
"Wiener Zeitung": In ihrem neuen Roman "Für den Rest des Lebens" verweben Sie erstmals detailliert Geschichte und Politik des Staates Israel. Haben Sie bei Lesereisen in Europa, speziell in deutschsprachigen Ländern, den Eindruck, dass man hierzulande über den Staat Israel und dessen Gesellschaft ausreichend informiert ist?
Zeruya Shalev: Meist sind die Menschen, die zu meinen Lesungen kommen, äußerst interessiert an dem Leben in Israel. Natürlich kommen auch sehr kritische Fragen zum politischen Vorgehen Israels, die aber lediglich die Oberfläche einer sehr komplexen Gesellschaft berühren. Ich versuche, die Komplexität zu vermitteln, und weise darauf hin, dass man mit Schwarz-Weiß-Malerei den mannigfaltigen Problemen keinesfalls näherkommen wird. Bei den Diskussionen muss man in Israel laufend zwischen den Menschenrechten und der Sicherheit des Landes abwägen.
Verfolgt man die Diskurse der multiethnischen Gesellschaft in Israel, zeigt sich, dass derzeit soziale und religiöse Themen an Bedeutung gewonnen haben. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?
Das öffentliche Leben gestaltet sich in diesen Tagen ungeheuer dynamisch und steckt voller Überraschungen. Die sozialen Proteste des vergangenen Sommers waren eine große und wunderbare Überraschung. Auf der anderen Seite werden die Ultraorthodoxen zunehmend extremer, die Kluft zwischen säkularen und religiösen Menschen wird immer größer. Was uns noch eint, ist die Angst. Angst vor der Bombe des Iran, vor Terror und Angriffen aus anderen Nachbarländern. Israels Gesellschaft leidet bis heute unter dieser Furcht und hat dabei die wichtigen sozialen Fragen in den Hintergrund gedrängt.
Wie würden Sie die israelische Gesellschaft beschreiben?
Man könnte ihre Komplexität mit dem Verhältnis zwischen Eltern - den Politikern - und ihren Kindern - das Volk - vergleichen. Die Kinder buhlen um mehr Aufmerksamkeit der Eltern. Aber die Eltern kümmern sich nicht darum, sondern sind auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Daher absentieren sich die Kinder immer mehr vom Elternhaus und gehen ihre eigenen Wege, was das Unverständnis und die Distanz zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen des Landes noch verstärkt. Ein sehr kindliches und trotziges Verhalten aller Seiten.
In Ihren Büchern ist die Suche der Protagonisten nach ihrer eigenen Identität sehr präsent. Welche Identitäten könnten das sein - die religiöse, nationale oder kulturelle?
In meinen Büchern behandle ich nicht religiöse Themen, aber sehr wohl Fragen des Judentums und beziehe mich sehr intensiv auf die literarischen Quellen der Tora, des Talmuds und des Midrasch. Es ist für mich sehr wichtig zu zeigen, dass diese jüdischen Quellen noch immer relevant für uns sind, selbst für säkulare Menschen. Sie sind essenzieller Teil unserer Kultur. Ich behandle das Judentum als Kultur und Tradition - und nicht als Religion. Ich versuche diese Thematik in all meine Bücher einfließen zu lassen, denn ich hasse die Vorstellung, dass die Orthodoxie das Monopol über diese literarischen Quellen erlangt. In meiner Literatur versuche ich einen Weg aufzuzeigen, ein säkulares Leben in Israel zu führen, ohne die historisch-literarischen Schätze des Judentums zu vergessen.
Ein wiederkehrendes Motiv in Ihren Romanen ist, dass ein Protagonist gleichsam aus seinem Leben fällt: Er verlässt Familie und Freunde, um etwas vollkommen Neues zu tun. Verarbeiten Sie auf diese Weise autobiografische Erlebnisse?
Ich habe einige kleine Schritte in dieser Richtung unternommen - eine neue Familie gegründet, ein Kind adoptiert -, aber grundsätzlich geht es in meinen Texten um das Ausloten der Möglichkeiten: Was kann passieren, wenn jemand einen extremen Schritt setzt? Es ist Privileg und Freude des Autors, ein alternatives Leben zu entwerfen und zu beschreiben.
Ihr jüngster Roman endet mit einem optimistischen Ausblick, beurteilen Sie die weitere Entwicklung Israels ebenfalls positiv?
Ich bin da manchmal eher pessimistisch. Die Situation ist paradox: Einerseits darf Israel auf keinen Fall verschwinden, die Juden müssen ihren eigenen Staat behalten. Auf der anderen Seite agiert das politische Establishment so unbedacht, als ob es die realen Gefahren, von außen wie von innen, nicht erkennen würde. Wahrscheinlich sollten wir alle, ob säkular oder religiös, für ein Wunder beten. Wozu leben wir denn im Heiligen Land?
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