Mit einer Auswahl der fast 300 spätantiken Textilien der Papyrussammlung in der Nationalbibliothek, die aus Mittelägypten um die Oase von Fajum, südlich von Kairo und Gize stammen, wird eine besondere Zeit beleuchtet. Das gilt für die sozial, wirtschaftlich und künstlerisch spannende Periode des Umbruchs zur christlichen Kultur vom 4. bis ins 6. Jahrhundert in einer bilingualen Gesellschaft am Nil: Das Archiv eines Dorfvorstehers verrät, dass neben dem Koptischen immer noch die griechische Sprache und Bildung wesentlich war. Genau das zeichnet sich auch auf den Zierelementen der teuren Kleider hochgestellter Persönlichkeiten ab.

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" spricht Generaldirektorin Johanna Rachinger von besonderen Raritäten unter den rund acht Millionen Objekten der Nationalbibliothek, die nur selten gezeigt wurden. Sie setzt weniger auf Gegenwartskunst wie andere Institutionen in Wien, sondern auf die Sammlungsspezifik eigener Bestände. Diese Vorgangsweise stellt sich als richtig heraus: Im ersten Quartal 2012 kamen 29,3 Prozent mehr Besucher. Neben dem Prunksaal mit zwei bis drei Wechselausstellungen und drei Museen mit permanenten Präsentationen ist jährlich eine Schau im Papyrusmuseum den besonderen Gräberfunden der Antike gewidmet. Im Prunksaal freuen sich Gäste auch, "wenn sie diese barocke Universalbibliothek als Gesamtkunstwerk zwischen den Ausstellungen pur erleben können". Eine Steigerung der Aktivitäten ist erst im Jahr 2015 geplant, wenn das Literaturmuseum in der Johannesgasse eröffnet.
Die koptischen Stoffe, vor allem aber Applikationen auf Leinen und seltener Seide, werden im Rahmen des Museums-Projekts forMuse des Wissenschaftsministeriums restauriert und inhaltlich beforscht. Gemeinsam mit den Papyri und beschrifteten Tonscherben ergibt sich Neues über die vielschichtigen Kulturen Ägyptens. Die zum Großteil heidnisch-antiken Szenen auf den Textilien stammen aus der griechischen Mythologie.
Antike Designerkleider
Weinlese um Dionysos mit Eroten und Tieren, Frauenraub der Dioskuren und Tierkämpfe sagen wenig über den längst staatlich verordneten christlichen Glauben aus, biblische oder alltägliche Szenen in einer asketischen Zeit sind nur in den Texten ablesbar: Da wird ein Dorf bestraft, weil es seine Wolle nicht abliefert, Kleiderdiebe werden eingesperrt, und ein Kleiderauftrag verrät, dass zehn Gehälter eines Beamten kaum genügten, um dieses zu bezahlen. Für Seide aus China musste ein Patriarch 18 Jahre arbeiten.
Wir können also die besonders komplizierten und raffiniert gefärbten figürlichen Motive als eine Art Luxusware betrachten, die einem heutigen Designerkleid entsprechen. Purpurrot gab es nur für Kaisers Kleider oder einen Streifen der Senatorentunika, die Normalsterblichen durften sich mit pflanzlicher Farbimitation rot schmücken - kein Wunder, dass es schon 301 ein Edikt von Diocletian zum Einhalt der Inflation gab. Es nutzte allerdings auch damals nichts.
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