Letzten Endes bleibt es eine Frage der Einschätzung: War Werner Egk ein Mitläufer des sogenannten Dritten Reichs oder ein Aktivist? War Herbert von Karajan ein echter Nazi oder ein Karrierist, der die Gunst der Stunde nützte? War Richard Strauss ein ehrgeiziger Funktionär oder versuchte er, Schlimmeres zu verhindern? Die Musikforscher Ulrich Drüner und Georg Günther wollen der Sache in ihrem eben erschienenen Buch "Musik und ,Drittes Reich" auf den Grund gehen, indem sie versuchen, die Musikpolitik des Nationalsozialismus aufzuschlüsseln und deren Nachwirkungen bis weit über das Ende des Hitler-Staates hinaus aufzuzeigen. Dass sie dabei in einigen Fällen Falschdarstellungen aufsitzen, macht das Buch allerdings zum Lehrbuch, was selbst versierten (Musik-)Historikern passieren kann.

Als Paradebeispiel mag der Fall des bayerischen Komponisten Werner Egk dienen. Die unwidersprechbaren Fakten: Der am 17. Mai 1901 im heute zu Donauwörth gehörenden Auchsesheim geborene Komponist und Dirigent schreibt 1933 die Musik für Kurt Eggers NS-Festspiel "Job, der Deutsche", 1936 erhält er für seine "Olympische Festmusik" eine olympische Goldmedaille in der Kategorie "Orchestermusik", 1939 schreibt er die Musik zu "Die Hohen Zeichen", ein NS-Weihespiel zu Hitlers 50. Geburtstag. 1935 wird in Frankfurt am Main Egks Oper "Die Zaubergeige", 1938 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden seine Oper "Peer Gynt" uraufgeführt.
Kalkulierte Karriere
1947 und 1969 wehrt sich Egk in juristischen Verfahren gegen Vorwürfe, die ihn als einen willfährigen Protagonisten der Musik in der Zeit des Nationalsozialismus darstellen. Keines der beiden Verfahren führt zu einem verbindlichen Spruch über Egks Rolle im "Dritten Reich". Die Zeichen sind eindeutig, Drüner und Günther hätten stutzig werden müssen, dennoch kommen sie zu dem erstaunlich milden Urteil, Egk habe "dem Regime zwar seinen Tribut entrichtet, folgte den neuen Machthabern aber nicht aus Überzeugung". Was stimmt, als Überzeugung kaum nachweisbar ist. Aber war es wirklich nur ein "Tribut", den Egk entrichtete - oder war es, menschlich durchaus verständlich, Kalkül zur Beförderung der eigenen Karriere?
Drüner und Günther gehen Egk auf den Leim, der 1973 eine glänzend formulierte Autobiografie veröffentlichte, in der er sich im Tonfall ironischer Selbstdistanz als gleichsam durch den Nationalsozialismus flanierenden, mehr beobachtenden als teilhabenden Künstler darstellt. Drüner und Günter glauben ihm das.
Und wie sieht nun der "Tribut" aus, den Egk leistete? Etwa so: Das dritte Bild der Oper "Peer Gynt", für die er das Drama Henrik Ibsens frei umgestaltet und selbst den Text schreibt, ist die große Troll-Szene. Die Musik der Trolle lässt aufhorchen. Die Anklänge an den verpönten Jazz sind ebenso unüberhörbar wie das Zitat des Cancan aus "Orpheus in der Unterwelt" des jüdischen Komponisten Jacques Offenbach. In seiner Autobiografie stilisiert Egk diese Musik zur Tat geistigen Widerstands.
In Goebbels Tagebuch
Wie weit es damit wirklich her ist, lässt die Lektüre der Regieanweisung ahnen: Die Trolle sind, so Egk, "erschreckende Verkörperungen menschlicher Minderwertigkeit". Die Musik treibt damit ein Rollenspiel. Jazz und Offenbach sind der Ausdruck für jene Kreaturen, die Egk in der Regieanweisung völlig systemkonform beschreibt, denn gemeint sind wohl Juden und sogenannte Neger, obwohl Egk in seiner Autobiografie behauptet, er habe die nationalsozialistischen Uniformträger gemeint. Wäre das die Wahrheit gewesen, wäre Egk allerdings im Konzentrationslager gesessen und nicht als Kulturbeauftragter Deutschlands in Paris.
Hitler versteht jedenfalls sofort, was Egk meint, und gratuliert ihm persönlich; Propagandaminister Joseph Goebbels trägt seine Begeisterung über Egks Oper in sein Tagebuch ein. Damit der tatsächlich vorhandene Unmut von Kritikern, die sich besonders linientreu geben und den Jazz monieren, nicht übermächtig wird, zeigt die Folgeinszenierung der Oper in Frankfurt am Main deutlich, was gemeint ist: Der Trollkönig ist ein Schwarzafrikaner, an dessen Revers ein Judenstern prangt. Damit ist der Querbezug zum Plakat der Ausstellung "Entartete Musik" hergestellt.
Für einen Komponisten, der mit dem Nationalsozialismus nur in Berührung gekommen sein will, wenn es unumgänglich war, streift Egk doch oft und kräftig an: Bereits der Wucherer Guldensack in der Oper "Die Zaubergeige" (1935) ist von antisemitischen Stereotypien geprägt, und Egk schreibt nicht nur zu "Job, der Deutsche" und "Die Hohen Zeichen" die Musik, sondern auch den "Marsch der deutschen Jugend" für den Propagandafilm "Jungens" sowie die Kantate "Natur-Liebe-Tod" für die ersten Reichsmusiktage in Düsseldorf, in deren Rahmen die Ausstellung "Entartete Musik" stattfindet.
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