• vom 30.05.2012, 15:23 Uhr

Kultur

Update: 06.05.2013, 15:29 Uhr
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Nachlese 2012

Ein Roman erregt die Behörden


Von Edwin Baumgartner

  • Michail Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" hält der Bürokratie einen Spiegel vor. Die Entdeckung eines verpönten Autors wird zur literarischen Sensation.

Seltsames geschieht in Moskau: Der Teufel geht um und treibt in "Der Meister und Margarita" ein Spiel von Gut und Böse. - © Bohumil KOSTOHRYZ

Seltsames geschieht in Moskau: Der Teufel geht um und treibt in "Der Meister und Margarita" ein Spiel von Gut und Böse. © Bohumil KOSTOHRYZ

In Moskau ist nahezu jedem die Wohnung Nr. 50 in der Sadowaja 302b ein Begriff. Im Unterschied zu Sherlock Holmes’ Londoner Domizil Baker Street 221b (auch hier eine b-Nummer) ist die Moskauer Wohnung jedoch in aller Realität existent. In ihr wohnte zeitweise der Schriftsteller Michail Bulgakow, in ihr siedelte er Vorgänge seines Hauptwerks, des Romans "Der Meister und Margarita" an, den die Wiener Festwochen in einer dramatisierten Version im Burgtheater zeigen.

Als "Der Meister und Margarita" 1966 in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift "Moskwa" erscheint, weiß man: Die Zensur hat vor Erscheinen eingegriffen. Sowjetische Leser sind das gewohnt. Was sie auch gewohnt sind: Irgendwie kommt man an die eliminierten Stellen. So ist es auch im Fall von "Der Meister und Margarita". Unter der Hand werden Abschriften des zensurierten Achtels als riskante, weil streng verbotene "Samisdat"-Ausgaben verbreitet. "Samisdat" - das bedeutet "Selbstverlag". Keine Druckerpresse, sondern Schreibmaschine, Bleistift und einfachste Vervielfältigungsmethoden stehen hinter den Ausgaben.

Es ist, als würde Ray Bradburys 1953 herausgekommener Roman "Fahrenheit 451" Wirklichkeit: Die Menschen finden sich zu kleinen, eingeschworenen Zirkeln zusammen, in denen sie aus "Der Meister und Margarita" lesen - viele lernen das Werk auswendig, Teil für Teil, so, wie es die Zeitschrift liefert, um unter allen Umständen im Besitz dieses Textes zu bleiben.

Michail Bulgakow legte sich mit der Bürokratie der Sowjetunion an.

Michail Bulgakow legte sich mit der Bürokratie der Sowjetunion an.© wikipedia Michail Bulgakow legte sich mit der Bürokratie der Sowjetunion an.© wikipedia

Dabei nimmt Bulgakow nicht nicht einmal die sowjetische Gegenwart aufs Korn: Was den Behörden solche Probleme bereitet, ist der Text eines längst verstorbenen Autors. Der Roman ist 26 Jahre alt.

Doch Bulgakow, am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und ausgebildeter Arzt, gilt immer noch als unzuverlässiger Autor. Im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution 1917 hat er es mit den anti-bolschewistischen "Weißen Garden" gehalten, danach arrangierte er sich zwar mit dem Sowjetsystem, aber seine mangelnde Begeisterung war überdeutlich. Immerhin: Er konnte veröffentlichen, seine Stücke wurden gespielt.

Ein unzuverlässiger Autor
Bis 1930. Plötzlich verschwinden Bulgakows Dramen von den Spielplänen und seine Prosawerke aus den Buchhandlungen. Neue Arbeiten finden keinen Verlag mehr. Bulgakow gerät in eine finanzielle Notlage, er bittet hohe Funktionäre der Sowjetregierung um Hilfe: Arbeit oder die Erlaubnis zur Ausreise. Stalin persönlich verspricht, er werde etwas für den Autor tun.

Tatsächlich hält Stalin Wort: Bulgakow kann in untergeordneter Funktion an Theatern arbeiten und Opernlibretti schreiben. Nur veröffentlichen darf er nach wie vor nicht. Dann, 1939, wird sein Stalin-Stück "Batum", in das er große Hoffnungen hinsichtlich einer Rehabilitation setzt, verboten.

Die permanente Unsicherheit, das Wissen, dass dem Verbot jederzeit der Abtransport in ein Lager folgen kann, hat Bulgakows Blutdruck unbemerkt ansteigen lassen. 1939 wird eine dadurch ausgelöste Nierenerkrankung diagnostiziert. Auf dem Totenbett diktiert Bulgakow seiner dritten Frau Jelena Sergejewna die letzte Variante von "Der Meister und Margarita".

"Der Meister und Margarita" ist ein vielschichtiger Text, FaustVariante, religiöses Gleichnis und Satire gleichzeitig. Was die Behörden 1966 so erregt: Die Satire zielt auf die sowjetischen Beamten. Für die vielfach katastrophalen Zustände in der Sowjetunion wurde von der Bevölkerung nämlich nicht Stalin verantwortlich gemacht, sondern die Bürokratie, ausgeübt durch desinteressierte und durch je nach politischer Wetterlage schnell wechselnde Vorschriften überforderte Beamte, die obendrein, sprichwörtlich korrupt waren. Das gilt für 1940 nicht minder als für 1966.

Da ist zwar der Stalinismus überwunden, aber von einer freien Gesellschaft kann keine Rede sein. Schon dem "Tauwetter" Nikita Chruschtschows war nicht zu trauen, wie der Fall des Dichters Boris Pasternak lehrt, dessen Roman "Doktor Schiwago" in der angeblich auftauenden Sowjetunion nicht erscheinen konnte. 1958 wurde Pasternak gar genötigt, den Literaturnobelpreis abzulehnen.

1964 wird Chruschtschow durch Leonid Breschnew abgelöst, der einen Kurs etwa in der Mitte zwischen Stalins Restriktionen und Chruschtschows ohnedies zumeist nur auf dem Papier proklamierten Freiheiten sucht. Die Liberalisierung der sowjetischen Gesellschaft ist in weite Ferne gerückt.

Für Bulgakows Roman bedeutet es, dass die in ihm karikierte Stalin-Zeit von der offiziellen Politik wieder in besseres Licht gesetzt wird. Damit reibt sich der Roman an der Parteilinie. Andererseits ist es ein bemerkenswertes Zeichen für eine in Chruschtschows Sinn vorsichtig liberal bleibende Kulturpolitik, dass "Der Meister und Margarita" überhaupt, wenngleich zensuriert, erscheinen kann. Zumal der Roman durchaus als eine Art prophetische Satire über die sowjetische Gegenwart gelesen werden kann.

Es mag dabei ein müßiges wenngleich reizvolles Gedankenexperiment sein, wie die Behörden wohl reagiert hätten, hätten sie das Geheimnis hinter "Der Meister und Margarita" gekannt. Dieses Geheimnis heißt Jakow Golosowker.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-30 15:29:09
Letzte Änderung am 2013-05-06 15:29:01


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