
New York. In Demokratien westlichen Zuschnitts kommt es selten, aber zuweilen immer noch vor, dass sich ein namhafter Politiker zu Fragen der Literatur äußert. Und wirklich ganz, ganz selten kommt es vor, dass dieser Politiker damit in seiner Partei eine kleine ideengeschichtliche Debatte auslöst. Aber es ist passiert, neulich in Amerika. Also sprach Paul Ryan: "Ich lehne ihren Atheismus ab. Wenn mir schon jemand seine Erkenntnistheorie reindrücken will, dann bitte die von Thomas von Aquin. Aber nicht die von Ayn Rand." Nämliches gab der 42-jährige Kongressabgeordnete aus Wisconsin, landesweit als Wirtschaftssprecher der Republikaner bekannt, jüngst im konservativen Diskursblatt "National Review" bekannt.
Die Parteibasis der Republikaner besteht im Jahr 2012 grob formuliert aus vier Fraktionen: Wirtschaftsflügel (moderat, immer noch einflussreich), Sozialkonservative/Tee-Parteigänger (extremistisch, überproportional einflussreich), Libertäre (idealistisch, wenig einflussreich, aber im Wachstum begriffen) sowie einer Gruppe von Komikern, über deren ideologische Verwurzelung in der Grand Old Party (GOP) wenig bekannt ist, die aber bei den Vorwahlen zum Präsidentschaftskandidaten ihre 15 Minuten im Rampenlicht genießen durften. All diesen Fraktionen gemeinsam ist, dass ihre Mitglieder als Hardcore-Fans der in Sachen Verkauf erfolgreichsten Schriftstellerin der USA des 20. Jahrhunderts gelten. Die im Rest der Welt, wiewohl in über 30 Sprachen übersetzt, niemand wirklich kennt.
Ikone der Tea Party
Alisa Zinovyevna Rosenbaum, 1905 hineingeboren in eine gutbürgerliche Familie im damals noch unter der Fuchtel des Zaren stehenden Sankt Petersburg. 20 Jahre und eine bolschewistische Revolution später ausgewandert in die USA und nach einem erfüllten Leben als Schriftstellerin und Nachdenkerin unter dem Namen Ayn Rand ebendort 1982 verstorben. Von den Sphären, die ihre beiden bekanntesten Romane - "The Fountainhead" (1943, "Der Ursprung" bei Gewis) und "Atlas Shrugged" (1957, "Atlas wirft die Welt ab", Blanvalet Verlag) - bis heute verkaufstechnisch erreichen, können zeitgenössische Bestsellerautoren nur träumen: zwischen 100.000 und 200.000 verkaufte Exemplare pro Jahr. Insgesamt hat Rand bis heute zwischen 20 und 30 Millionen unter die Leute gebracht. Wie ist es möglich, dass sich die als publizistischer Inbegriff der Kalten Kriegerin bekannt gewordene Autorin heute neu entfachten Interesses erfreut? Dass das Tea-Party-Fußvolk auf Demos herumrennt mit Schildern, auf denen die Frage "Wer ist John Galt?" steht (die zentrale Figur von "Atlas Shrugged")? Dass republikanische Kongressabgeordnete aus dem ganzen Land heute auf ihre Haltung zu Rands "Philosophie" abgeklopft werden? Wie Paul Ryan, der als möglicher Vizepräsidentschaftskandidat für Mitt Romney gehandelt wird? Bisher hatte er immer betont: "Sie ist der Grund, warum ich Politiker geworden bin."
Ihr Antrieb: Hass
Abgesehen von ihrer Gottlosigkeit eignet sich Ayn Rand freilich perfekt für die Rolle einer rechten Ikone: Ein so überschaubares wie leicht verdauliches literarisches Schaffen (drei Romane, neben den erwähnten der nahezu in Vergessenheit geratene Debütroman "We the Living" von 1936, zwei Bühnenstücke, sieben "Sachbücher"); ein öffentlich zelebrierter, fanatischer Anti-Kommunismus; die Propagierung eines manisch überhöhten Männlichkeitsideals und eine unbedingte Technikgläubigkeit. Rand war zur richtigen Zeit am richtigen Ort gelandet: den USA in Zeiten des Kalten Kriegs gegen die Sowjetunion. Ihr Antrieb, der sich quer durch ihr uvre zieht, lässt sich im Grunde einfach zusammenfassen: Hass. Hass auf "die Linken", auf die Gewerkschaftsbewegung, auf die namen- und gesichtslosen Massen, die mit ihrer Herdenmentalität angeblich dem Fortschritt im Wege stehen.
In "The Fountainhead" (1949 mit mäßigem Erfolg verfilmt mit Rand-Fan Gary Cooper) ist es der Architekt Howard Roark, der sich, überzeugt vom eigenen Genie, trotz anfänglicher Misserfolge weigert, Kompromisse einzugehen, und am Ende dafür belohnt wird, weil die Menschheit (in Gestalt einer Geschworenenbank) am Ende erkennt, wie super der Mann (das Individuum) wirklich ist, der niemals Hilfe von irgendjemand braucht, alles allein macht und stur seinen Weg geht, weil alle anderen (das Kollektiv/die Masse) Idioten sind.
In "Atlas Shrugged" erfährt dieses Muster seine Wiederholung. Die Rahmenhandlung des Science-Fiction-Wälzers: Nachdem die US-Regierung im Zuge einer globalen Ölkrise das regulative Ruder an sich gerissen hat und nach klischeehaftester Politbüro-Manier den realen Sozialismus eingeführt hat, findet sich Amerika am Abgrund wieder, weil alle kreativen Köpfe des Landes auf zunächst unerklärliche Weise einer nach dem anderen verschwinden. Bis aufkommt, dass ein gewisser John Galt sie für sich begeistert hat, der Schöpfer einer schönen neuen Welt, in der Fleiß, Gier und Technik Hand in Hand gehen: ein weiteres Hohelied auf den ungezügelten Kapitalismus, in dem es sich die einrichten, die für den (technischen) Fortschritt sorgen, während die Massen, die dafür zu doof sind, (im Fall von "Atlas Shrugged" buchstäblich) zur Hölle fahren, weil sie es schlicht und einfach nicht anders verdienen. Die Qualität der Randschen Prosa ist leidlich berauschend, die Handlung so durchgeknallt, dass sie schon wieder ganz unterhaltsam wäre - wäre nicht spürbar, dass die Autorin das alles wirklich ernst meint.
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