• vom 26.01.2011, 18:43 Uhr

Kultur

Update: 16.06.2011, 21:03 Uhr

Sprache

Zukunft lebt von der Vielfalt




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Von Bernd Vasari

  • Finale des zum zweiten Mal stattfindenden Redewettbewerbs "Sags Multi"
  • Mehrsprachige Schüler erzählen ihre Geschichten.
  • Das Projekt will neue Rollenbilder schaffen.
  • Vielsprachigkeit als ein Schlüssel des Dialogs und des Miteinanders.

Reden für kulturelles Miteinander und gegen Rassismus: Drei der Finalistinnen des Redewettbewerbs "Sags Multi" Tennesy Wari-Chuks, Fikret Can Aygün und Molinda Chhay (von links). Foto: Bernd Vasari

Reden für kulturelles Miteinander und gegen Rassismus: Drei der Finalistinnen des Redewettbewerbs "Sags Multi" Tennesy Wari-Chuks, Fikret Can Aygün und Molinda Chhay (von links). Foto: Bernd Vasari Reden für kulturelles Miteinander und gegen Rassismus: Drei der Finalistinnen des Redewettbewerbs "Sags Multi" Tennesy Wari-Chuks, Fikret Can Aygün und Molinda Chhay (von links). Foto: Bernd Vasari

Wien. 40 Sprachen und ebenso viele Kulturkreise traten heuer gegen einander an. Im Finale sind 53 Schüler ab der 7. Schulstufe. Jeder und jede mit der eigenen, persönlichen Geschichte und den Erfahrungen mit dem eigenen multikulturellen Hintergrund. Wer den diesjährige Redewettbewerb vom Verein Wirtschaft für Integration (VWFI) "Sags Multi" letztlich gewonnen hat, erfahren die Schüler ab der 7. Schulstufe erst Mitte Februar. 15 Schüler gewinnen dabei einen Rhetorikkurs und eine gemeinsame Reise mit Bürgermeister Michael Häupl oder Vizebürgermeisterin Renate Brauner, die höchstwahrscheinlich in eine europäische Hauptstadt führen wird.


"Es geht darum, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, aber vor allem bei den Jugendlichen und ihren Eltern selbst auf dieses mehrsprachige Potenzial zu lenken", so Zwetelina Ortega, Geschäftsführerin des VWFI. "Wir wollen mit dem Wettbewerb zeigen, welche Schätze in unseren Schulen stecken." Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger betonte bei der zweiten Finalrunde in Wien: "Diese Veranstaltung zeigt die Zukunft, die von der Vielfalt lebt. Die Teilnehmer sind Role Models für viele Menschen mit Migrationshintergrund." Sie forderte die Schüler auf: "Behalten Sie sich Ihre Mehrsprachigkeit. Sie ist der Schlüssel des Dialogs und des Miteinanders."

Das Leben ist eine U-Bahn

Das Leitthema des zum zweiten Mal stattfindenden "Sags Multi" ist "Das Leben ist eine Reise" mit zehn themenbezogenen Unterthemen, wie "Ich gehe über meine Grenzen", "Die Stationen meines Lebens" oder "Die wahren Reisen finden im Kopf statt". "Sind wir überhaupt im richtigen Zug?", fragt dazu etwa der 17-jährige Ali Sentürk in seiner Rede. Er vergleicht das Leben mit der Strecke der U-Bahnlinie U6: "Es gibt einen Anfangspunkt wie Floridsdorf und eine Endstation wie Siebenhirten und dazwischen viele Stationen, die zu bewältigen sind. Meine erste Station in meinem Leben wird der Abschluss der Schule sein." Aayushma K.C. besuchte vor ein paar Jahren ihre Großmutter in Nepal. Auf ihrer Reise traf sie eine alte Freundin, die mit 13 Jahren verheiratet worden war, und stellt sich in Folge selbst vor, verheiratet zu sein. Domokos Nagy erkennt viele Ähnlichkeiten seiner Heimatstadt Budapest zu Wien und legt sich nicht auf eine Heimat fest: "Wien ist mein Vaterland, aber aus Budapest habe ich meine Muttersprache." Auch Mohamed Wahdan sieht das ähnlich: "Ich fühle mich in Ägypten und in Österreich wohl. Beides sind meine Heimatländer."

Dagegen hat Adnan Tokic während einer Reise nach Bosnien und Kroatien, von wo seine Eltern herkommen, beschlossen, Österreicher zu sein: "Ich bin in Wien geboren also bin ich Österreicher." Scherzhaft fügt er hinzu, dass er das Amt des Bundespräsidenten anstrebe. "Wenn ich Bundespräsident wäre, dann würden alle hier eine Heimat finden und es gäbe keine Diskriminierungen mehr. Ich weiß, dass ich es schaffen werde, denn: A echta Wiena geht net unta."

Auch Molinda Chhay lässt sich nicht unterkriegen. In einer sehr bewegenden Rede erzählt sie über die Trennung von ihrem Vater und wie sie heute damit umgeht. "Ich will meine Vergangenheit nicht vergessen. Sie ist ein Teil von mir. Ich will mich nicht mehr vor mir selbst verstecken. Nehmen wir unsere Masken ab und seien wir so, wie wir sind. Wir gehen gemeinsam über unsere Grenzen."

Die 14-jährige Tennesy Wari-Chuks spricht über ihre Erfahrungen mit Rassismus im Alltag und sagt: "Das ist gezielte Hetze gegen Menschen, die man zu Sündenböcken macht. Das kann ich nicht akzeptieren. Wie kann man jemanden hassen, nur weil er anders aussieht oder eine andere Hautfarbe hat?" Auch Fikret Can Aygün hat Ausgrenzung aufgrund seiner Herkunft erlebt. "Ich bin in Mödling geboren, aber in der Volksschule war ich immer nur der Türke. Nachdem wir das Thema Türkenbelagerung im Sachunterricht durchnahmen, stürmten meine damaligen Mitschüler in der Pause auf mich zu und fragten: Warum hast du das getan?"

Förderung ohne Konzept

"Obwohl es bereits verschiedenste Beispiele der Förderung von Mehrsprachigkeit von Eltern oder aufmerksamen Lehrern gibt, fehlt ein kontinuierliches Bewusstsein und Gesamtkonzept an den Schulen", kritisiert Zwetelina Ortega bestehende Modelle. "Nicht zuletzt sind manche Sprachen sehr negativ konnotiert. Dem sollte entgegengewirkt werden, weil es auch einen starken Konflikt in der Gesellschaft auslöst."

Auch der 13-jährige Domokos Nagy sieht Vorteile der Mehrsprachigkeit: "Zu Silvester würde ich in Rumänien nicht Prost sagen. Denn Prost heißt auf Rumänisch dumm."




Schlagwörter

Sprache, Schule, Community

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-01-26 18:43:00
Letzte Änderung am 2011-06-16 21:03:59


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