Maribor ist, mit anderen Städtchen Sloweniens, 2012 eine der beiden Europäischen Kulturhauptstädte - doch darüber gab es außerhalb Sloweniens bisher wenige Berichte. Das Budget war halbiert worden, die Veranstaltungen bisher nur von regionalem Interesse. Aber nun überrascht im Casino, dem früheren Café Central, eine Ausstellung, die mit ihrem Thema nicht in das Klischee der Kulturhauptstädte, der Aufnahme und Darstellung neuer Kunstströmungen, passt: "Deutsche und Maribor. Ein Jahrhundert der Wenden 1846-1946."
1847 reimte der heutige slowenische Nationaldichter Franje Preeren - in Wien erinnert am Schlesingerplatz eine Gedenktafel an seine Studienzeit - über die Bevölkerung der slowenischen Städte: "Deutsch sprechen hierzulande die Herrinnen und Herren, die befehlen, Slowenisch die so von dem Dienerstande". 1910 gaben von den 26.000 Einwohnern Marburgs 19.000 Deutsch als ihre Umgangssprache an - trotzdem wurde die Stadt im Friedensvertrag von St. Germain im September 1919 dem neuen Südslawischen Königreich zugesprochen, mit einem Fünftel des einstigen Kronlandes Steiermark, mit Cilli und Pettau. Die Städte waren deutsche Sprachinseln im slowenischen bäuerlichen Umland; "Germanisierungsversuche" in den Landgemeinden der Südsteiermark mittels Gründung deutscher Volksschulen waren in den letzten Jahren der Monarchie erfolglos.
Marburger Kucheldeutsch
Im November 1918 besetzten slowenische Einheiten der ehemaligen k. u. k. Armee Marburg. Proteste der Deutschen fanden am 27. Jänner 1919 ihr blutiges Ende, während eine Alliierte Kommission die Grenzziehung im Rathaus beriet. Davor versammelten sich die Deutschen Marburgs, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Slowenen schossen in die Menge, ein Dutzend Deutsche starben an diesem "Blutsonntag". Es folgte die Flucht der Mehrzahl der Marburger Deutschen nach Deutsch-Österreich. Als am 8. April 1941 die deutsche Wehrmacht Marburg besetzte, jubelten ihr die Gebliebenen, nun 20 Jahre Unterdrückte, zu; Marburg wurde wieder Teil der Steiermark. Ab Mai 1945, mit der Neugründung Jugoslawiens, wurden die Deutschen enteignet und vertrieben, jetzt vollständig. Damit gehörte auch das "Marburger Kucheldeutsch" der Vergangenheit an.
In Titos Jugoslawien wurde diese Geschichte totgeschwiegen. Doch Slowenien erinnert sich nun und Maribor hat die Ausstellung in einer lobenswert neutralen Form gestaltet - vielleicht will man sich gegenüber dem den kleinen Staat dominierenden Ljubljana profilieren und an die Wurzeln in der "tajerska", der Steiermark, erinnern. Mit Fotos und Dokumenten, dreisprachig erläutert, wird uns das Leben einer Kleinstadt der Habsburgermonarchie geschildert: Bürgerstolz, Wohlstand - Marburgs Aufschwung begann, als die Südbahn hier, halben Wegs zwischen Wien und Triest, nach 1860 ihre Hauptwerkstätte baute, 1910 wurde an der Drau für weitere Industrien das erste Groß-Wasserkraftwerk der Monarchie erbaut -, Theater- und Vereinsleben und das unter Habsburgs Krone allenthalben präsente Militär.
WinzerschuleundWeinkultur
Denkmäler gab es für die Kaiser Franz Joseph und Joseph II., und auch für Erzherzog Johann - er hatte auf einem Hügel südlich von Marburg sein (als Meranovo heute noch bestehendes) Weingut und gründete eine Winzerschule, von der unsere heutige südsteirische Weinkultur ihren Ausgang nahm.
Auch berühmte Marburger werden vorgestellt: Robert Stolz hatte am hiesigen Theater sein erstes Engagement als Dirigent; Max Mell und Ottokar Kernstock, beide national wie religiös prononcierte Schriftsteller, wurden in Marburg geboren, ebenso Paul Blaha, vor drei Jahrzehnten Direktor des Wiener Volkstheaters, und Max Schönherr, langjähriger Dirigent des Wiener Rundfunkorchesters. Dem berühmtesten Sohn der Stadt, Admiral Tegetthoff, soll ab Juni eine Schau gewidmet werden.
Nach der Ausstellung sollte man zum Drau-Ufer, gleich unterhalb, spazieren, dort in einem Restaurant am "Lent" essen und vielleicht in der Weinschau bei der mit 400 Jahren ältesten Weinrebe der Welt Wein kosten und kaufen. Am Weg zurück zum Bahnhof findet man die Altstadt so, wie man sie vorher auf den alten Fotos gesehen hat - bis auf die Straßennamen unverändert, weder in den Weltkriegen noch von einem Wirtschaftswunder zerstört.
Ausstellung
Maribor und seine Deutschen
am Glavni Trg in Maribor gegenüber dem Rathaus
bis 15. Juni
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