
"Wiener Zeitung":In Ihrer eben erschienen Detroit-Reisereportage "Rasende Ruinen" erwägen Sie, ein Haus in der Stadt zu kaufen. Sind Sie stolze Immobilien-Eignerin?
Katja Kullmann: Nein, ich habe die Idee nicht weiter verfolgt. Zu einem Preis von rund 6000 Dollar könnte man in Detroit ein schönes Haus erwerben. Das ist durchaus verlockend.
Detroit habe das Zeug, zum Berlin der USA zu werden, schreiben Sie in "Rasende Ruinen": Künstler und Kreative sollen der ehemaligen Industriehochburg zu einer Konjunktur verhelfen. Wird das Potenzial der Creative Industries nicht überbewertet?
Es handelt sich dabei um eine maßlose Überschätzung. Die Maßnahme greift in der Stadtentwicklung viel zu kurz und schließt weite Teile der Bevölkerung aus. Interessant daran ist, dass Berlin offenbar als Chiffre funktioniert für einen Stadttypus, welcher den Strukturwandel zur postindustriellen Gesellschaft via Kreativwirtschaft bewältigt hat. Indem - vereinfacht gesagt - leere Backsteinfabrikhallen in Ateliers, Kaffeehäuser, Boutiquen umgewandelt und von jungen, kreativen Leuten wiederbelebt wurden.
Was passiert nun in Detroit?
Dieses Modell soll nun auch Detroit übergestülpt werden. In einer extrem desolaten Stadt, in der die Härten des Post-Fordismus derart konzentriert auftreten, wird nun mit einer gewissen Hektik die Kreativklasse als Retter installiert - in einer Metropole, in der das Stadtzentrum entkernt ist, hohe Arbeitslosigkeit und enorme soziale Spannungen zwischen Weiß und Schwarz herrschen. Ich zweifle an der Sinnhaftigkeit des Unternehmens. Aufschlussreich ist jedoch, dass der kreativen Klasse offenbar unglaubliche gesellschaftliche Kraft zugesprochen wird.
Bildet die Kreativwirtschaft den neuen Mittelstand?
Durchaus. In mitteleuropäischen Gesellschaften wird häufig darüber geklagt, die Reichen würden reicher, die Armen ärmer, das solide Rückgrat der Gesellschaft erodiere. Dabei lässt man außer Acht, dass es eine neue Mitte gibt, die aber nicht adäquat bezahlt wird und deshalb ökonomisch dort nicht ankommt. In der Kreativwirtschaft trifft das Schicksal des Prekariats nun auch Bürgersöhne und -töchter, die gut ausgebildet sind.
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