• vom 08.04.2014, 16:16 Uhr

Kultur


Kriegsveteranen

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Von Silviu Mihai

  • In Kroatien kämpfen Menschen mit kriegsbedingter Behinderung mit den Folgen einer traumatischen Vergangenheit.

Der Krieg ist heute auch in seinem Kopf vorbei: Jurica M., einst von Kugeln durchbohrt.

Der Krieg ist heute auch in seinem Kopf vorbei: Jurica M., einst von Kugeln durchbohrt.© Zoran Marinovic Der Krieg ist heute auch in seinem Kopf vorbei: Jurica M., einst von Kugeln durchbohrt.© Zoran Marinovic

"Der Krieg lässt jeden Tag grüßen, er steckt hier, unter meinem Knie." Ivica Andrijić lacht und schließt die Tür seines Tattoo-Ladens auf. Neben dem gepolsterten Stuhl liegen Nadeln und Farben bereit. "Die eigenen Oberarme kann man schlecht tätowieren, aber vielleicht soll ich es an meinem Plastikbein versuchen." Der gebräunte 42-Jährige mit den strahlenden schwarzen Augen wirkt entspannt. Vor dem Fenster, auf der anderen Seite der Straße, öffnet sich ein kleiner Hafen. Die See ist still. Ein paar Motorboote glänzen in der Sonne, in der Ferne heben sich die Hügel um Dubrovnik empor, mit ihren Häusern aus weißem Kalkstein.

Vor 22 Jahren tobte auf diesen Hügeln der Krieg. Serbische Einheiten belagerten neun Monate lang die Stadt und nahmen sie unter schweren Artilleriebeschuss, über 100 Zivilisten und 200 kroatische Soldaten kamen ums Leben. "Es war ein Stellungskampf, in dem sich die Frontlinie selten bewegte. Wir warteten in einem Tal, die Serben warteten im nächsten." Für Ivica Andrijić endete der Krieg vorzeitig. Er hatte Glück. "Aus heutiger Sicht jedenfalls. Damals war ich jung, es ging mir weniger um Kroatien und mehr um Adrenalin." Auf einmal trat er auf eine Mine, und alles war vorbei. Danach das Plastikbein. Und die Frühpension.


Spuren in den Köpfen
Seit fast zehn Jahren betreibt Andrijić seinen Tattoo-Laden. "Es hat als eine Art Hobby angefangen, jetzt ist er überraschend populär geworden." Der Mann grinst. Wenig später setzt er Helm und Sonnenbrille wieder auf, steigt aufs Motorrad und fährt fürs Feierabendbier in die Altstadt. "Volle Mobilität", ruft er, als er das östliche Tor des mittelalterlichen Ragusa erreicht. Nur noch die helleren Karmintöne mancher Dächer verraten, dass ein Großteil der Gebäude von der serbischen Artillerie schwer beschädigt wurde.

Kroatien ist Anfang Juli als 28. Mitgliedsstaat der EU beigetreten. Neben den schönen Stränden der Adria und den schicken Fischrestaurants bringt es eine dramatische Geschichte mit. Die militärische Auseinandersetzung, die hier Vaterlandskrieg genannt wird, hat in den Köpfen und Körpern vieler seine Spuren hinterlassen. Kroatiens Kriegsveteranen, die "Helden der Unabhängigkeit", werden heute noch von der nationalistischen Propaganda verehrt, das Thema ist im höchsten Maße politisiert. "Der Staat hat sich um uns gekümmert, da kann ich mich nicht beschweren, und er macht es weiterhin", sagt Andrijić. "Ohne diese Unterstützung hätte ich die Schwierigkeiten der ersten Nachkriegsjahre nicht so gut überstanden." Heute kann er fast alles machen, was durchschnittliche Menschen ohne Behinderung im Alltag tun.

Rund 60.000 Veteranen sind in Kroatien als Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung registriert, oft geht es um beides. Das Schicksal der meisten hat weniger mit dem wiedergewonnenen Glanz der Adriaperle zu tun, ihr Alltag sieht oft bescheidener aus. Sie müssen trotz Friedenszeiten weiter kämpfen - mit dem Stigma und mit den gesellschaftlichen Folgen kriegsbedingter Behinderung.

"Unser Haus verteidigen"
Knapp 100 Kilometer nördlich von Dubrovnik, in Baćina Jezera, steht das alte Haus von Jurica M., den alle "Juhi" nennen. Hinter dem Garten fangen schon die tiefblauen Seen an, die dem kleinen Ort den Namen geben. Und hinter den Seen stehen wieder kleine Hügel. Das Grün der mediterranen Flora unterbricht ab und zu ein Strich weißen Kalksteins. Als die Jugoslawische Volksarmee und die serbischen Paramilitärs 1991 diese malerische Landschaft Süddalmatiens einnehmen wollten, hatte der 23-jährige Juhi die Wahl: fliehen oder bleiben. Seine Oma bestand darauf zu bleiben, "denn einmal geflohen, würden wir nie mehr zurückkehren". Juhi blieb. "Das hieß: kämpfen. Unser Haus verteidigen."

Als die Serben mit den Kriegsschiffen kamen, rüstete sich die Dorfjugend mit Messern und improvisierten Pistolen aus. Es folgte ein Kampf um die Häuser: Juhis erster Einsatz. Dann der nächste, im benachbarten Dorf. Nach einigen Wochen bekamen sie Kalaschnikows. Der Guerillakrieg ging weiter, auf dem Gebiet des heutigen Bosniens. Ein Jahr verging. An einem Nachmittag im Juni 1992 versuchten sie, aus dem Hinterhalt die serbischen Einheiten zu überfallen. Es ging nach hinten los. Im Dorf Ravno gerieten sie unter Maschinengewehrbeschuss. Den Gegner sahen sie nicht. Drei Kugeln landeten in Juhis Beinen. Die anderen sechs Burschen aus Baćina-Seen öffneten das Feuer zur Abwehr. Eine kroatische Kugel traf Juhis Magen. "So etwas kommt vor im Krieg. Ja, ich weiß, wer das war. Wir sind beste Freunde geblieben."

Heute lebt Jurica M. immer noch in dem Haus, das er verteidigen wollte. "Als der Krieg 1996 zu Ende ging, war ich ein neuer Mann in einem neuen Land", erinnert er sich. "Ich musste einen neuen Umgang mit meinem Körper erlernen." Juhi lernte Auto fahren neu - und fuhr erst einmal weg, ziellos durch Europa. Wie die meisten Kriegsveteranen litt er, lange nach der körperlichen Rehabilitation, unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTSD. "Wenn ich vom Krieg erzähle, habe ich heute noch Angst, dass die Alpträume zurückkehren."

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Dokument erstellt am 2014-04-08 16:24:05



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