
Eines muss man dem Verlag Rowohlt wirklich lassen: Am Sinn für Details mangelt es der deutschen Ausgabe von Nicholson Bakers Pornoroman "Haus der Löcher" wirklich nicht. Als ob es darin nicht der Fleischlichkeit genug gäbe, ist auch noch das Lesebändchen fleischfarben. Das ist wiederum sehr subtil im Vergleich zur amerikanischen Originalausgabe, auf deren Cover eine clowneske Frau die Beine spreizt.
Wobei das Lesebändchen auch schon das einzig subtile an Bakers Orgienspektakel ist. Das "Haus der Löcher" ist eine Lokalität, in der, ähnlich einer Adult-Version von Alice im Wunderland, seltsame Dinge geschehen. Und zwar ausschließlich sexuelle Dinge. Es handelt sich um ein Freudenhaus für Männer und Frauen, in dem kein Wunsch aus dem Genitalbereich unerfüllt bleibt. Das kann sogar sein, dass sich eine Frau unvermittelt im Penis eines Mannes wiederfindet. Zutritt in das Schmuddelschlaraffenland erhalten nur Auserwählte, Zugang gibt es über alle Arten von Öffnungen: In der noch jugendfreisten Variante wird eine Frau in einen Strohhalm eingesogen und kommt dann im Haus der Löcher raus.
Eierlikör, literweise
Baker erweist sich als äußerst anschaulicher Beschreiber mannigfaltiger Aktvarianten, nicht immer ganz ohne (wahrscheinlich gar nicht unfreiwilligen) Humor: "Plötzlich begann er mit Stöhnmiene, die BH-Träger um seine Erektion zu wickeln, die verblüffend groß und leicht aufwärtsgebogen war wie ein exotischer, violetter Stoßzahn." Durchaus langen Atem beweist er in der Geschlechtsteilbenennungs-Kreativität. Da kommt sogar "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson beziehungsweise Peter und seine Jacksons zu Ehren. Irgendwann erschöpft sich aber auch das und ein Dödel bleibt ein Dödel. Was wiederum an erotischer Aura allein phonetisch zu wünschen übrig lässt. So mancher wird übrigens vielleicht nach der Lektüre auch das Stamperl Eierlikör mit anderen Augen sehen.
Sex mit Rufzeichen
Ein Buch also, das unsere Großmütter im Ofen verbrannt hätten, holt es aber heute noch jemand hinter demselben hervor? Die Literaturkritik war nach dem Erscheinen so erregt wie nicht mehr seit Chuck Palahniuk in "Snuff" eine Pornodarstellerin per Weltrekord-Gangbang Selbstmord begehen ließ. Doch die Zeiten ändern sich: Den meisten war das neue Werk von Baker, der ein alter Hase in der gehobenen Pornoliteratur ist (seine Telefonsexnovelle "Vox" gilt als Klassiker des Genres), zu albern, um einen Skandal zu generieren. Tatsächlich hat Baker eine fast kindlich anmutende Freude am Obszönen. Die beherzte Vulgarität und die mehr als abwegig-schrulligen Begattungsideen mit surrealen Hilfsmitteln und deutlicher Vorliebe für ausgiebigen Samenfluss amüsieren - aber mehr nicht. Mit jeder Seite wird die Vermutung größer, dass gleich die Schlümpfe auftauchen, ein bisschen von ihren halluzinogenen Pilzhäusern naschen, sich ihrer insgesamten Phalligkeit bewusst werden und einen scharfen "Bravo"-Fotoroman schießen.
Zahlen sind verlässlich. Sie vermitteln ein Gefühl der Sicherheit, der Wahrheit, der Objektivität. Doch sie sind nicht einfach neutral...
weiter
"Man hat mich mit elektrischen Kabeln geschlagen, wovon ich heute noch Spuren habe. Mein ganzer Körper war eine einzige Wunde...
weiter
Als 2010 Jean-Pierre Abrahams Buch "Der Leuchtturm" mehr als vier Jahrzehnte nach dem Original erstmals auch auf Deutsch erschien...
weiter
Wien.Auch so kann man die Zuerkennung des wichtigsten Preises für deutschsprachige Literatur feiern: Felicitas Hoppe hat sich nach dem Anruf der Jury...
weiter
Es ist noch früh am Morgen, als Emil Bub seinen Balkon betritt, und doch spürt er schon die drückende Hitze, die seit Wochen über dem Stuttgarter...
weiter