Venedig. Alle zwei Jahre richten sich die Augen der Architekturwelt nach Venedig. "Common Ground" lautet das Motto, unter das Direktor David Chipperfield die 13. Architektur-Biennale stellte. "Wir wollen demonstrieren, dass die Qualität von Architektur von gemeinsamen Werten abhängt", so Chipperfield. ",Common Ground ermöglicht es, die Anstrengungen von Architekten nicht als einzelne, gar modische Gesten aufzufassen, sondern als kontinuierliche Erforschung von intellektuellen, sozialen und technischen Ideen." Die Hoffnung, dass mit diesem theoretischen Überbau ein partizipativer Schwerpunkt gesetzt würde, erfüllte sich jedoch nicht.

Star-Architektur in fragwürdigen Kontexten
In der Hauptschau im Arsenale sind nach wie vor viele Stars vertreten, allerdings wurden ihre Arbeiten in den "Common Ground" eines kollektiven Erfahrungs- und Wissensschatzes gebettet.
Die vormaligen Sandoz-Werke in Basel sind heute der Novartis-Campus. Der Masterplan ist von Vittorio Magnago Lampugnagni, der Campus ein Prestigeobjekt erster Güte: Die Architekten Marco Serra, SANAA, Peter Märkli, Yoshio Taniguchi, Vittorio Lampugnani, Rafael Moneo, Adolf Krischanitz, Juan Navarro Baldeweg, David Chipperfield und Tadao Ando entwarfen die Büros an der Fabrikstrasse. Ein Pharmakonzern als "Common Ground" für prominente Architekten? Fragwürdig.
Sehr schön geriet hingegen die Geschichte von Monte Carasso: Das Dorf wurde bedächtig und langsam von Luigi Snozzi aus- und umgebaut und fand auf diese Weise zu einer neuen Identität.
Die Schalen von Zaha Hadid sind neben Modellen von Pionieren wie Heinz Isler, Felix Candela oder Frei Otto zu sehen. Auch die postmodern-historismus-lastige Architektur von Hans Kollhoff kommt zu Biennale-Ehren. Kollhoff wird vor allem als einflussreicher Professor an der ETH-Zürich gewürdigt.
Herzog & deMeuron sind mit Rezeptionsgeschichte und Modellen ihrer skandalumwitterten Elb-Philharmonie vertreten. Als roter Faden ziehen sich die "unconscious places" in den unprätentiösen Stadtansichten von Thomas Struth durch die Schau. Präzise Dokumente urbaner Straßenraster und Maßstäbe: New York, Berlin, Petersburg, Pyönyang zwischen 1978 und 2010.
Peter Zumthor kann man in einem Dokumentarfilm von Wim Wenders begegnen. Stilgerecht in einem alten Turm am hintersten Ende des Areals. Im Hauptpavillon in den Giardini ist eine Ikone zeitgenössischer Architektur - Norman Fosters HSBC Hongkong and Shanghai Bank - aus einer neuen Perspektive zu sehen. Der Platz zwischen den tragenden Stützen ist frei: öffentlicher Raum für alle. Jeden Sonntag treffen sich dort nun tausende Philippinos. Zwischen Kreidezeichnungen von Ortner und Ortner fuhr das Thespis-Theater seinen Karren auf, sehr klassisch: in Form von gerahmten Fotos mit der feinen Architektur von Hermann Czech, Caruso St. John und Märkli Architekten.
Einen lebendigen, grünen Kontrapunkt setzt der "Hands - On Urbanism 1850 - 2012", den Elke Krasny erforschte. Sie suchte weltweit nach gemeinschaftlichen Gärten im urbanen Raum und stieß dabei auf basisorientierte, selbstinitiierte Stadtentwicklungsprojekte, die von der Wiener Siedlerbewegung bis zum Ma Shi Po Village in Hong Kongs New Territories reichen. Hochinteressant ist auch der Dialog, den Details von Mies van der Rohe, Philipp Johnson, Marcel Breuer und Toshiko Mori miteinander führen. Der österreichische Pavillon in den Giardini hat eine gute Lage. Der klassische, weiße Bau von Josef Hoffmann (1934) mit dem markanten Portal liegt an einer großen Wiese. Zur feierlichen Eröffnung - heuer durch Claudia Schmied, Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur - versammelte sich das angereiste Gros der heimischen Szene auf dem Rasen. Ein Klassentreffen im Grünen.
Interaktive Experimente im Österreich-Pavillon
Heuer war Arno Ritter Kommissär für den Beitrag. Er wählte Architekt Wolfgang Tschapeller aus, der gemeinsam mit Rens Veltman und Martin Perktold eine feinsinnige, interaktive Multimedia-Installation entwickelte. "Hands have no tears to flow. Report from / without Architecture" heißt - frei nach Marshall McLuhan - die Arbeit, die existenzielle Fragen behandelt.
Auf die Wände werden computergenerierte Figuren projiziert. Sie bewegen sich fließend, bündeln sich zu einem Knäuel aus mehreren Gestalten oder lösen sich an ihren Körperenden - den Händen - in Sandkörner auf. Eine Spiegelfolie verdoppelt diese Figuren, von denen einige auf die Besucher reagieren. Virtuelle und reale Welt verschwimmen hier, wie sie es in Wirklichkeit auch längst getan haben. Im Zeitalter der digitalen Medien, der Humanbiologie, Transplantations- und Pränatalmedizin ist die Beziehung zwischen Mensch und Körper neu zu denken. Eine Veränderung, die auch die Architektur betrifft. Sie sollte, könnte oder müsste zu einer zweiten Haut werden. Antworten darauf gibt es nicht. Der "Common Ground" ist hier der Körper selbst.
Den "Goldenen Löwen" für den besten Pavillon bekam Japan. Toyo Ito kuratierte den Beitrag "Architecture. Possible here? Home-for-All". In der vom Tsunami komplett zerstörten Stadt Rikuzentakata steht die Sinnhaftigkeit von Architektur nach der Katastrophe am Prüfstand.
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