
Die Biene Maja, die gerade 100. Geburtstag feiert, ist kein Zeichentrickfilm, und es gibt auch den "faulen Willi" nicht. Oder genauer gesagt: Die "Biene Maja" ist ein Roman des deutschen Schriftstellers Waldemar Bonsels. Erst 1976 wurde daraus auf die Initiative des deutschen Fernsehsenders ZDF in Kooperation mit dem japanischen Trickstudio Zuiyo Enterprise eine Trickfilmserie. Die Fernsehleute erfanden den "faulen Willi", "Flip, den Grashüpfer" und "Max, den Regenwurm". Die Serie wurde populär. Sehr populär. Und ist für die Roman-Vorlage ungefähr dieselbe Katastrophe, die Walt Disneys Verfilmung des "Dschungelbuchs" für Rudyard Kiplings Werk darstellt. Auf ihre Weise sind die filmischen Umsetzungen zweifellos in Ordnung. Aber sie zeichnen die literarischen Vorlagen zu harmlosen Kindergeschichten um. Dabei haben Bonsels und Kipling eines gemein: Genuine Jugendliteratur sind weder die "Biene Maja" noch das "Dschungelbuch".
Bonsels ist mit seinen anderen Büchern heute praktisch vergessen, woran auch eine zu seinem 40. Todestag 1992 herausgekommene Gesamtausgabe seiner Werke nichts ändert. Er hat mit dem Erfolg der "Biene Maja" seine anderen Werke gleichsam aus dem Bewusstsein geschrieben.
Dabei ist dieser Bonsels keineswegs ein schwacher Autor mit einem einzigen Erfolg. Der am 21. Februar 1880 in Ahrensburg geborene Sohn eines Apothekers und bis 1897 praktizierende Zahnarzt lässt sich zum Missionskaufmann ausbilden, geht im Auftrag der Basler Mission 1903 nach Ostindien, verlässt jedoch schon 1904 Land und Mission, kehrt zurück nach Deutschland, gründet einen Verlag, heiratet, lässt sich kurz darauf scheiden, heiratet abermals, zieht sich aus dem Verlag zurück. Im Ersten Weltkrieg ist Bonsels Kriegsberichterstatter, danach lässt er sich in einem Haus am Starnberger See nieder, schon gibt es die nächste Scheidung und eine neue Lebensgemeinschaft. Sehr beständig ist er wahrlich nicht. Er will keine Familie, das scheint ihm zu bürgerlich.
Bonsels biedert sich an das NS-Regime an

Andererseits: So ganz gegen den Strom schwimmt er auch wieder nicht: Obwohl er noch 1932 zwei SA-Männer aus einer Lesung hinauswirft und 1933 alle seine Bücher mit Ausnahme von "Die Biene Maja und ihre Abenteuer", "Himmelsvolk" und "Indienfahrten" von den Nationalsozialisten verbrannt werden, biedert er sich kurz darauf der NSDAP an und schreibt 1943 seinen Roman "Der Grieche Dositos", in dem eine eindeutig antisemitische Tendenz auszumachen ist: Jesus war kein Jude, sondern "Galiläer". Oder hatte Bonsels nur versucht, das nationalsozialistische Problem mit dem im Judenturm wurzelnden Christentum künstlerisch zu lösen?
Jedenfalls tritt er im Entnazifizierungsverfahren der Autorin Henriette von Schirach, der Frau des ehemaligen Reichsjugendführers und Wiener Gauleiters Baldur von Schirach, als Entlastungszeuge auf. 1950 heiratet er nochmals, zwei Jahre später stirbt er am 31. Juli in Ambach.
Bonsels zentrales Thema ist die Selbstfindung und die mit ihr zwangsläufig einhergehende Befreiung aus den Konventionen der bürgerlichen Welt. "Was dich die Liebe nicht lehrt, das sollst du nicht wissen", sagt Bonsels und meint, man möge nur der eigenen Erfahrung folgen, nicht vorgegebenen Mustern.
So seltsam es im ersten Moment anmutet: Das ist auch das Thema seiner beiden Bienen-Bücher, "Die Biene Maja und ihre Abenteuer" und "Himmelsvolk". Eine Biene überlebt ohne ihren Schwarm, und als sie sich dem Schwarm wieder zugesellt, ist es ihre eigene Entscheidung aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen.
So ganz neu ist das freilich nicht. Schon in der Antike haben manche Erzähler wohl menschliche Verhaltensweisen ins Tierreich übertragen. Der Grieche Äsop und der Römer Phaedrus gingen damit in die Literaturgeschichte ein und der Franzose Jean de la Fontaine perfektionierte das Genre mit virtuosen Versen, deren außerordentliche Eleganz nach wie vor unübertroffen ist. Auf seinen Spuren macht sich der Russe Iwan Andrejewitsch Krylow einen Namen, und Autoren wie Wolfdietrich Schnurre verlängern die Fabeldichtung bis ins 20. Jahrhundert.
Mensch als Tier, Tier als Mensch
Ein wesentlicher Unterschied besteht dabei zu Geschichten mit vermenschlichten Tieren. Während in der Fabel der Mensch in Tiergestalt auftritt, versucht die Tiergeschichte, die Natur fasslicher zu machen, indem sie den Tieren menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen zuordnet. Vereinfacht gesagt, geht es der Fabel um den Menschen, wobei sie sich die Tiere als Erscheinungshüllen zunutze macht, während es der Tiergeschichte um das Tier geht, das, um dem Leser als Integrationsgestalt dienen
zu können, menschliche Züge und oft auch eine Sprache
bekommt.
Dass solche Tierliteratur praktisch automatisch minderwertig ist, wie es die feuilletonistischen Hohepriester des Naturalismus suggerieren, stimmt indessen keineswegs. Vor allem der Engländer Rudyard Kipling hat in den beiden "Dschungelbüchern" dichterisch hochrangige Werke vorgelegt, die obendrein alles andere als harmlos sind: Die Gesetze des Dschungels (man könnte auch sagen: die Gesetze der Natur) teilen sich in all ihrer Unerbittlichkeit mit, zumal es keine übergeordnete sinnstiftende Philosophie außer den Gesetzen selbst gibt. Wesentlich harmloser ist da schon der andere weltweit verbreitete Tierroman, "Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde". Dessen Autor, der als Siegmund Salzmann geborene Felix Salten, der sinnenfrohe Werke knapp an der Grenze zur Pornographie verfasst hatte, darunter "Josefine Mutzenbacher, die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt" (anonym erschienen, Salten von diesem unwidersprochen zugeschrieben), drückt in der Geschichte des Rehs gewaltig auf die Tränendrüse. Walt Disney machte in seiner Verfilmung aus dem in Amerika unbekannten Reh einen Weißwedelhirsch und sorgte für den Welterfolg des so mutierten Bambi, wie er ja auch das "Dschungelbuch" zum harmlosen Zeichentrickfilm-Musical heruntertaktete.
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