühen humoristischen Erzählungen des Autors nähern sich mitunter ebenfalls der absurden Übersteigerung. Während diese Autoren das Absurde allerdings nur fallweise berühren, liefert sich ihm Charms völlig aus.

Schon sein familiärer Hintergrund ist ungewöhnlich. Sein Vater ist Lehrer und Sozialrevolutionär im Sinne der pazifistischen und vegetarisch lebenden Tolstojaner, die eine Art anarchisches, naturbezogenes Christentum zum Ziel hatten, schließt sich der anarchistischen Terrorgruppe Narodnaja volja an und verbringt zwölf Jahre in Gefängnissen. Seine Mutter stammt aus einem Adelsgeschlecht und arbeitet bis zu ihrem Tod 1928 in einem Obdachlosenheim für haftentlassene Frauen.

Geboren wird Daniil Iwanowitsch Juwatschow am 30. Dezember 1905 in der Stadt, die zu diesem Zeitpunkt St. Petersburg heißt. Er maturiert, studiert am Elektrotechnikum und später an der Filmabteilung des Instituts für Kunstgeschichte seiner mittlerweile in Leningrad umbenannten Heimatstadt, ohne Abschlüsse zu machen.

Antibürgerliche Avantgarde

Seine künstlerische Prägung erfährt Juwatschow zu Beginn der Zwanzigerjahre in den Dichterkreisen um die Avantgardisten Welimir Chlebnikow und Wladimir Majakowski. Die Kunst der Sowjetunion ist zu dieser Zeit noch revolutionär antibürgerlich, eine enge Verwandte europäischer Avantgarderichtungen, etwa des Futurismus.

Juwatschow begeistert sich besonders für Chlebnikows Lautgedichte, die er nachahmt, ehe er in gegenseitigem Gedankenaustausch mit seinem Freund, dem Dichter Alexander Wwedenski, seine eigene Stimme findet. Aus Daniil Iwanowitsch Juwatschow wird Daniil Charms. Woher Juwatschow das Wort Charms hat, ist umstritten. Es könnte vom französischen "charme" ebenso abgeleitet sein wie vom englischen "harm" (Qual) - oder es ist eine Verballhornung von (Sherlock) Holmes, denn Charms bewunderte den von Arthur Conan Doyle erfundenen Detektiv.

1926 gründen Wwedenski und Charms die Tschinari-Schule, die sich "die Provokation, den Kampf gegen den gesunden Menschenverstand und gegen die Welt des Mittelmaßes, der Langeweile und der aufgeblasenen Solidität" zum Inhalt macht, und im November 1926 zusammen mit dem Dichter Nikolai Sabolozki die Künstlergruppe Oberiu. Das Wort ist eine Abkürzung von "Objedinjenije realnogo iskusstwa" ("Vereinigung für die reale Kunst"). Das "u" von Oberiu ist - ein Ulk, charakteristisch für diese Künstler. Der Gruppe gehören weiters Igor Bachterew, Boris Lewin, K. Minz, A. Rasumowski, Konstantin Konstantinowitsch Waginow und Juri Wladimirow an.

weiterlesen auf Seite 2 von 2



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-04-12 17:57:20
Letzte Änderung am 2011-04-12 18:02:00


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Ich glaube nicht mehr an Trends"
  2. "Skandale finden in der Realität statt"
  3. Ketchup von oben
  4. Der Teufel am Kreisverkehr
  5. Geboren aus dem Chaos
Meistkommentiert
  1. kurz gesagt: so gehts
  2. Als Morak und Metropol noch wild waren
  3. ORF wünscht sich ein Dutzend Gesetzesänderungen
  4. Eine schwierige Kiste
  5. Streit um Affen-Selfie beendet

Werbung




Werbung



Werbung