• vom 14.05.2012, 12:37 Uhr

Kultur

Update: 14.05.2012, 17:31 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Einer, der sich treu blieb

Mundl-Schöpfer Ernst Hinterberger ist tot



  • Der Autor von "Kaisermühlen-Blues" und "Ein echter Wiener geht nicht unter" starb im Alter von 80 Jahren.
  • Kaum einem Autor verdankt der ORF so viele TV-Legenden wie Ernst Hinterberger.

Ernst Hinterberger (1931 - 2012)

Ernst Hinterberger (1931 - 2012)APA/Schneider Ernst Hinterberger (1931 - 2012)APA/Schneider

2008, als alles schon gesagt und alles geschrieben und abgedreht war und Ernst Hinterberger nach eigenem Bekunden eigentlich nichts mehr von der Welt wissen wollte, sagte er einem jungen Autor am Ende eines langen Interviews im "Datum" sein Credo für junge Drehbuch-Autoren. "Er soll nicht über irgendwas schreiben, sondern über das Milieu, das er kennt. Er soll keine Botschaften verkünden. Und: Man muss sich die Menschen anschauen."

Information

Am Donnerstag (17. Mai) sendet der ORF ab 21.30 Uhr eine Ernst-Hinterberger-Nacht.

Die Menschen anschauen, genau das hat der 1931 in Wien-Margareten geborene Schriftsetzer-Sohn getan. Und er hatte es nicht weit: In seinem Gemeindebau in Margareten, in dem er seit den fünfziger Jahren auf 44 Quadratmetern lebte, hatte er jene Figuren, denen er ein televisionäres Leben einhauchte und ihnen damit zugleich ein Denkmal setzte, vor der Haustür. Wegziehen kam für den Autor nicht in Frage, auch wenn er es sich längst hätte leisten können: "Ich bin in dem Grätzel aufgewachsen, das ist mein Zuhause. Döbling, Währing, Hietzing: Das ist Ausland. Wien ist für mich der fünfte Bezirk", offenbarte er einst dem "Falter".

Mit kaum einem Namen ist die österreichische Fernsehgeschichte so verbunden wie mit Ernst Hinterberger. Aus seinem Roman "Salz der Erde" entstand Mitte der siebziger Jahre unter der Regie von Reinhard Schwabenitzky der "Echte Wiener" Edmund Sackbauer. Zuerst vom ORF im späten Abend versteckt, wurde der "Mundl" ein voller Erfolg und durfte in den Hauptabend. Die Serie wurde zum Kult, ihre stehenden Phrasen wie "Mei Bier is net deppert!" gingen in den Sprachgebrauch ein.

Es war wohl das schillernde Dreigestirn zwischen Schwabenitzkys eigenwilliger Regie, dem genialen Spiel von Karl Merkatz und dem Autor, der den Menschen zusah, Ernst Hinterberger. 24 Folgen waren dem Wiener beschieden. Aber Hinterberger blieb trotz dieses Durchbruchs auf dem Boden, nicht nur geistig – auch tatsächlich. Bis in die neunziger Jahre blieb er seinem Beruf als Expediteur in einer Wiener Firma treu. Sein Wunsch, zur Polizei zu gehen und Kriminalbeamter zu werden, scheiterte als junger Mann an einer plötzlich auftretenden Sehschwäche.

Ein schwerer Schlag für den Arbeitersohn, der sich gezwungen sah, in einer Fabrik als Hilfsarbeiter zu arbeiten. Die schwere Arbeit war für Hinterberger auch publizistisch immer Thema, etwa mit seinen Kolumnen in einer Gewerkschaftszeitschrift.

Sein Hang zur Kriminologie sollte erst viel später dann, ab dem Jahr 2000, als er für den ORF zehn Folgen des "Trautmann" schrieb, wieder eine Rolle spielen. Der Kult-Kieberer entstand als Weiterentwicklung aus dem "Kaisermühlen Blues", in dem Hinterberger für den ORF zuvor höchst erfolgreich das Leben in Kaisermühlen nachspielen ließ: mit kleinbürgerlichen Ränkespielen, dem aufkommenden Ausländerhass und Rivalitäten. Ab 1992 liefen 65 Episoden über den Schirm, unter Anteilnahme der kabarettistischen Szene, die sich in der Sendung versammelte.

"Nichts mehr zu sagen"

1999 beendete Hinterberger den Blues – weil es "nichts mehr zu sagen gibt", wie er damals meinte. Gleich im Anschluss widmete er sich dem Verfassen seiner Erinnerungen "Ein Abschied. Lebenserinnerungen", die 2002 erschienen. Wenig Monate zuvor war Hinterbergers erste Frau Gerti gestorben. 2004 fand er dann mit seiner zweiten Frau Karla verheiratet ein neues, privates Glück.

Weniger bekannt ist Hinterbergers Schaffen als Krimiautor. Mehr als 20 Bücher schrieb der Sozialdemokrat seit den sechziger Jahren. Das letzte davon – "Blutreigen" (Echomedia) – erschien 2011. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (1996) sowie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (2003) und 2010 den Axel-Corti-Preis für sein Lebenswerk.

Schon Mitte der fünfziger Jahre hatte Hinterberger seinen Weg in den Buddhismus gefunden, den er stets praktizierte. Buddhisten glauben, dass der Tod religiös gesehen immer auch ein Neubeginn ist. In diesem Glauben starb Hinterberger Montagfrüh im Alter von 80 Jahren in Lainz.


Video auf YouTube





Schlagwörter

Todesfall, Ernst Hinterberger

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-14 12:39:04
Letzte Änderung am 2012-05-14 17:31:43


Beliebte Inhalte



Ein Plakat zeigt Mohammed Assaf, der Star der Talentshow "Arab Idol" in West Bank bei Ramallah. - Reuters / Mohamad Torokman
  • Sänger Assaf feiert Erfolge in gesamtarabischer Castingshow
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Behält vorerst den Chefsessel: Pereira. - apa/Neumayr/MMV
  • Alexander Pereira bleibt Intendant der Festspiele - jedenfalls vorerst.
  • weiter

Schmissige Eröffnungstschinellen, wippende Publikumsköpfe, opulente Bilderflut: Der französische Opernhit schlechthin kehrte ins Haus am Ring zurück...weiter

Henri Dutilleux starb im Alter von 97 Jahren. - afp
  • Der Komponist war eine prägende Gestalt des französischen Musiklebens.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter




Werbung



Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter




Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



Ein tiefsinniger Schelm

Urs Widmer. - Foto: Wikimedia "Ich heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi." So leitete Urs Widmer 2006 seinen Roman "Mein Leben als... weiter




Anschreiben gegen den Tod

Josef Winkler: Auch seine Darstellung fremder Kulturen erweist sich letztlich als Zerrbild des dörflich-katholischen Kosmos. - Foto: Marko Lipus Sechzig Jahre ist Josef Winkler heuer im März geworden. Damit beginnt er zwar langsam ins Pensionistenalter einzurücken... weiter




Mussten in unterirdischen Bunker arbeiten

Dan Brown ließ Übersetzer bewachen

20130503danbrown - APAweb / EPA, Daniel Dal Zennaro Rom. Vor einem Monat beendeten die Übersetzer von Dan Browns neuem Thriller "Inferno", der am 14. Mai weltweit erscheint, ihren Job... weiter





Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

Werbung