• vom 28.05.2013, 18:04 Uhr

Kultur

Update: 28.05.2013, 18:13 Uhr

Edwin Baumgartner

Menschenopfer für die Moderne




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Von Verena Franke und Edwin Baumgartner

  • "Le sacre du printemps" verursacht einen der größten Skandale der Theatergeschichte
  • 100 Jahre nach der Uraufführung feiert man ein epochales Ereignis.

Primitiv, archaisch: Das Ballett des Mariinski-Theaters zeigt die Originalchoreografie.

Primitiv, archaisch: Das Ballett des Mariinski-Theaters zeigt die Originalchoreografie.© arte/N. Razina Primitiv, archaisch: Das Ballett des Mariinski-Theaters zeigt die Originalchoreografie.© arte/N. Razina

1913 ist noch ein ruhiges, friedliches Jahr. Das letzte vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Vielleicht konnten die zeitgenössischen Künstler die annähernden düsteren Jahre bereits erahnen: Maler wie Picasso zerstören Perspektiven und Schriftsteller wie Kafka schreiben verzweifelte Texte - in diesem Fall über seinen Vater. Coco Chanel besinnt sich auf klare Linien ihrer Mode, fern jeder Schnörkelei. Und Igor Strawinski schafft mit "Le sacre du printemps" den aggressiven Soundtrack zur stattfindenden Kulturrevolution, die "Atombombe der Neuen Musik", so Komponist Arthur Honnegger. Danach war in der Tanz- und Musikwelt nichts mehr wie zuvor.

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Balletts Russes eroberte mit ästhetischem Sturm Paris
Man stelle sich vor: Es ist der 29. Mai 1913, das gehobene Pariser Publikum nimmt seine Plätze im Théâtre Champs-Élysées ein, um sich der Uraufführung des jüngsten Stücks der Balletts Russes zu widmen, die seit 1909 in einem ästhetischen Sturm die Kunstwelt der Stadt eroberten. Es gehörte zum guten Ton des Bildungsbürgertums, daran teilzuhaben. Man erwartete sich Innovatives und starke Eindrücke. Doch mit "Le sacre du printemps" hatte niemand gerechnet. Vielleicht ahnte aber der Impresario und PR-Genie des Ensembles, Serge Diaghilev, etwas: Vor der Premiere hatte er bereits angeordnet, dass das Ballett um jeden Preis zu Ende zu führen sei. Mit seinem Startänzer und Choreografen Vaclav Nijinski feierte Diaghilev viele Triumphe, aber der später den Wahnsinn verfallene Darsteller stand auch im Mittelpunkt des größten Skandals der Balletts Russes: Der Impresario betraute Nijinski mit der Choreografie zu "Sacre", der Geschichte einer Frau, die in einem archaischen Ritual dem Sonnengott geopfert wird.

Igor Strawinski revolutionierte die Musik.

Igor Strawinski revolutionierte die Musik.© Salzburg Igor Strawinski revolutionierte die Musik.© Salzburg

Nun öffnet sich der Vorhang am Abend des 29. Mai. Schon der Anfang ist seltsam: Ein Fagottsolo in geradezu absurd hoher Lage, die schöne Melodie klingt gepresst, wie mit zugeschnürter Kehle gesungen. Einige ziehen die Augenbrauen in die Höhe, andere pfeifen - sie ahnen nicht, was folgt: eine rund halbstündige Orgie an zuckenden Rhythmen und grellen Dissonanzen. Arnold Schönberg im fernen Wien mag eine Art Fegefeuer komponieren. Strawinski beschwört die Hölle.

Dabei ist der gebürtige Russe, der zwischen seiner Heimat, der Schweiz und Paris pendelt, keiner, der für Skandale steht: Sein perfektes Handwerk, zu dem eine makellose Instrumentierungstechnik gehört, hat er bei Nikolai Rimski-Korsakow erlernt, und dass er, wie nahezu alle russische Komponisten, eine Schwäche für Taktwechsel und unregelmäßige Betonungen hat, macht die Musik des kleinen, zierlichen Mannes mit den blitzenden Augen und der markanten Nase für die ohnedies exotik- und speziell russlandaffinen Franzosen so ungeheuer reizvoll. Sein Ballett der "Feuervogel" war ein echter Sensationserfolg, die Überlagerungen von Tonarten in "Petruschka" waren wohl der Jahrmarktsatmosphäre geschuldet. Nichts deutete darauf hin, dass Strawinski etwas wie den "Sacre" komponieren würde.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2013-05-28 16:59:06
Letzte Änderung am 2013-05-28 18:13:44


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