
Whitby. Exakt 199 Stufen sind vom Hafen von Whitby hinauf zur St Marys Kirche zurückzulegen. Von den Klippen flaniert der Blick über rote Ziegeldächer, einen Friedhof mit verwitterten Grabsteinen und die Ruinen einer düsteren Abtei hinaus auf die blassblaue Nordsee. Eine Brise trägt Möwenschreie und den Geruch von Seetang heran. Nicht viel anders als zu jener Zeit, als in dem nordenglischen Küstenstädtchen die berühmteste Horrorfigur der Literatur Gestalt annahm: Dracula. Die Idee zu einem Schauerroman, in dem ein "Count Wampyr" eine Rolle spielen sollte, hatte Bram Stoker schon früher gewälzt. Doch erst in Whitby sollten jene Mosaiksteinchen zusammenfallen, die dem vor 100 Jahren (20. April 1912) verstorbenen Stoker - allerdings posthum - Weltruhm bescherten.
"Whitby ist ein sehr stimmungsvoller Ort. Das Setting ist beinahe unverändert geblieben", sagt Harry Collett, der Dracula-Fans und Durchschnitts-Touristen auf den Spuren des anglo-irischen Autors durch seine Heimatstadt führt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Whitby im Nordosten von Yorkshire als Urlaubsort populär. Auch Stoker folgte dem Ruf der Sommerfrische. Im Brotberuf managte Stoker, nachdem er eine Beamtenkarriere in Dublin hingeworfen hatte, seit 1878 das Londoner Lyceum Theatre von Henry Irving, einem Schauspielstar des viktorianischen Zeitalters. Und da damals wie heute der Sommer Saure-Gurken-Zeit für die Theaterleute war, reiste er gerne ans Meer, das er seit seiner irischen Kindheit liebte.
Vorlage vom Hafenmeister
Der Sommer 1890 führte ihn nach Whitby. Bald befeuerte das Städtchen seine Fantasie. Er schlenderte durch den Hafen und ließ sich von Fischern die Sagen der Region erzählen; er stöberte in der verfallenen Abtei herum, wo angeblich eine mysteriöse "Weiße Dame" umging; er spazierte die Klippenpfade entlang und stieß dabei auf einen stillgelegten Friedhof. Und wenn dichter Nebel den Esk-Fluss hinauf in die North York Moors zog, war die Kulisse für eine "gothic novel" perfekt: ein literarisches Genre, in dem sich auch Stoker, der sich als Journalist und Kritiker ein Zubrot verdiente, gerne versuchen wollte.
In seinem Buch sollte Whitby zum Einfallstor für eine unheimliche Bedrohung werden: einen Vampir, der aus den düsteren Wäldern der Karpaten gekommen war, um England in eine Nation von blutsaugenden Sklaven zu verwandeln. Die Vorlage zur dramatischen Ankunft des lichtscheuen Gesellen stammte vom Hafenmeister, der dem neugierigen Hauptstädter vom Schiffbruch des russischen Schoners "Dmytri" im Jahr 1885 erzählt hatte. Stoker machte sich nicht die Mühe, viel zu ändern. Er lässt die "Demeter" in einem Sturm am Strand von Whitby auflaufen. Dort springt Graf Dracula, der sich in Varna eingeschifft und unterwegs die Besatzung massakriert hat, in Gestalt eines riesigen Hundes an Land und eilt davon.
Auch heute noch ist Stokers Roman als Whitby-Guide brauchbar. Für manche Charaktere leiht er sich Namen von den verwitterten Grabsteinen am St Marys Friedhof. Dort findet der Blutsauger tagsüber auch Unterschlupf. In den Ruinen der Abtei überfällt Dracula die Urlauberin Lucy Westenra, die später auf einem Londoner Friedhof ihr Vampir-Dasein aushauchen wird.
Der Name: eine Steilvorlage
Doch die wichtigste Anregung stammt aus einem Buch, das der Autor in der Bibliothek von Whitby aufstöbert: "An Account of the Principalities of Wallachia and Moldavia". Darin erwähnt der Verfasser William Wilkinson den Woiwoden (Fürsten) Vlad Dracula III., der im 15. Jahrhundert in der Walachei gegen die Osmanen gekämpft hat. In seiner krakeligen Handschrift schreibt Stoker eine Fußnote ab: "Dracula heißt in der walachischen Sprache Teufel."
"Man kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass er den Namen Dracula aus Wilkinsons Buch übernahm", erklärt Dacre Stoker, der sich um den literarischen Nachlass seines Urgroßonkels kümmert und zuletzt ein wieder aufgetauchtes Tagebuch des Dracula-Schöpfers mitherausgegeben hat.
Bram Stoker hat jedenfalls Blut geleckt. Allein der Name ist lautmalerisch eine Steilvorlage für jeden Horrorschriftsteller. Sieben Jahre benötigt er, um Dracula ein unverwechselbares Profil zu verleihen. Der Vampir hat zu jener Zeit bereits eine erstaunliche Karriere hinter sich. Die Wurzeln des modernen Blutsauger-Mythos gehen auf die 1720er Jahre zurück, als von der südöstlichen Peripherie des Habsburger-Reiches Vorfälle mit "Untoten" gemeldet wurden. Diese stiegen angeblich nachts aus ihren Gräbern, überfielen die Lebenden und labten sich an ihrem Blut. Die bäuerliche Bevölkerung behalf sich, indem sie die "wampyre" ausgrub, ihnen einen Pflock durch ihr Herz trieb, sie verbrannte oder mit ähnlich drastischen Methoden bannte. Noch bevor der Wiener Hof dem Spuk ein Ende setzen konnte, verbreiteten sich die Vampir-Episoden wie ein Lauffeuer über Europa. Bald erschienen erste gelehrte Abhandlungen. Als sich schließlich Goethe, Lord Byron und andere Poeten des Blutsaugers annahmen, streifte dieser die letzten Züge des ungeschlachten serbischen Bauern ab. Beliebt war seit John William Polidoris "The Vampyre" (1819) die Deutung als dekadenter Adeliger.
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