Linz. Ein wenig Fantasie braucht man noch. "Hier könnten wir einen Sekt trinken, dort drüben wäre die Raucherlounge", sagt Chris Müller und lässt den Blick durch das alte Magazin schweifen. Der fiktive Sekt ist ausgetrunken, Müller schiebt eine schwere Eisentüre auf und betritt den spartanischen Theatersaal. Ohne Mantel und Haube friert man hier noch - wenn am Freitag mit "Revolvertraum" die erste Premiere im sogenannten Ostblock der Tabakfabrik stattfindet, soll es dank großer Heizlüfter wohlig warm werden. Wahrlich: Man braucht noch ein wenig Fantasie, um sich die Zukunft der weitläufigen Industrieareale vorzustellen.
Chris Müller scheint sie schon lebhaft vor sich zu sehen, wenn er Besucher durch die Anlagen führt. Der bildende Künstler, der in den vergangenen Jahren das Theater Hausruck leitete, koordiniert seit Jahresbeginn die Zwischennutzung der Tabakfabrik und arbeitet an Ideen für die Zukunft des Areals. Bis Ende 2013 will sich die Stadt Linz über die endgültige Nutzung im Klaren sein.
Seit das in den 1930er Jahren als wegweisender Industriebau von Peter Behrens und Alexander Popp entworfene Industrieareal 2009 von der Austria Tabak an die Stadt Linz verkauft wurde, wird auch über dessen Zukunft diskutiert. 2010 fand die Ars Electronica in den weiten denkmalgeschützten Hallen statt, in denen noch vor wenigen Jahren Zigaretten gedreht wurden. Außerdem war die Tabakfabrik Heimat für die Öko-Modemesse Wear Fair, einzelne Ausstellungen und Veranstaltungen. Mittlerweile sind in den Bau 2 ein Architekturbüro und ein Unternehmen für digitale Innovationen gezogen. Was noch fehlt, ist ein langfristiges Konzept, vor allem für die denkmalgeschützten Bereiche.
An diesem arbeitet auch Chris Müller, der die Tabakfabrik als "perfekte soziale Skulptur" sieht, die er formen will. Sieben Nutzungsanfragen bekommt er pro Tag, von der freien Theatergruppe bis zum großen Designbüro, das sich einmieten möchte. Müller sammelt die Anfragen, um sie für die zukünftige Nutzung sinnvoll zu bündeln.
Bereits jetzt finden in der Tabakfabrik Veranstaltungen statt: Neben der Theaterpremiere "Revolvertraum" gibt es Lesungen wie jene von Franzobel am 1. März, im Juni zieht eine Porsche-Ausstellung in einen Teil des Gebäudes. Platz für Ideen gibt es auf dem 80.000 Quadratmeter großen Areal mehr als genug, deshalb hat Müller für die ersten Veranstaltungen auch die Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern gesucht. Eine Gärtnerei lagert meterhohe Palmen, ein Möbelvermieter Stehtische und Loungesessel, ein anderer Anbieter sein Technikequipment, das von den Kunden gemietet werden kann. "Man minimiert den Organisationsaufwand, und sorgt gleichzeitig dafür, dass die Veranstaltungen ein gewisses Bild bekommen", sagt Müller.
Wasser und Wohnungen
Über die Zukunft der Tabakfabrik wurde auch im europaweiten Architektenwettbewerb Europan nachgedacht, die besten eingereichten Ideen sind noch bis 18. Februar in der Tabakfabrik zu sehen. Von einer an Venedig anmutenden Wasserlandschaft rund um den Industriebau über funktionale Wohnlösungen bis zu grünen Oasen zwischen den Tabakmagazinen reichen die Visionen. Das Areal rund um die Tabakfabrik soll künftig ein eigener Stadtteil werden, in der Kunst und Soziales verbunden werden. "Das ist die große Idee", sagt Müller: "Wenn Soziales und Kultur anfangen sich zu verbinden, wird es interessant." Deshalb soll die ehemalige Produktionsstätte auch eine solche bleiben, auch wenn statt Zigaretten hier in Zukunft Design, Kunst und soziale Visionen entstehen sollen.
"Ein neues Museumsquartier ist nicht das Ziel, inhaltlich interessiert mich das überhaupt nicht." Statt großer Museumstanker sollen viele kleine Initiativen das große Ganze bilden, das sich auch ständig mitentwickeln soll. "Wenn man einmal glaubt, den Zauberwürfel zusammengestellt zu haben, ist es eh schon falsch", sagt Müller. "Was würde Behrens in meiner Lage machen? Er meinte auch, die Hallen sollen frei bleiben, weil man nicht weiß, wie sich die Maschinen in den nächsten Jahrzehnten verändern. Wir müssen das auch berücksichtigen und anpassungsfähig bleiben."
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