Berlin. Ursula Krechel hat sich vor allem mit Gedichten einen Namen gemacht - 13 Lyrikbände sind bisher von ihr erschienen. Erst mit 60 schrieb sie ihren ersten Roman "Shanghai fern von wo", der gleich mehrere Preise erhielt. Für ihr zweites großes Prosawerk "Landgericht" wurde die 64-jährige Berliner Autorin nun am Montag in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis geehrt. "Landgericht" sei "ein bewegender, politisch akuter, in seiner Anmutung bewundernswert kühler und moderner Roman", urteilte die Jury.
"Ich dachte immer, ich bin eine Kurzstreckenläuferin, und merke jetzt, dass ich mit lockeren Knien auch im Marathon ankomme", sagte sie kürzlich in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. In ihrem jetzt ausgezeichneten Buch, einer Mischung aus Fakten und Fiktion, geht es um einen jüdischen Emigranten, der nach seiner Flucht vor den Nazis 1947 nach Deutschland zurückkehrt und doch in der eigenen Heimat nie mehr heimisch wird.
Recherchen für ihren ersten Flüchtlings-Roman
Vorbild für die tragische Figur sei ein Jurist gewesen, von dem sie bei Recherchen für ihren ersten Flüchtlings-Roman zufällig ein Gutachten in die Hand bekommen habe, berichtete Krechel nach ihrer Nominierung bei einem Leseabend im Berliner Literaturhaus. "Es war schneidend intelligent, hart in der Sache, und einfach so, dass ich merkte: Dieser Mann ist ein Kämpfer, der will etwas. Das hat mich fasziniert", erzählte die Autorin.
Schmal, fast zerbrechlich saß sie da auf der dunklen Bühne des Literaturhauses - und muss doch selbst auch eine ziemliche Kämpferin sein. 1947 als Tochter eines Psychologen in Trier geboren, hatte sie schon während des Studiums für den Westdeutschen Rundfunk und den "Kölner Stadt-Anzeiger" gearbeitet. Nach der Promotion war sie von 1969 bis 1972 Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Dortmund, ehe sie sich 1972 als freie Schriftstellerin selbstständig machte.
"Für mich war das Schreiben ein Weg ins Offene, ins Freie - eine Trennung von bestimmten bürgerlichen Vorstellungen", sagte sie im dpa-Gespräch. Lange engagiert sie sich auch praktisch in der Frauenbewegung, später greift sie in ihren Gedichten, Hörspielen und Essays auch andere gesellschaftliche Themen auf. In Lehraufträgen unter anderem in den USA widmet sie sich zudem der Ausbildung. "Mein Interesse an der Lage der Frau hat sich immer mehr zu einem Interesse an der Lage der Menschen ausgeweitet", sagte sie einmal.
Zu ihren jüngsten Gedichtbänden gehören die Titel "Stimmen aus dem harten Kern" (2005), "Mittelwärts" (2006) und "Jäh erhellte Dunkelheit" (2010), die den Leser durchaus herausfordern. Positive Kritiken erhielten etwa auch der Prosaband "Die Freunde des Wetterleuchtens" (1990) sowie die Erzählung "Der Übergriff" (2001) um eine arbeitslos gewordene Journalistin. Über ihre eigenen Erfahrungen als Autorin berichtet sie in dem Handbuch "In Zukunft schreiben" (2003).
Krechel lebt mit ihrem Mann kinderlos im bürgerlichen Berliner Stadtteil Wilmersdorf und hat sich bis heute eine strikte Arbeitsdisziplin verordnet. Täglich sitzt sie bis in den Nachmittag am Schreibtisch - "sonst stockt die Tinte". Oft genug kehrt sie auch am Abend nochmals dorthin zurück. Die Lust am Schreiben ist ihr auch in 40 Jahren freiberuflicher Tätigkeit nicht abhandengekommen. "Seit ich Buchstaben entziffern kann, seit ich begriffen habe: Hinter dem Muster tun sich Welten auf, seitdem war mir klar - genau das will ich."
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