• vom 14.02.2012, 18:29 Uhr

Kultur

Update: 14.02.2012, 18:29 Uhr
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Das "Festival Neue Literatur" in New York führt deutschsprachige Schriftsteller einem US-Publikum vor

Wettlesen im Big Apple


Von Klaus Stimeder

  • Vom großen Zuspruch waren Veranstalter wie Autoren überrascht.

Diese Autoren kamen verblüffend gut an in New York: Francisco Goldman, Larissa Boehning, Inka Parei, Liesl Schillinger (Kritikerin/Moderatorin), Monica Cantieni, Linda Stift, Erwin Uhrmann, Susan Bernofsky (Kuratorin; von links nach rechts).

Diese Autoren kamen verblüffend gut an in New York: Francisco Goldman, Larissa Boehning, Inka Parei, Liesl Schillinger (Kritikerin/Moderatorin), Monica Cantieni, Linda Stift, Erwin Uhrmann, Susan Bernofsky (Kuratorin; von links nach rechts).

New York. Tränen bilden als Gradmesser für den Erfolg von Literaturfestivals eine traditionell unterschätzte Kategorie. In Europa wie in den USA passiert es mutmaßlich selten, dass Leute herzlich zu weinen beginnen, wenn sie bei einer Lesung wegen zu großen Publikumsinteresses abgewimmelt werden. Am vergangenen Sonntag geschah selbiges trotzdem, wirklich, am helllichten Tag, mitten in New York. Der Mann war um die 60, er war allein und zu spät gekommen und er schluchzte und wimmerte, aber die Betreiber des Deutschen Hauses an der New York University ließen sich nicht erweichen; die hiesige Feuerpolizei gebe sich in punkto Sicherheit gänzlich spaßbefreit, und angesichts des bereits zu Veranstaltungsbeginn Punkt Mittag schwer überfüllten Lesesaals war diese Begründung nicht einmal gelogen.

In New York kann Literatur zum Blockbuster werden
Gefragt nach der Bilanz des diesjährigen "Festivals Neue Literatur", zeigten sich Ausrichter wie Teilnehmer am Ende einhellig verwundert. Weil, "so was ist uns wirklich noch nicht untergekommen" (Daniela Leder, die als stellvertretende Direktorin des Deutschen Hauses die undankbare Aufgabe des Türsteher-Zerberus auszufüllen hatte). Mit überbordendem Zuspruch der lokalen Bevölkerung hat in der Regel keine der Institutionen, die das Festival ausrichten, zu kämpfen, selbst Menschen, die in der alten Welt als Superstars gelten, eignen sich kaum als Zugpferde. Die Verhältnisse sind andere in Amerika, in New York im Besonderen. Alles anders, Anfang Februar 2012. Spätestens, nachdem am Sonntagabend, namentlich in der in der Prince Street ansässigen Buchhandlung McNally Jackson, die diesjährige Auflage zu Ende gegangen war, stand fest: Es war ein Erfolg, und zwar ein richtiger. Einer, dessen Väter nicht eindeutig zu identifizieren waren. Die einen meinten, dass eine Eloge des populären Programmblatts "Time Out" den Publikumszuspruch gefördert hätte; die anderen interpretierten es als Beweis, dass gut Ding eben Weile brauche.

Das Festival sei nunmehr drei Jahre alt, habe sich gut entwickelt, entsprechend sei der Faktor Mundpropaganda nicht zu unterschätzen. Während die Gründe fürs Gelingen vielfältig sein mögen, war dieses selbst unbestreitbar. Drei Tage, vier Veranstaltungen (Lesungen, Diskussionen, Interviews), strategisch verstreut über Up- und Downtown Manhattan und Brooklyn, jede einzelne davon irgendwo zwischen ziemlich voll und bummvoll. Präsentiert wurden sechs Autoren aus deutschsprachigen Ländern (Deutschland: Larissa Boehning, Inka Parei, Schweiz: Monica Cantieni, Catalin Dorian Florescu, Österreich: Linda Stift, Erwin Uhrmann), deren Schaffen - mit Ausnahme der Bachmann-Preisträgerin (2003) Parei - noch nicht ins Englische übersetzt worden ist und die, was immer das heißen mag, jung sind (der jüngste, Uhrmann, ist Jahrgang 1978). Gepaart wurden selbige mit renommierten US-Schriftstellern (Chris Adrian, Francisco Goldman) sowie -Übersetzern und -Kritikern (Kuratorin Susan Bernofsky, Liesl Schillinger). Auch ohne rosarote Brille besehen machten vor allem die heimischen Vertreter ihre Sache gut, legitimierten ihre Einladung nicht nur mittels überzeugenden, zweisprachig dargebrachten Vorträgen.

Den "Gewinnern" winkt ein Gespräch mit Verlegern
Stift las aus ihrem bisher letzten, bei Deuticke erschienenen Roman "Kein einziger Tag", Uhrmann aus seinem Debüt "Der lange Nachkrieg" (Limbus), zurückhaltend, aber selbstbewusst, diese Mischung kommt immer gut an, egal, wo auf der Welt. Sie waren offenbar gut gebrieft, Missverständnisse über das Wesen der Veranstaltung sollten gar nicht erst aufkommen. Kuratorin Bernofsky: "Was wir erreichen wollen, ist ein offenes Geheimnis: Dass die präsentierten Autorinnen und Autoren hierzulande Verleger finden, die für eine Übersetzung der Bücher ins Englische sorgen und sie hier bekannt machen."

Entsprechend kam nicht nur Gästen mit professionellem Beobachterstatus, zum Beispiel Michaela Monschein, als Kulturredakteurin des ORF-Landesstudios Kärnten maßgebliche Organisatorin der Klagenfurter "Tage der deutschsprachigen Literatur", das Ganze denn auch irgendwie bekannt vor. Das Festival ist auch ein bisschen "Wettlesen". Den "Gewinnern" winkt im Idealfall ein Gespräch mit einem amerikanischen Verlagsmenschen, der Auskunft über die Rechte begehrt. Wirklich heißen tut das freilich noch wenig bis gar nichts, während sich im Publikum zahlreiche Übersetzer, Lektoren und Deutsch-Lehrer fanden, hielten sich die Entscheider zurück, aber, "man darf auch nicht das Augenmaß verlieren. Es geht erstmal um die Vermittlung von Kontakten, im Optimalfall um den Aufbau nachhaltiger Verhältnisse, die vielleicht irgendwann zu Konkretem führen", sagt Martin Rauchbauer, der (Wiener) Direktor des Deutschen Hauses an der NYU. Seine Institution ist nur eine der vielen Ausrichter, das Festival Neue Literatur ist das Event gewordene Ergebnis der Zusammenarbeit sämtlicher namhafter Niederlassungen einschlägiger Kulturinstitutionen in New York, die im Grunde nur eines gemeinsam haben: die Vermittlung deutschsprachigen Kulturguts.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-02-14 15:26:08
Letzte Änderung am 2012-02-14 18:29:43


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