• vom 24.04.2012, 16:38 Uhr

Kultur

Update: 24.04.2012, 17:58 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Die renommierte israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"

"Für ein Wunder beten"


Von Christof Habres

  • Autorin Zeruya Shalev über Terrorangst und das Leben in Israel.

Gegen Schwarz-Weiß-Malerei: Autorin Zeruya Shalev über den Alltag im Heiligen Land.

Gegen Schwarz-Weiß-Malerei: Autorin Zeruya Shalev über den Alltag im Heiligen Land. Gegen Schwarz-Weiß-Malerei: Autorin Zeruya Shalev über den Alltag im Heiligen Land.

"Wiener Zeitung": In ihrem neuen Roman "Für den Rest des Lebens" verweben Sie erstmals detailliert Geschichte und Politik des Staates Israel. Haben Sie bei Lesereisen in Europa, speziell in deutschsprachigen Ländern, den Eindruck, dass man hierzulande über den Staat Israel und dessen Gesellschaft ausreichend informiert ist?

Information

Zur Person:

Zeruya Shalev ist eine der bedeutendsten Autorinnen Israels. Die 1959 im Kibbuz Kinneret geborene Autorin studierte Bibelwissenschaften in Jerusalem. Shalevs Romane "Liebeslieben", "Mann und Frau" und "Späte Familie" wurden bisher in mehr als 22 Sprachen übersetzt. Ihr jüngster Roman ist soeben erschienen: "Für den Rest des Lebens", Berlin Verlag: 2012, 500 S., 21,99 Euro.

Zeruya Shalev: Meist sind die Menschen, die zu meinen Lesungen kommen, äußerst interessiert an dem Leben in Israel. Natürlich kommen auch sehr kritische Fragen zum politischen Vorgehen Israels, die aber lediglich die Oberfläche einer sehr komplexen Gesellschaft berühren. Ich versuche, die Komplexität zu vermitteln, und weise darauf hin, dass man mit Schwarz-Weiß-Malerei den mannigfaltigen Problemen keinesfalls näherkommen wird. Bei den Diskussionen muss man in Israel laufend zwischen den Menschenrechten und der Sicherheit des Landes abwägen.

Verfolgt man die Diskurse der multiethnischen Gesellschaft in Israel, zeigt sich, dass derzeit soziale und religiöse Themen an Bedeutung gewonnen haben. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Das öffentliche Leben gestaltet sich in diesen Tagen ungeheuer dynamisch und steckt voller Überraschungen. Die sozialen Proteste des vergangenen Sommers waren eine große und wunderbare Überraschung. Auf der anderen Seite werden die Ultraorthodoxen zunehmend extremer, die Kluft zwischen säkularen und religiösen Menschen wird immer größer. Was uns noch eint, ist die Angst. Angst vor der Bombe des Iran, vor Terror und Angriffen aus anderen Nachbarländern. Israels Gesellschaft leidet bis heute unter dieser Furcht und hat dabei die wichtigen sozialen Fragen in den Hintergrund gedrängt.

Wie würden Sie die israelische Gesellschaft beschreiben?

Man könnte ihre Komplexität mit dem Verhältnis zwischen Eltern - den Politikern - und ihren Kindern - das Volk - vergleichen. Die Kinder buhlen um mehr Aufmerksamkeit der Eltern. Aber die Eltern kümmern sich nicht darum, sondern sind auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Daher absentieren sich die Kinder immer mehr vom Elternhaus und gehen ihre eigenen Wege, was das Unverständnis und die Distanz zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen des Landes noch verstärkt. Ein sehr kindliches und trotziges Verhalten aller Seiten.

In Ihren Büchern ist die Suche der Protagonisten nach ihrer eigenen Identität sehr präsent. Welche Identitäten könnten das sein - die religiöse, nationale oder kulturelle?

In meinen Büchern behandle ich nicht religiöse Themen, aber sehr wohl Fragen des Judentums und beziehe mich sehr intensiv auf die literarischen Quellen der Tora, des Talmuds und des Midrasch. Es ist für mich sehr wichtig zu zeigen, dass diese jüdischen Quellen noch immer relevant für uns sind, selbst für säkulare Menschen. Sie sind essenzieller Teil unserer Kultur. Ich behandle das Judentum als Kultur und Tradition - und nicht als Religion. Ich versuche diese Thematik in all meine Bücher einfließen zu lassen, denn ich hasse die Vorstellung, dass die Orthodoxie das Monopol über diese literarischen Quellen erlangt. In meiner Literatur versuche ich einen Weg aufzuzeigen, ein säkulares Leben in Israel zu führen, ohne die historisch-literarischen Schätze des Judentums zu vergessen.



Ein wiederkehrendes Motiv in Ihren Romanen ist, dass ein Protagonist gleichsam aus seinem Leben fällt: Er verlässt Familie und Freunde, um etwas vollkommen Neues zu tun. Verarbeiten Sie auf diese Weise autobiografische Erlebnisse?

Ich habe einige kleine Schritte in dieser Richtung unternommen - eine neue Familie gegründet, ein Kind adoptiert -, aber grundsätzlich geht es in meinen Texten um das Ausloten der Möglichkeiten: Was kann passieren, wenn jemand einen extremen Schritt setzt? Es ist Privileg und Freude des Autors, ein alternatives Leben zu entwerfen und zu beschreiben.

Ihr jüngster Roman endet mit einem optimistischen Ausblick, beurteilen Sie die weitere Entwicklung Israels ebenfalls positiv?

Ich bin da manchmal eher pessimistisch. Die Situation ist paradox: Einerseits darf Israel auf keinen Fall verschwinden, die Juden müssen ihren eigenen Staat behalten. Auf der anderen Seite agiert das politische Establishment so unbedacht, als ob es die realen Gefahren, von außen wie von innen, nicht erkennen würde. Wahrscheinlich sollten wir alle, ob säkular oder religiös, für ein Wunder beten. Wozu leben wir denn im Heiligen Land?




Schlagwörter

Zeruya Shalev, Autoren, Literatur

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-24 16:44:04
Letzte Änderung am 2012-04-24 17:58:54


Beliebte Inhalte



16 Aufführungen sind in der Saison 2013/14 geplant, darunter acht neue Produktionen. Zu Ehren Verdis wird neben "La Traviata" auch "Il Trovatore" und "Simon Boccanegra" aufgeführt. - APAweb/EPA/CARLO FERRARO
  • Name des neuen Intendanten soll spätestens bis Juli bekannt gegeben werden.
  • weiter

Für große Namen hat Intendant Alexander Pereira (l.) - hier mit Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf - ein Faible. Aus dem Programm für den Sommer 2014 wird er dennoch manche streichen müssen. - apa/Barbara Gindl
  • Nach Kompromiss im Budgetstreit werden Pläne für 2014 publik, Prestigeprojekte werden nicht gestrichen.
  • weiter

Mit dem "Ring" in Wien zum Erfolg: Franz Welser-Möst. - epa
  • Wie viele Arten es doch gibt, Richard Wagners 200. Geburtstag zu begehen.
  • weiter

Wafaa El Saddik: "Die Ägypter werden immer verlangen, dass Nofretete zurückkommt." - Foto: Robert Newald
  • Interview mit Wafaa El Saddik, der ehemaligen Direktorin des Ägyptischen Museums.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter
  • 3
  • 29
  • 1
  • Update vor 5 Min.

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter
  • 3
  • 29
  • 1
  • Update vor 5 Min.

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter




Werbung



Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter




Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



Abgründiger Archipel

Bannalec, Jean-Luc: Bretonische Brandung

Alge Chondrus crispus : pharmazeu tisches Potenzial? - Robert Bressani Chondrus crispus ist "eine Rotalge, die wir gerade erforschen", erklärt der Meeresbiologe Marc Leussot dem aus Paris ins bretonische Finistère... weiter




Mordrätsel um mehrere Ecken

Christian David. - www.corn.at/ Deuticke im Paul Zsolnay Verlag. Auf die Frage, wann man lügen darf, antwortete der junge Autor Wolfgang Popp: "Wenn die Lüge das bessere Ergebnis als die Wirklichkeit hervorbringt... weiter




Ein tiefsinniger Schelm

Urs Widmer. - Foto: Wikimedia "Ich heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi." So leitete Urs Widmer 2006 seinen Roman "Mein Leben als... weiter





Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971,

Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. 23.05.2013: Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird. Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof

Werbung