• vom 16.07.2012, 17:43 Uhr

Kultur

Update: 16.07.2012, 18:43 Uhr
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Pornografie und Philosophie

George Bataille: Die gezielte Verletzung der Welt


Von Edwin Baumgartner

  • Der Todestag von Georges Bataille jährt sich dieser Tage zum 50. Mal.
  • Eine Betrachtung seines Werks.

"Augenszene" aus "Der andalusische Hund", interpretiert vom deutschen Künstler Thomas Demuth.

"Augenszene" aus "Der andalusische Hund", interpretiert vom deutschen Künstler Thomas Demuth.Thomas Demuth/Nr. 75 Serie "Ecce Homo"/enterthepolygons.com "Augenszene" aus "Der andalusische Hund", interpretiert vom deutschen Künstler Thomas Demuth.Thomas Demuth/Nr. 75 Serie "Ecce Homo"/enterthepolygons.com

Jeder Nation haftet ein Klischee an. So gelten die Österreicher als gemütlich, die Deutschen als gründlich, die Russen als trinkfest. Die Franzosen, heißt es, seien amourös, und es mag vielsagend sein, dass man das Klischee mit einem kaum übersetzbaren Wort ihrer eigenen Sprache ausdrückt. Der Schriftsteller und Philosoph Georges Bataille, dessen Tod sich dieser Tage zum 50. Mal jährt, war Franzose. Und seine "Histoire de l’"il" (Die Geschichte des Auges, 1928) gilt bis heute als einzigartiger und nie wiederholter Balanceakt an der Grenze von Literatur, Erotik und Pornografie. Erst 1989 wird die spätere österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in "Lust" ein ähnliches Konzept versuchen, allerdings sprachlich scheitern, weil das Deutsche für die Bereiche Sexualität und Erotik kein entsprechendes Vokabular hat.

Batailles Erzählung mag dabei in der Dosierung des erotisch-pornografischen Vokabulars eine Extremposition einnehmen - die Thematik ist für die französische Literatur indessen nichts grundlegend Neues. Was Bataille mit der an einem dünnen Handlungsfaden aufgehängten Beschreibung sexueller Experimente, die alle Grenzen zur Perversion überschreiten, wollte, ist unverändert Gegenstand von Diskussionen. Es könnte sich nämlich sowohl um einen Versuch echter pornografischer Literatur handeln als auch um ein surrealistisches Experiment.

Überreale Diktatur

Georges Bataille, Experimenteur surrealistischer Prosa.

Georges Bataille, Experimenteur surrealistischer Prosa.Archiv Georges Bataille, Experimenteur surrealistischer Prosa.Archiv

Der Surrealismus, Nachfolger der Dada-Bewegung, entsteht um 1920 in Paris. Der Begriff geht auf den Dichter Guillaume Apollinaire zurück. Er bezeichnet sein absurdes Geschlechtertausch-Theaterstück "Les mamelles de Tirésias" (Die Brüste des Tiresias) als "surrealistisches Drama". 1917 wird es uraufgeführt. Im gleichen Jahr wird der Begriff "surrealistisch" für den Programmzettel zum Ballett "Parade" von Jean Cocteau (Handlung), Erik Satie (Musik) und Pablo Picasso (Ausstattung) verwendet.

Surrealismus - das bedeutet ungefähr "den Realismus hinter sich lassend". Der deutsche Maler Max Ernst und der französische Schriftsteller André Breton erfinden im Jahr 1919, was man heute unter Surrealismus versteht. 1924 veröffentlicht Breton sein "Erstes surrealistisches Manifest", in dem er den Surrealismus kodifiziert und dadurch zum Anführer der Gruppe wird - zu einem durchaus diktatorischen Anführer, denn wer gegen die Regeln verstößt, wird von Breton exkommuniziert.

Diese Regeln verbieten unter anderem eine literarische Nachbearbeitung dessen, was der Autor spontan zu Papier bringt. Das literarische Produkt soll ein unbearbeitetes Abbild des Unterbewusstseins sein. Das automatische Schreiben wird zum Kult: In freier Assoziation ohne intellektuelle Kontrolle schreibt der Autor auf, was ihm durch den Kopf geht. Das Ergebnis sind Sätze ohne kausale Zusammenhänge, auch Ansammlungen von Wörtern, verbunden durch Ähnlichkeiten oder Gegensätze. Während Breton die Reinheit der Methode fordert, kümmern sich die ursprünglich zur Surrealisten-Gruppe gehörenden Autoren nicht um die Dogmen. Was sie aus dem Surrealismus mitnehmen, ist ein neuer Umgang mit dem Wort und der Mut zur scheinbar aus der Logik gelösten Metapher.

Unter diesen Voraussetzungen könnte Batailles "Histoire de l’"il" durchaus ein Experiment auf surrealistischer Basis sein, ein ausformuliertes Wort- und Assoziationsfeld zum Thema Erotik und Sexualität. Was indes für den Versuch einer pornografischen Erzählung spricht, ist die schlichte Tatsache, dass Bataille den Text unter dem Pseudonym Lord Auch (was in adäquate Fäkalsprache übersetzt etwa "Lord Geh Scheißen" bedeutet) veröffentlicht, sich also nicht als ein vom Surrealismus kommender Autor zu erkennen gibt. Das Versteckspiel dauert bis 1967 - Bataille starb am 9. Juli 1962 in Paris.

Nichtsdestoweniger lässt sich der Cocktail aus Augen, Scheiden, Hoden, Samen, Blut und Urin, den der spanische Filmregisseur Luis Buñuel möglicherweise kennengelernt hatte, ehe er den Film "Le chien andalou" (Der andalusische Hund, 1929) drehte, auch als absichtlicher Tabubruch lesen: Die gesamte Welt wird durch die Metaphernketten sexuell aufgeladen, alles definiert seine Bedeutung durch das Auge des Betrachters (vielleicht ist es auch die Geschichte, die das Auge des Betrachters erzählt) - und wenn die zugemessene Bedeutung sexueller Natur ist, dann kann alles als sexuell verstanden werden.

Dass der am 10. September 1897 in Billom (Auvergne) geborene Bataille den gezielten Tabubruch durchaus anstrebt, beweist er schon in seinem ersten Roman, "L’Abbé C". Der Titel ist ein Wortspiel: Es handelt sich einerseits um den Abbé C., also einen niederen Geistlichen mit altertümelnd abgekürztem Nachnamen, andererseits um das ABC. Tatsächlich schickt Bataille, der Priester werden wollte, ehe er den Glauben verwarf, einen Priester durch ein ABC der sexuellen Ausschweifung, gesteht ihm aber immerhin einen Heldentod als Widerstandskämpfer zu - was sicherlich keine Ironie beinhaltet, denn Bataille selbst gehört dem Widerstand an, er ist Mitglied der antifaschistischen Gruppe Contre-Attaque, steht den Kommunisten nahe, nicht aber den Stalinisten, im Gegenteil: Durch die Mitgliedschaft im Cercle Communiste Démocratique (Kreis demokratischer Kommunisten) demonstriert Bataille seine Distanz zum Stalinismus.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-16 16:59:12
Letzte Änderung am 2012-07-16 18:43:39


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