• Artikel vom 21.02.2012, 16:14 Uhr

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Update: 21.02.2012, 18:42 Uhr
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Kritiker und Autoren verteidigen Kracht gegen Vorwurf rechten Gedankenguts

Der braune Filz der Kokosnüsse


Von Edwin Baumgartner
  • Kann man einen Spinner als satirische Parallele zu Adolf Hitler inszenieren?

Wien. Das hat der Mann nun davon: Leser des deutschen Nachrichten-Magazins "Der Spiegel" fallen über ihn her, obendrein Schriftsteller und, zum Drüberstreuen, auch noch die eigene Kritiker-Zunft. Und alles nur, weil er in die älteste von allen Kritiker-Fallen getappt ist: Er hat einen so richtig fertiggemacht. So, dass man ihm den Genuss an der Hinrichtung anmerkt. Christian Kracht heißt das Opfer. Seit seinem Debüt "Faserland" gilt der heute Fünfundvierzigjährige als Fixstern der deutschen Literatur. Der andere, der Gegner, der Böse, der Kritiker also, heißt Georg Diez, ist 42 Jahre alt, bis jetzt noch Kern aller Theater- und Literaturkritik im "Spiegel" und Verfasser von Büchern über die Rolling Stones, die Beatles und die Krebserkrankung seiner Mutter.

Christian Kracht wird im "Spiegel" rechten Gedankenguts geziehen.

Christian Kracht wird im "Spiegel" rechten Gedankenguts geziehen.© wikipedia Christian Kracht wird im "Spiegel" rechten Gedankenguts geziehen.© wikipedia

Diez also wirft Kracht vor, sich weiter rechts positioniert zu haben, als die politische Korrektheit erlaubt, und glaubt, dessen neuen Roman "Imperium" als Sympathieerklärung nach dort interpretieren zu müssen. Wenn sich das freilich als Lesefehler des Kritikers entpuppt, wäre es eine schlimme Sache: Ein Autor, im "Spiegel" durch das Beil des Antifaschismus exekutiert, muss auf das Leben nach der Hinrichtung lange warten. Im Ernstfall ein ganzes Leben lang und das Nachleben dazu.

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Dabei scheint Krachts "Imperium" denkbar harmlos. Da geht es um einen August Engelhardt, der sich von der europäischen Zivilisation in die Südsee verabschiedet und dort verstiegenen Ideen nachgeht: Er ernährt sich ausschließlich von Kokosnüssen, "Kokovorismus" genannt, und entwickelt eine Sonnenreligion: "Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott."

Historische Gestalt
Das Zitat stammt übrigens nicht aus Krachts Roman, sondern von Engelhardt selbst: Die Romanfigur ist keine Erfindung, sie hat gelebt, genau: geboren am 27. November 1875 in Nürnberg, gestorben am 6. Mai 1919 auf Kabakon, heute Papua-Neuguinea. Was Kracht schildert, ist, so allzu grotesk erfunden die Vorgänge scheinen, Realität.

Das Inselparadies mit Palme führt zur heftigsten literarischen
Auseinandersetzung der letzten Jahre.

Das Inselparadies mit Palme führt zur heftigsten literarischen
Auseinandersetzung der letzten Jahre.
© wikipedia Das Inselparadies mit Palme führt zur heftigsten literarischen
Auseinandersetzung der letzten Jahre.
© wikipedia

Engelhardt, ausgebildeter Apothekenhelfer, überzeugter Nudist und Vegetarier, verließ Deutschland 1902, weil seine Vorstellungen auf den unüberwindlichen Widerstand der Gesellschaft trafen. Auf der 75 Hektar großen Insel Kabakon legte er eine Kokosplantage an und entwickelte seine Theorien. Denen zufolge war beispielsweise das edelste Organ des menschlichen Körpers das Gehirn, da es der Sonne am nächsten ist. Selbstverständlich wird es in Engelhardts Vorstellung nicht durch die schmutzigen Verdauungsvorgänge im Darm genährt, sondern von den Haarwurzeln, die ihre Kraft direkt von der Sonne beziehen. Die Ernährung durch Kokosnüsse wiederum schien Engelhardt ideal, da die Kokosnuss der Sonne am nächsten wachse, also eine Sonnenfrucht sei.

Da es nur wenige Spinnereien gibt, die nicht auf den fruchtbaren Boden gläubiger Gefolgschaft fallen, zog auch Engelhardt eine Gemeinschaft an, die er als "Sonnenorden - Aequatoriale Siedlungsgemeinschaft" hinter sich versammelte. Die Utopie wurde zum Fiasko, die unaufklärbaren Todesfälle häuften sich. Der Kolonialverwaltung von Deutsch-Neuguinea, der Kabakon unterstand, galt Engelhardt als geisteskrank. Seine Grabstätte ist unbekannt.

Die seltsame Geschichte wurde unter anderem von Christina Horsten in der "Sächsischen Zeitung" vom 19. Jänner 2010 erzählt und lief im März darauf im ZDF als Dokumentation.

Geht es nach Diez, macht Kracht aus diesen Fakten eine Feier des rechten Gedankenguts. Aber stimmt das wirklich? Treibt Kracht nicht nur ein Spiel auf der Basis einer Art Sfumato-Technik mit verwischten Zeit- und Erzählebenen? Kracht schreibt zwar als allwissender Erzähler, doch nicht als anonymes erzählerisches Es, sondern er tritt als erzählende Person an den Leser heran, spricht ihn an. "Ich, Erzähler, erzähle Dir, Leser, eine wahre Geschichte" verbirgt sich zwischen Worten wie Zeilen. Dieser Erzähler verkürzt, er unterlässt - übrigens mühelos beizubringende - wissenschaftliche Belege für seine Behauptungen. Kann man es einem Roman-Autor verübeln, wenn er künstlerisch gestaltet statt wissenschaftlich Quellen benennt?

Problem Kokosnuss-Hitler
Der arme Diez ist nun, kaum hat er Krachts Kind mit dem nationalsozialistischen Bad ausgeschüttet, von Schriftstellern und Kritiker-Kollegen dermaßen verbal geprügelt worden, dass dabei gleich noch eine Wanne samt Sprössling geleert wird: Diez empfindet bei der Lektüre von Krachts Roman Unbehagen. Nur ist seine Diagnose völlig falsch.

Die Facette von "Imperium", die tatsächlich Unbehagen schafft, ist diese: Krachts Engelhardt ist eine Parallele zu Adolf Hitler. Das kann man nicht nur, das muss man so lesen, weil Kracht den Leser mit der Nase darauf stößt. Allein, es ist nicht die "Stellvertreter-Geschichte", die Diez ortet, der dem Autor vorwirft, Sympathien für diesen Stellvertreter zu hegen, aber den Stellvertretenen zu meinen.




Schlagwörter

Literatur, Christian Kracht

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-21 16:20:11
Letzte Änderung am 2012-02-21 18:42:47


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