• vom 14.05.2012, 17:07 Uhr

Kultur

  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Das Haus Hohenzollern lässt seinen bedeutendsten Brillanten, den "Beau Sancy", versteigern

Kohlenstoff mit Geschichte


Von Edwin Baumgartner

  • Einst in der Krone Frankreichs,
  • jetzt auf Sotheby’s Auktionstisch.

Wer Maria de’ Medici auf diesem Gemälde (unser Bild zeigt einen Ausschnitt) von Frans Pourbus genau in die Krone schaut, entdeckt an deren Spitze den "Beau Sancy".

Wer Maria de’ Medici auf diesem Gemälde (unser Bild zeigt einen Ausschnitt) von Frans Pourbus genau in die Krone schaut, entdeckt an deren Spitze den "Beau Sancy".© Wikipedia Wer Maria de’ Medici auf diesem Gemälde (unser Bild zeigt einen Ausschnitt) von Frans Pourbus genau in die Krone schaut, entdeckt an deren Spitze den "Beau Sancy".© Wikipedia

Kristallisiertes Licht. Oder als würde versteinertes Wasser funkeln. Und doch ist der Diamant nur ein enger Verwandter des schwarzen, schmutzigen Dings, mit dem wir heizen: Kohle. Die Chemie will es so. "C" ist beider Formel. Die Kohle ist die verunreinigte Form, der Diamant die reine. Das Wort leitet sich vom lateinischen "Diamas" ab, der Bezeichnung für besonders harte Mineralien. Wird der Rohdiamant zum Schmuckstein geschliffen, heißt er Brillant. In der Antike sagt man den Steinen magische Kräfte nach. Bis heute gibt man ihnen Namen, die von ihrer Besonderheit künden. Und jeder mehr oder minder große Diamant auch eine mehr oder minder große Geschichte.

In der des "Beau Sancy" ereignet sich heute, Dienstag, ein gravierender Einschnitt. Vierhundert Jahre lang war er Teilnehmer an der europäischen Geschichte. Heute kommt er im Auktionshaus Sotheby’s in Genf zur Versteigerung, und es ist unwahrscheinlich, dass man erfährt, wo er sein Dasein weiter fristen wird. Der Safe eines russischen Oligarchen kommt da ebenso in Frage wie der eines japanischen Großindustriellen oder eines Ölscheichs. Dass ein Adelshaus die geschätzten drei Millionen Euro hinblättern wird, gilt als zweifelhaft.

Der "Beau Sancy" kommt zur Versteigerung.

Der "Beau Sancy" kommt zur Versteigerung.© EPA Der "Beau Sancy" kommt zur Versteigerung.© EPA

Obwohl der "Beau Sancy" natürlich ein Adeliger ist: Am 13. Mai 1610 betritt er in der Basilika von Saint-Denis die Weltbühne auf der Spitze der Krone, die Maria de’ Medici aufs Haupt gesetzt wird, um die gebürtige Florentinerin als französische Königin an der Seite ihres Gemahls Henry IV. auszuweisen.

Der tropfenförmige Stein ist mit seinen 34,98 Karat der kleine und jüngere Bruder des 55,23-karätigen "Sancy", dessen erster Besitzer Karl der Kühne war und der sich jetzt im Besitz der Familie Astor befindet, die ihn dem Louvre als Leihgabe zur Verfügung stellt. "Sancy" heißen die Steine nach ihrem ersten europäischen Besitzer, Nicolas de Harlay, Sieur de Sancy.

75.000 Livres blättert der König dem Diplomaten 1604 auf den Tisch. Offenbar weiß Henry IV., dass er seine Frau irgendwie über seine dauernden außerehelichen Affären hinwegtrösten muss. Vielleicht kommt es auf diese Weise zur Behauptung, Diamanten seien die besten Freunde der Frau.

Viel Glück bringt der Stein Maria de’ Medici jedoch nicht: Einen Tag nach ihrer Krönung wird ihr mit den Calvinisten liebäugelnde Mann von einem katholischen Fanatiker ermordet. Sie übernimmt die Regentschaft für ihren noch minderjährigen Sohn Louis. Als dieser 16 Jahre alt wird und als Louis XIII. selbst regieren will, ist Mutter damit gar nicht einverstanden - aber sie schätzt die Machtverhältnisse falsch ein und wird vom Sohn kurzerhand des Landes verwiesen.

Sie flieht nach Amsterdam. Dort ist sie gezwungen, ihre Wertsachen zu Geld zu machen. Den "Beau Sancy" kauft ihr Prinz Frederik Hendrik von Oranien-Nassau für 80.000 Gulden ab. Im Staatshaushalt des Jahres 1641 ist das der höchste Posten.

"Beau Sancy" wird Deutscher
Bei einem Erbschaftsstreit zwischen dem Haus Oranien-Nassau und den brandenburgisch-preußischen Hohenzollern fällt diesen der "Beau Sancy" zu. Friedrich I. von Preußen bestimmt den Stein zum Schmuck seiner Krone. Aus dieser lässt ihn sein Sohn und Nachfolger Friedrich II. wieder entfernen. Vielleicht mochte "der Große" keinen großen Schmuck, vielleicht machte er es auch nur als Demonstration der Abneigung gegen seinen Vater. Jedenfalls schenkt er den Stein seiner Frau, Königin Elisabeth Christine, die ihn, zusammen mit anderen Diamanten, zu einem Bouquet arrangieren lässt. Der Stein bleibt im Besitz der Hohenzollern.

Als Wilhelm II., letzter deutscher Kaiser und König von Preußen, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg 1918 ins Exil nach Holland flieht, bleibt der "Beau Sancy", wie der Rest der Kronjuwelen, in Berlin. Am erstaunlichsten: Nicht einmal nach dem Zweiten Weltkrieg vergreifen sich die Siegermächte an den Juwelen. Für kurze Zeit annektieren zwar die Briten den Schatz, doch wenig später geben sie ihn dem Nachlass des Hauses Preußen zurück.

So kommt es, dass Prinz Georg Friedrich von Preußen, heute Familienoberhaupt der Hohenzollern, über den Stein verfügen kann - und ihn in eine möglicherweise unwürdige Zukunft schickt.

"Wer kann, der kann", sagen die Bayern - und auch der Preuße kann: Er ist auch beim Verkauf von Prestigeobjekten wie dem "Beau Sancy" niemandem Rechenschaft schuldig, egal, ob er vom Erlös ein Spital für krebskranke Kinder baut oder eine Nobelvilla für sich selbst.

Was einem traditionsbehafteten Stein im schlimmsten Fall passieren kann, lehrt die Geschichte des "Blauen Wittelsbacher": Er war aus der Krone des ehemaligen bayerischen Königshauses gebrochen worden und in die Hände der Millionärin Heidi Horten gekommen. Die wiederum ließ ihn 2008 von Christie’s versteigern. Der Londoner Juwelier Lawrence Graff kaufte den Stein, der als Wunder galt. Jetzt heißt der Stein "Wittelsbacher Graff" - der Juwelier ohne Traditionsbewusstsein schliff den Brillanten nämlich um und ruinierte ihn damit. Denn die Geschichte eines Steins ist mit seiner Erscheinungsform, also mit seinem Schliff, verbunden. Wird er umgeschliffen, mag er seinen Geldwert behalten, aber er ist nicht mehr jener Stein, der Könige und Fürsten durch die Geschichte ihrer Nationen begleitete.




Schlagwörter

Geschichte, Kunst

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-14 17:14:11


Beliebte Inhalte



Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Keine Stimmen aus Aserbaidschan, und schon wird es politisch beim ESC. - APAweb/EPA/Jessica Gow/SCANPIX
  • Russland empört über "geraubte" ESC-Stimmen aus Aserbaidschan
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Rolando Villazón: gelungene Stimmakrobatik. - /Frank Leonhardt Die Welt der "großen Stimmen" bildet einen Sonderfall innerhalb des Klassik-Betriebes, der sich hier so sehr wie nirgends sonst dem Pop-Business...weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Musik-Dandy und Begründer des Glam-Rock: Marc Bolan. - Universal
  • Wie mit bekannten Namen Geld gemacht wird
  • weiter




Werbung



Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter




Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



Ein tiefsinniger Schelm

Urs Widmer. - Foto: Wikimedia "Ich heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi." So leitete Urs Widmer 2006 seinen Roman "Mein Leben als... weiter




Anschreiben gegen den Tod

Josef Winkler: Auch seine Darstellung fremder Kulturen erweist sich letztlich als Zerrbild des dörflich-katholischen Kosmos. - Foto: Marko Lipus Sechzig Jahre ist Josef Winkler heuer im März geworden. Damit beginnt er zwar langsam ins Pensionistenalter einzurücken... weiter




Mussten in unterirdischen Bunker arbeiten

Dan Brown ließ Übersetzer bewachen

20130503danbrown - APAweb / EPA, Daniel Dal Zennaro Rom. Vor einem Monat beendeten die Übersetzer von Dan Browns neuem Thriller "Inferno", der am 14. Mai weltweit erscheint, ihren Job... weiter





Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof

Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi" Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York.

Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen: 21. 5. 2013: Schwere Zeiten für Fans des glänzenden Metalls: Der Goldpreis erklimmt keine neuen Höhen mehr, das Interesse der Anleger ist merkbar gesunken.

Werbung