
"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr", hieß das schlagende Argument Erziehungsberechtigter in vergangenen Generationen. Gerne angewandt bei unwilligen Klavierschülern, bockigen Tennishoffnungen oder bei Unlust auf Rechnen oder Sachunterricht. Später würden die Kinder schließlich nicht mehr so viel Zeit haben, nicht mehr so leicht lernen können, nicht jeden Dienstag zum Ballett geführt werden. Irgendwo in der Ferne schien eine Türe zu sein, an der Schwelle von Hänschen zu Hans - ein Zeitfenster des Lernens, das sich unerbittlich schließt, sobald man es passiert, reuige Rückkehr ausgeschlossen.
Es sind wohl ähnliche Vorstellungen, die bereits seit Jahrzehnten schwangere Frauen vor allem in den USA pränatale Universitäten besuchen lassen. Sie halten sich große Kopfhörer auf den Babybauch und beschallen ihn mit Mozart, Bach und erprobtem Lernmaterial. Sie geben ihrem Baby nach Anweisung Klopfzeichen durch die Bauchdecke, wollen dem kleinen Wesen schon Zählen beibringen, bevor es seinen ersten Schrei gemacht hat. Mit Spezialmikrofonen lesen sie ihm Geschichten vor, werdende Mütter schnallen sich Lerngeräte um den Bauch, die mit Herzschlag-ähnlichen Geräuschen das Gehirn des Babys trainieren sollen. Was Hänschen im Bauch nicht lernt, lernt er danach nur mehr schwer, ist hier das Argument.
Schach im Uterus
Angebote wie die Prenatal University in Kalifornien, die bereits seit 30 Jahren vorgeburtlichen Unterricht anbietet, oder das pränatale Lernsystem Babyplus argumentieren ähnlich. Schon im sechsten Monat beginne eine heiße Phase, in der sich Verbindungen im Gehirn verknüpfen, mit zwei Jahren sei der Zauber schon wieder vorbei. Solche Altersgrenzen, die einmal niedriger und einmal höher angesetzt werden, und die Sorge, bis dahin wichtige Fördergelegenheiten zu verpassen, lassen viele Eltern - nicht nur in den USA - schon mit ihren Kleinkindern Chinesisch- oder Schachkurse besuchen und in Förderprogramme für das Ungeborene investieren. Jetzt oder nie, ist die Devise. Man will die Kinder optimal auf das spätere Leben vorbereiten, keine Chancen verstreichen lassen, sich später nichts vorwerfen müssen. "Kein Wunder, dass Müttern von Säuglingen schon mal der Angstschweiß auf der Stirn steht: Was nun nicht alles schiefgehen kann! Wer will schon, dass das Babyhirn aufgrund mangelnder oder gar falscher Anregung die Hälfte seiner nicht benutzten Synapsen wieder einschmilzt und sich so sein kognitives Potenzial dramatisch minimiert - für immer!", schreibt Felicitas Römer in "Arme Superkinder", einer Streitschrift darüber, "wie unsere Kinder der Wirtschaft geopfert werden". Noch nie in der Geschichte sei dem Kind und seiner Entwicklung so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden wie heute, das Wissen und gefährliche Halbwissen der Eltern über Psychologie und Pädagogik waren kaum jemals so hoch - mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.
Kinder haben einen besonderen Stellenwert in der Gesellschaft, gleichzeitig bekommen Familien immer weniger Kinder, und so lastet auch mehr Druck auf ihnen. Druck, der auch aus der Leistungsgesellschaft an die Eltern weitergegeben wird, die ihre Kinder optimal für diese Welt wappnen wollen, führen Autoren wie Felicitas Römer aus. Aus dem grundsätzlich positiv besetzten Begriff des Förderns wurden in den vergangenen Jahren Begriffe wie Förderwahn und Förderfalle gebildet. Die Förderthematik hat es auch auf dem Buchmarkt aus der verstaubten Pädagogikecke in die Bestsellerlisten geschafft - mit einer erstaunlichen Bandbreite an Haltungen dazu.
Rückkehr zur Intuition
Den meisten Staub wirbelte dabei wohl Amy Chuas "Die Mutter des Erfolgs" auf. Die chinesische Yale-Professorin beschreibt in ihrem Buch, wie sie ihren zwei Töchtern mit autoritären Erziehungsmethoden "das Siegen beibrachte". In Europa brachte das Buch ambivalente Reaktionen und hitzige Debatten über den Leistungsgedanken in der Erziehung mit sich. Leistung und Exzellenz sind die Werte, die die "Tiger Mom" ihren Kinder weitergeben will, und sie beschreibt auch, wie sie damit scheitert, als eine der beiden musikalisch hochbegabten Töchter gegen die Mutter rebelliert und die Geige gegen den Tennisschläger tauscht. Auch im deutschsprachigen Raum beschäftigen sich viele Bucherscheinungen mit der Förderthematik, wenn auch zumeist mit der komplett gegensätzlichen Haltung. Neben Römers "Arme Superkinder" schreibt der deutsche Pädagoge und Familientherapeut Wolfgang Bergmann in "Lasst Eure Kinder in Ruhe" gegen den "Förderwahn in der Erziehung", Michael Winterhoff fordert in "Lasst Kinder wieder Kinder sein" eine Rückkehr zur Intuition.
Die Bandbreite an Erziehungsideologien, die Eltern nun vermittelt bekommen, ist groß wie nie. Frühkindliche Förderangebote warnen etwa davor, Chancen verstreichen zu lassen, Autoren wie Wolfgang Bergmann schreiben hingegen, dass das Lernen in Fördereinrichtungen "den allermeisten Kindern gar nichts nutzt, anderen schadet." Auf der Suche nach Orientierung ginge vielen Eltern die Intuition für ihre Kinder verloren, schreibt er. Gründe für die neue Unsicherheit seien etwa die isolierte Kleinfamilie, in der kein tradiertes Wissen über Kindererziehung weitergegeben werde. Das Kind stehe im Zentrum der Familie und im Zentrum der Partnerschaft, es werde verwöhnt und überbeschützt, das Paar definiere sich vor allem über die Elternrolle. Mit der Bildung und Förderung des Kindes sollen die Zukunftsängste der Eltern bekämpft werden. "Das Kind wird gefördert, damit es ein kluges Kind wird, ein ganz besonderes." Die Eltern seien dabei "gleichzeitig orientierungslos und übermäßig an ihre Kinder gebunden" und würden sich vom Verwöhnen gleich in einen ängstigenden Leistungsvergleich stürzen.
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