• vom 10.04.2014, 16:11 Uhr

Kultur

Update: 10.04.2014, 16:42 Uhr

Karlheinz Deschner

Gegen Kirche und Jünger




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Von Edwin Baumgartner

  • Zum Tod des Autors, Literatur- und Kirchenkritikers Karlheinz Deschner, der am 8. April in Haßfurt starb.

Foto: Wikipedia/Schindler

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Der deutsche Schriftsteller Karlheinz Deschner ist am Dienstag in Haßfurt (Bayern) gestorben. Deschner drang vor allem mit seinen kirchenkritischen Büchern ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, er publizierte indessen auch zwei Romane und literaturkritische Arbeiten.

Deschner, am 23. Mai 1924 in Bamberg geboren, entstammt einem religiösen Elternhaus. Er erhält eine Ausbildung am Franziskanerseminar in Dettelbach und studiert an der Philosophisch-theologischen Hochschule in Bamberg und an der Universität Würzburg, wo er Vorlesungen über Theologie, Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte hört. 1951 wird er mit der Arbeit über Lenau promoviert.


Seine kirchenkritischen Arbeiten beginnt er, nachdem er die geschiedene Elfi Tuch geheiratet hatte und dafür vom damaligen Bischof von Würzburg, Julius Döpfner, exkommuniziert wurde. Deschners erste antikirchliche Streitschrift ist "Abermals krähte der Hahn" (1962), der Höhepunkt ist die zehnbändige, erst 2013 abgeschlossene "Kriminalgeschichte des Christentums". Deschners Kritik wird dabei immer radikaler: Setzt er ursprünglich bei der katholischen Kirche an, überträgt er seine Ablehnung auf das Christentum allgemein. Er gibt sich dabei keineswegs den Anschein der Objektivität: "Ich schreibe aus Feindschaft. Denn die Geschichte derer, die ich beschreibe, hat mich zu ihrem Feind gemacht."

Im Gegensatz zu vielen anderen kirchenkritischen Publizisten verdient Deschner höchsten Respekt, denn er argumentiert historisch fundiert auf der Basis einer humanistischen Gesinnung, die das Leben an sich als wertvoll betrachtet - auch das tierische Leben: Deschner war Vegetarier und brachte seine Ansichten so auf den Punkt: "Wer die Kirche verlässt: ein Lichtblick für mich; wer kein Tier mehr isst: mein Bruder." 1998 veröffentlichte er die Streitschrift "Für einen Bissen Fleisch - Das schwärzeste aller Verbrechen".

Der Literaturkritiker
Trotz seiner leidenschaftlichen Kritik am Christentum, die er in mehr als 20 Büchern darlegte, ist Deschners Großtat vielleicht aber eine literarische, nämlich die Wiedergewinnung des Autors Hanns Henny Jahnn. Erstmals setzte sich Deschner für den damals nahezu vergessenen Autor in seiner Polemik "Kitsch, Konvention und Kunst" ein und machte die literaturinteressierte Öffentlichkeit auf zwei Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur, "Perrudja" und "Fluss ohne Ufer" aufmerksam. Auch auf die Bedeutung Hermann Brochs wies Deschner hin, wie er sich später für Emil Belzner und Ernst Kreuder verwendete.

Deschner interessiert sich dabei in seiner Kritik weniger für die Inhalte als für das stilistische Vermögen eines Autors - und belegt Fehlleistungen mit entlarvenden Zitaten: So weist er speziell Ernst Jünger eine anämisch undichterische, lediglich bisweilen scheinpoetisch manirierte Sprache nach. Ähnlich vernichtende Behandlungen erfahren Hermann Hesse und Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson.

Kann es sein, dass Deschner das Gefühl hatte, seinen eigenen hohen Ansprüchen an die erzählende Literatur nicht gerecht zu werden? Seine Romane "Die Nacht steht um mein Haus" (1956) und "Florenz ohne Sonne" (1958) sind Sprachkunstwerke von hohen Graden - doch es kam nichts mehr nach.

Stattdessen nützte Deschner seine enormen stilistischen Möglichkeiten für die schärfste und fundierteste Kritik, mit der sich Kirche jemals auseinandersetzen musste. Das anerkannten übrigens auch Theologen: "Wie furchtbar der Glaubenseifer sein kann, ist in der ‚Kriminalgeschichte des Christentums‘ nachzulesen. Nach der Lektüre wirken all die Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Äbte, Theologen, Nonnen, Mönche und Priester von den ersten Anfängen der Kirche bis in die katholische Gegenwart wie eine Bande von Gangstern, deren verbrecherische Machenschaften sich hinter Weihrauchwolken verbergen", sagte etwa Adolf Holl.




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Dokument erstellt am 2014-04-10 16:14:07
Letzte nderung am 2014-04-10 16:42:04



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