• vom 02.07.2012, 17:54 Uhr

Kultur

Update: 02.07.2012, 18:03 Uhr
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Der kanadische Philosoph Charles Taylor meint, dass Säkularität eine Chance für die Religion sein kann

Die neuen Freiheiten der Religion


Von Stefan Beig

  • Heute erlebt der Einzelne viel mehr Veränderungen als früher, meint Taylor.

Kopftuch, Minarette, Beschneidung: Religion bleibt im säkularen Europa ein emotionales Thema. Der kanadische Philosoph Charles Taylor (Jahrgang 1931) befasst sich seit Jahrzehnten mit Konzepten der Multikulturalität und der Moderne. Er hatte zahlreiche Gastprofessuren inne, lehrte vor allem an den Universitäten von Montréal und Oxford. 2010 wurde ihm für sein Buch "Ein säkulares Zeitalter" der Bruno-Kreisky-Preis zugesprochen.

"Eine Kultur total zu akzeptieren oder total abzulehnen ist absurd" , meint Taylor.

"Eine Kultur total zu akzeptieren oder total abzulehnen ist absurd" , meint Taylor.© Stanislav Jenis "Eine Kultur total zu akzeptieren oder total abzulehnen ist absurd" , meint Taylor.© Stanislav Jenis

Mit der "Wiener Zeitung" sprach er über Formen des Religiösen heute, Islamophobie, Wurzeln der Säkularität und ihre Vorteile für die Religion.

"Wiener Zeitung": Im säkularen Europa wird Religion immer wieder zum öffentlich heiß diskutierten Politikum. Warum?

Charles Taylor: Die Konflikte kreisen um den Ort der Religion in der Öffentlichkeit. Hinter den Auseinandersetzungen liegt oft eine lange Geschichte. Die öffentlichen Feiertage Österreichs sind katholisch, auch die in Frankreich. Selbst nicht-religiöse Menschen wollen gewisse katholische oder protestantische Wurzeln nicht verlieren. Für manche scheint nun der Islam über bestimmte Kleidungen die öffentliche Sphäre einzunehmen. So argumentiert Marine Le Pen: Frankreich hat christliche Wurzeln, die Muslime gehören nicht dazu.

Solchen Personen scheint es weniger um die Verteidigung der Religion als um die der "christlichen Kultur" zu gehen. Gibt es neben religiösen Christen auch kulturelle?

Ich glaube, viele Leute sind sich über die Rolle der Religion in ihrem Leben nicht im Klaren. Wo ist nur von Religion die Rede, wo von Kultur? Soziologen haben gezeigt: Viele wollen etwa bei christlichen Begräbnissen nicht auf die Kirche verzichten, auch wenn sie keine praktizierenden Christen sind. Wie soll man diese Menschen klassifizieren? Sind es kulturelle Christen oder semi-religiöse? Sie wissen es selbst nicht. Ich glaube, dass es zwischen kulturellen Christen und gläubigen Christen noch viel Platz gibt.

Hat die Islam-Debatte Europas Verhältnis zur Religion beeinflusst?

Ja, aber nicht nur zum Positiven. Wir verzeichnen ein Wachstum an Islamophobie, die total ignorant und dumm ist und pauschale Urteile über die letzten 1400 Jahre fällt.

Sie haben aber selbst in Ihrem Vortrag "Die Politik der Anerkennung" erklärt, man könne nicht von vornherein positive Werturteile über andere Kulturen einfordern. Das scheint eher die Argumentation von Islamkritikern zu begünstigen.

Es ist unmöglich, die islamische Kultur komplett zurückzuweisen. Es gibt auf beiden Seiten Elemente, die radikal sind. Aber es ist absurd, eine Kultur total zu akzeptieren oder total abzulehnen. Die Extremisten auf beiden Seiten sind einander ähnlich und Minderheiten.

Einige Islamkritiker berufen sich auf Presse- und Meinungsfreiheit.

Karikaturen kann man nicht per Gesetz verbieten. Aber es gibt einen "informal code of civility" über die Art und Weise, wie wir miteinander reden. Die Beleidigung von Minderheiten gehört nicht dazu.

Was ist der Maßstab?

In jeder Gesellschaft gibt es Praktiken, die mit der menschlichen Würde inkompatibel sind. Die menschliche Würde ist die Grundlage unserer heutigen Gesellschaft und die Norm.

In Ihrem Buch "Ein säkulares Zeitalter" haben Sie argumentiert, dass religiöse Bezüge im Gegensatz zu früher nicht mehr selbstverständlich sind. Einen religiösen Pluralismus gab es aber schon früher.

Natürlich gab es Multikulturalismus schon in anderen Reichen, wie dem hellenistischen Reich, ebenso die Koexistenz von Juden, Christen und anderen Religionen. Es bestehen aber zwei wesentliche Unterschiede zu heute: Die Gesellschaft als Ganze blieb früher innerhalb der Religion fundiert, im Kosmos oder in Bezug zu den Göttern. Wir akzeptieren euren Gott, ihr akzeptiert unseren, hieß es. Religionen spielen nicht mehr diese offizielle Rolle in der Gesellschaft.

Der zweite noch wichtigere Unterschied ist: Die moderne Gesellschaft basiert auf individueller Verantwortung. Das ist mit viel Veränderungen für den Einzelnen verbunden. Im Osmanischen und im Habsburger-Reich wurden religiöse Gruppen anerkannt, die aber innerhalb ihrer organisierten Einheiten lebten. Ganz anders heute: Interreligiöse Heiraten geschehen in den USA permanent. 42 Prozent der Amerikaner wurden mit anderen religiösen Überzeugungen geboren, als sie jetzt haben. Ihre Eltern waren zum Beispiel Atheisten, aber sie sind es nicht mehr, oder umgekehrt. Auch ihre Konfessionen und Religionen wechseln sie. Das erleben wir zum ersten Mal in der Geschichte, auch in Europa. In Frankreich leben etwa viele Buddhisten. Die individuelle Freiheit ist größer als je zuvor.

Wie kam es dazu?

Die Kultur des Individualismus ist die Wurzel Europas und der USA. Neue Formen von Disziplin, wie Selbstbeherrschung, wurden dabei besonders hochgehalten.

Warum entstand diese Kultur gerade hier?

Wegen der religiösen Veränderung: Die Läuterung der Religion führte zu diesen neuen Disziplinen. Das schlug sich auch in organisierte Form nieder. Der preußische Staat wurde im 18. Jahrhundert sehr mächtig. Ein staatlicher Dienst entstand, und ein Patriotismus. Es gab den Ehrgeiz, christliche Orden universell zu machen. Es gibt Orden in allen Religionen, wie die Sufi-Orden. Das Besondere war, dass man sie hier auf die gesamte Gesellschaft übertragen wollte. Hellenistische Bereiche wollte man dadurch ausradieren.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-02 17:59:05
Letzte Änderung am 2012-07-02 18:03:46


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