
In der Nacht von 9. auf 10. November 1989 fällt die Berliner Mauer. In derselben Nacht wird eine neue, imaginäre, Mauer errichtet, die bis zum heutigen Tag für die Komponisten der DDR nahezu ausnahmslos unüberwindlich ist.
Lediglich zwei Komponisten sind nach wie vor - zumindest dem Namen nach - bekannt: Paul Dessau und Hanns Eisler. Über Eisler legte Friederike Wißmann soeben eine Biografie vor, eine Studie über Dessau stellte Matthias Tischer 2009 zur Diskussion. Beide Autoren blenden dabei eine Thematik völlig aus: Weder Dessau noch Eisler, beide Protagonisten der DDR-Musik, sind mit ihren Werken im gegenwärtigen Repertoire präsent.
Es ist sogar noch extremer: Deutschland verabschiedet sich in der Nacht des Mauerfalls so gründlich vom musikalischen Erbe der DDR, dass, abgesehen von einigen Interpreten wie dem Dirigenten Kurt Masur oder den längst international positionierten Sängern Theo Adam und Peter Schreier sowie einigen erstklassigen Orchestern wie dem Gewandhausorchester Leipzig, nichts übrig bleibt. Oder genauer gesagt: Eine Handvoll ausübender Musiker aller Sparten wird in die gesamtdeutsche Bundesrepublik übernommen, aber kein einziger Komponist. Anders als in der Literatur, wo Anna Seghers, Christa Wolf und Heiner Müller immer noch hoch im Kurs stehen, anders auch als in der Malerei, wo Neo Rauch und Wille Sitte nach wie vor einen klingenden Namen haben, verkommt das schöpferische Musikleben der DDR zur missachteten Ruinenlandschaft. Damit vollzieht Deutschland den dritten Einschnitt in die kontinuierliche Entwicklung der Musikgeschichte innerhalb von nur 56 Jahren.

1933 erfolgt der erste durch die nationalsozialistische Diktatur, die nicht nur die Aufführungen jüdischer Komponisten untersagt, sondern auch, wenngleich schwammige, ästhetische Vorgaben macht. Wer ihnen nicht entspricht, gilt als "entartet" und erhält Aufführungsverbot.
Der zweite Einschnitt geschieht 1945, als nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur das deutsche Musikleben in falsch verstandener Entnazifizierung auf eine scheinbar neu-bundesrepublikanische Linie getrimmt wird. Eine Förderung erfährt dabei nahezu ausschließlich jene Musik, die den Nationalsozialisten als "entartet" gegolten hat, während konservativere Komponisten auch dann verloren bleiben, wenn sie Juden sind, wie die Beispiele Hans Gál, Erich Wolfgang Korngold, Franz Schreker und Ernst Toch zeigen.
Die DDR distanziert sich deutlich vom Nationalsozialismus und versucht ein Manöver. Man empfindet sich als neuer Staat, gegründet am 7. Oktober 1949, und damit frei vom nationalsozialistischen Erbe. Verantwortung für die Vergangenheit trägt unter Umständen der einzelne Bürger dieses neuen Staates, nicht aber der Staat selbst.
Pluralismus als Prinzip
Dieses Selbstverständnis schafft in allen Kunstrichtungen die Voraussetzungen für einen ästhetischen Pluralismus. Denn während die staatlichen Stellen der Bundesrepublik darauf achten, ihre Förderungen keiner Musik zukommen zu lassen, die sich einer mit der nationalsozialistischen Ästhetik in Verbindung gebrachten konservativen Sprache bedient, fördert die DDR alle Musik unabhängig von ihrer Ästhetik. Marschfrische und Feierpathos von der Art, die in der Bundesrepublik sofort der geistigen Nähe zur NSDAP verdächtigt würde, findet sich in der DDR gleichberechtigt neben einer avancierten und sogar avantgardistischen Orientierung.
Wie gründlich die DDR den Trennstrich zwischen dem Gewesenen und dem Gegenwärtigen zieht, zeigen die Fälle von Ottmar Gerster und Rudolf Wagner-Régeny. Beide waren Exponenten der im Nationalsozialismus geförderten Musik: Gerster hatte Texte des Reichsjugendführers Baldur von Schirach vertont und NS-Weihespiele mit Musik versorgt.
Wagner-Régeny schrieb dem NS-System genehme Opern und eine Musik zu William Shakespeares "Sommernachtstraum" mit dem erklärten Ziel, die Schauspielmusik des Juden Felix Mendelssohn-Bartholdy zu ersetzen. Dessen ungeachtet steigen Gerster und Wagner-Régeny zu hohen Ehren in der DDR auf. Die Musikhochschule Rostock wird sogar in Konservatorium Rudolf Wagner-Régeny umbenannt.
Rein musikalisch würden Gerster und Wagner-Régeny in die Ästhetik einer kommunistischen Diktatur zweifellos hineinpassen, weder in der damaligen Tschechoslowakei noch in Ungarn, wahrscheinlich nicht einmal in der am restriktivsten verfahrenden Sowjetunion würde ihre Musik als besonders avanciert gelten. Ein Komponist wie Paul Dessau ist da schon ein anderer Fall.
Dessau schreibt eine virtuose, mitunter auch aggressive Mischung aus verbeultem Neoklassizismus, Songs, die klingen, als wären Kurt Weills "Dreigroschenoper"-Songs kaputtgegangen, Zitatencollagen kontrastieren mit Zwölftontechnischem, knirschende Dissonanzen in voller Lautstärke mit dünnen Linien von letzter Zärtlichkeit. In der Sowjetunion wäre solch eine Musik nur im Untergrund denkbar. Von allen kommunistischen Diktaturen in Europa wäre sie allenfalls in Polen möglich gewesen, wo sich Komponisten wie Witold Łutosławski oder Kazimierz Serocki ebenfalls nicht dem vom sozialistischen Realismus verordneten Primitivismus beugen müssen.
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