• vom 11.04.2012, 17:35 Uhr

Kultur

Update: 11.04.2012, 17:43 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Die medialen Diskussionen über Israel verdecken meist die realen Zustände der multikulturellen Gesellschaft

Tanz auf dem Vulkan


Von Christof Habres

  • Reise von einer traditionellen Hochzeit bis zum unkonventionellen Sederabend.

Mazal tov: eine traditionelle jüdische Hochzeit in Tel Aviv 2012.

Mazal tov: eine traditionelle jüdische Hochzeit in Tel Aviv 2012.© Nati Hadad Mazal tov: eine traditionelle jüdische Hochzeit in Tel Aviv 2012.© Nati Hadad

Tel Aviv-Jaffa/Jerusalem. "Wer ist schon Günter Grass?" Diese Gegenfrage bekam man in Israel in den letzten Tagen des Öfteren gestellt, wenn man Israelis nach ihrer Meinung zu den kontroversiellen Äußerungen des Literaturnobelpreisträgers fragte. "Meschugge!", kam oft als Antwort. Und das war nicht nur auf den Autor gemünzt, sondern auch auf die internationale Diskussion, die dieses unreflektierte Gedicht ausgelöst hat. Israelis sind diesbezüglich schon einiges gewohnt, von internationaler Kritik angefangen, hinter deren Intention sich häufig ein verbrämter Antisemitismus verbirgt, bis hin zu übertriebenen Reaktionen der eigenen Regierung, die dann trotzig den Schriftsteller zur Persona non grata erklärt.

Was viele Bewohner des Landes an solchen Diskussionen aber am meisten stört, ist das fehlende Wissen über die Verfassung und Verfasstheit des Landes, die vielfältige Gesellschaft und deren aktuelle Befindlichkeit. Da spielt zurzeit der "Weltfrieden" nicht unbedingt die Hauptrolle, sondern eher der soziale Friede im Lande, wie etwa die friedlichen Massenproteste gegen überhöhte Miet- und Lebensmittelpreise im letzten Sommer bewiesen haben. Themen, die zurzeit in fast jedem westlichen demokratischen Land an der Tagesordnung stehen. Die aber bei der medialen und politischen Rezeption des Staates Israel rund um den Globus meist unter ferner liefen abgehandelt werden. Ein kurzer Einblick in das mannigfaltige Meinungsspektrum des Landes.

Unter der Chuppa in Jaffa
Eine traditionelle jüdische Hochzeit in der Altstadt von Jaffa. In jener jahrhundertealten Hafenstadt, deren Bevölkerung bis heute mehrheitlich arabisch-palästinensischer Abstammung ist.

Judith Scheer arbeitet in einem Ministerium in Wien und leitet den Kulturverein "Jewish Salon Vienna", Arie Rabfogel ist Unternehmensberater und kommt aus Tel Aviv. Kennengelernt haben sie sich in Wien, klassisch über einen Schadchen (Vermittler). Bei Judith und Arie hat diese Rolle der Wiener Oberrabbiner Eisenberg übernommen.

Geheiratet wird nach traditioneller Zeremonie in Tel Aviv-Jaffa: Dabei umkreist die Braut den Bräutigam, die Ketuba (Ehevertrag) und der Shewa Brachot (die sieben Segenssprüche) werden verlesen, ein Weinglas wird zertreten und die schnellen, fast ekstatischen und nach Geschlechtern getrennte Tänze werden getanzt. Hinzu kommt ein Shabbat Chatan, eine eigene Feier des Bräutigams im Tempel, danach ein Shabbes-Dinner in einem Tel Aviver Hotel.

Ein mehrtägiges Fest der Freude, des Tanzes, neuer Freundschaften und natürlich der Liebe.

Nichtsdestotrotz stellen sich dem Paar nach den Feierlichkeiten ganz profane, aber wichtige Fragen, die unmittelbar mit der Situation des Landes zu tun haben. Das beginnt mit den beruflichen Perspektiven der Braut in einem ihr fremden Arbeitsmarkt und reichen bis zum Aufwachsen zukünftiger Kinder in Israel. Teilweise sehr emotionale Fragen, die es für das frisch verheiratete Paar noch zu lösen gilt.

Aber wie heißt es so schön nach dem Zertreten des Glases: "Mazal tov! Alles Gute!"

Shabbat-Night-Fever in Tel Aviv
Von der traditionellen Hochzeitsfeier ins abwechslungsreiche Nachtleben in Tel Aviv. In den unzähligen Lokalen, Bars und Clubs ist am Wochenende die sprichwörtliche Hölle los.

Das intensive Feiern hat die "Weiße Stadt" weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt gemacht und viele Touristen kommen nur deswegen ins Heilige Land. Die Ausgelassenheit gleicht manchmal einem Tanz auf dem Vulkan. Ein Vergleich, dem der Künstler Elad Koppler nur zustimmen kann. Einerseits ist es natürlich die permanente militärische Bedrohung von außen, die die Israelis so ausgelassen feiern lässt, als gebe es kein Morgen, andererseits kommen die aktuellen finanziellen und sozialen Probleme hinzu, die einer breiten Mittelschicht zu schaffen machen.

Die Mieten stiegen in den letzten Jahren exorbitant. Elad Koppler hat deswegen seine Wohnung in Tel Aviv aufgeben und ist nach Bat Yam südlich von Tel Aviv gezogen. Er und seine Freundin sind führende Vertreter der neuen sozialen Bewegung in Israel, die im August 2011 unter anderem damit Aufsehen erregte, eine Zeltstadt entlang des bekannten Rothschild-Boulevards errichtet zu haben, um auf das eklatante Mietproblem aufmerksam zu machen. Obwohl die Regierung Netanyahu als Reaktion darauf eine eigene Kommission, die Trachtenberg-Kommission, eingesetzt und versucht hat, die Preise für Mieten, Eigentumswohnungen, Lebensmittel und Benzin zumindest zu stabilisieren, ist für die meisten Mitglieder dieser Bewegung noch viel zu wenig geschehen. Daher planen sie, den Protest im Sommer wieder aufzunehmen.

Ausländische Investoren beeinflussen die Marktlage
An den Protestkundgebungen 2011, die in der Geschichte Israels einzigartig waren, was Größe und gesellschaftliche Wirkung betrifft, hat auch Esther Dollinger, eine Freundin von Elad Koppler, teilgenommen.

Obwohl sie als Immobilienmaklerin für ausländische Investoren eigentlich auf der "anderen" Seite steht. Denn ausländische Investoren sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Mieten und Wohnungspreise rasant angestiegen sind. Was Dollingers Beruf erschwert, sind die Bedenken der internationalen Kunden, in ein vermeintlich unsicheres Land wie Israel zu investieren. Oft sind hunderte Anrufe, Angebote und Beschwichtigungen notwendig, bevor es zu einem Geschäftsabschluss kommt. Trotzdem sind auch ihr die Anliegen der parteiunabhängigen Bewegung eine Herzensangelegenheit, gerade weil ihre beiden Kinder mit den gegenwärtigen Bedingungen zu kämpfen haben.




Schlagwörter

Günter Grass, Israel

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-11 15:38:07
Letzte Änderung am 2012-04-11 17:43:35


Beliebte Inhalte



Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

Film (links) und Wirklichkeit: Bob  Dylan, Karen Dalton und Fred Neil im Cafe Wha? im Februar 1961. - Constantinfilm
  • Die Coens begeistern mit einer Mischung aus ihrem typischen Humor und weniger typischer Ernsthaftigkeit
  • weiter

"Insgesamt gehe ich gelassener an die Arbeit" : Burgschauspielerin Johanna Wokalek. - A. Urban
  • Johanna Wokalek über Abhängigkeit, ungestüme und entspannte Lebenszeiten.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Natalia Kelly will es in Malmö "shinen" lassen. - APAweb / EPA, Janerik Henriksson Malmö/Wien. Natalia Kelly, Österreichs Vertreterin beim Song Contest 2013 in Malmö, ist ein unbeschriebenes Blatt...weiter

 Natalia Kelly sang. - EPA/Janerik Henriksson
  • Österreichs Beitrag von Natalia Kelly konnte Europa mit ihrem Song "Shine" nicht überzeugen.
  • weiter

National-flämischer Umgang mit Comic Strips. - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online
  • Zeichner François Schuiten ist schockiert
  • weiter




Werbung



Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter




Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



Ein tiefsinniger Schelm

Urs Widmer. - Foto: Wikimedia "Ich heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi." So leitete Urs Widmer 2006 seinen Roman "Mein Leben als... weiter




Anschreiben gegen den Tod

Josef Winkler: Auch seine Darstellung fremder Kulturen erweist sich letztlich als Zerrbild des dörflich-katholischen Kosmos. - Foto: Marko Lipus Sechzig Jahre ist Josef Winkler heuer im März geworden. Damit beginnt er zwar langsam ins Pensionistenalter einzurücken... weiter




Mussten in unterirdischen Bunker arbeiten

Dan Brown ließ Übersetzer bewachen

20130503danbrown - APAweb / EPA, Daniel Dal Zennaro Rom. Vor einem Monat beendeten die Übersetzer von Dan Browns neuem Thriller "Inferno", der am 14. Mai weltweit erscheint, ihren Job... weiter





Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

20.5.2013: Ein tibetischer Mönch hält ein Schild neben einem Plakat, das Gedhun Choekyi Nyima, den elften Penchen Lama zeigt, der vom Dalai Lama anerkannt wird. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung