• vom 24.04.2014, 12:30 Uhr

Kultur

Update: 29.04.2017, 22:47 Uhr

Nachruf

Ein Weltstar der Architektur




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer / WZ Online

  • Haashaus-Architekt Hans Hollein ist im 81. Lebensjahr gestorben.

Wien. Hans Hollein ist tot. Er war seit 1985 Österreichs einziger Träger des renommierten Pritzker-Preises und gilt als einer der Weltstars der Architektur. Doch er war mehr als ein Architekt, und Architekturur war für ihn mehr als Bauen, nämlich geistiges wie sinnliches Ereignis und Grundbedürfnis des Menschen, seit er die Höhlen verließ.

Er radikalisierte die Moderne
Der Begriff Multitasker passte auf seine Arbeit zwischen Architekt, Designer, bildender Künstler, Theoretiker, Kulturpolitiker, Ausstellungsgestalter und Lehrender. Er erklärte das Auto zur Architektur und finalisierte und radikalisierte damit die erste Moderne mit Blick in die Zukunft, wie der zweite Multitasker der Avantgarde nach 1945, Peter Weibel, in einer Monografie von 2012 vermerkt.

Hollein gehörte in einer Art Dialektik der ersten und der zweiten Phase der Moderne an. Er wurde 1934 in Wien in eine Familie von Bergbauingenieuren hineingeboren und absolvierte die legendäre Jungenklasse bei Franz Čižek, was seine Liebe zum Gesamtkunstwerk "Jugendstil" anfachte.

Nach der Matura 1953 studierte er bei Clemens Holzmeister an der Akademie, unternahm Reisen nach Nordeuropa mit der Künstlerin Kiki Kogelnik und wechselte nach dem Diplom 1956 in die USA, wo er, mit Hilfe eines Stipendiums, ein Masterstudium in Chicago und Berkeley 1960 abschloss.

Die Visionäre der vertriebenen Moderne wie Friedrich Kiesler, Victor Gruen oder der Otto-Wagner-Schüler Rudolph Schindler, beschäftigten ihn dort ebenso wie die Pueblo-Architektur in Neu-Mexiko, der Austausch mit Richard Buckminster Fuller oder die Rückblicke auf Frank Lloyd Wright.

Verbindung von Philosophie und Architektur

Der vielseitig gebildete Hollein verband puristische Wertetheorien der ersten Wiener Schule der Philosophie und Kunstgeschichte mit der Fülle postmoderner Medientheorie, was ihm stets einen Vorsprung oder globaleren Blick bescherte, in Österreich aber auch zu Anfeindungen führte. Am Anfang standen die Visionäre der Avantgarden des 20. Jahrhunderts: Adolf Loos und Josef Hoffmann, die utopischen Modelle der Futuristen und Expressionisten; El Lissitzky und Kasimir Malewitsch faszinierten ihn wie das Bauhaus mit Marcel Breuer, dazu Le Corbusier und der Brasilianer Oscar Niemeyer. Doch auch Marcel Duchamp, Werbung und Neue Medien, Arte povera und Fluxus.

Träger des Österreichischen Staatspreises
Hollein erweiterte den Architekturbegriff in die Skulptur. Parallel zu Minimal- und Konzeptkunst sah er semiotisch Architektur als Zeichen, als Idee hin zum Immateriellen, aber auch als Raum für Rituale. 1969 entwarf er mobile, aufblasbare Zellen als Büro – es waren keine Bau-, sondern Kunstwerke. So kam er folgerichtig 1977 und 1987 auf die Documenta in Kassel, mehrmals auf die Biennale in Venedig und erklärte – ähnlich Beuys - alles zur Architektur und diese zum Medium der Kommunikation. Der Träger des Österreichischen Staatspreises von 1983 war ab 1978 selbst Kommissär und Direktor der Biennale, wichtiges Jurymitglied und Teil des Kunstsenats.

Die Eingemeindung von Ironie und Kitsch im Zuge von Werbung und neuen Medien, der Einsatz von flexiblen Versatzstücken der Moderne wie Codes in Fassade und Innenraum, stempelte ihn schnell als Miterfinder der Postmoderne ab. Dächer als Wellen oder schwingende Wände – frei nach den Kurven der Marilyn Monroe und dem alten Ausspruch von Loos, dass alle Architektur erotisch ist – irritierten. Möbel nahe dem Memphis Design mit grellen Farben, pathetischen Formen und rotzigen Namen wie "Vanity", "Mitzi" oder "Wave" (für eine Lampe mit dem Stiel eines Blitzes), goldene Palmen und Pagoden, zerschnittene Säulen und Vorhänge als Zitate in Geschäftslokalen, verstellen lustvoll den Blick auf exklusive Schmuckstücke, Luster oder Vasen.

Aufreger: Sprungschanze vor dem Haashaus
Aufreger erster Ordnung in Wien waren die Sprungschanzen ähnlichen Vordächer am Haashaus und über dem Eingang der Albertina, vor allem weil sie funktionslos Akzente setzen. Die Form folgt der Funktion nicht mehr und irritierend taucht 1968 unter Vorbildern das Foto von Albert Speer in Holleins Manifest "Alles ist Architektur" auf. In der Zeitschrift "Bau" abgedruckt, die er von 1964 bis 1970 mit Gustav Peichl, Walter Pichler und anderen herausgab. Doch das "Anything goes" der Nachmoderne erlaubt das Abschweifen von der "political correctness" wie den peinlichen Kitsch.

Der erste Auftrag in Wien war das wenige Quadratmeter große Kerzengeschäft Retti am Kohlmarkt, der zweite die Fassade für den Juwelier Schullin am Graben, dann erst wechselte er vom Schauwerk sinnlicher Materialschönheit mit dem Museum am Abteiberg von Mönchengladbach 1985 in Großaufgaben der Architektur. Der in Terrassen angelegte Gebäudekomplex, der die Kunst inszeniert wie kaum ein anderer, führte verdientermaßen zum renommierten Pritzker-Preis, dem Nobelpreis für Architektur. Das Frankfurter Moderne Museum in Form eines Tortenstücks 1981/92 sorgte für Diskussion als Hollein längst ein Weltstar war. Er hatte in den USA unterrichtet, dann in Düsseldorf – aus der "Fluxus Zone West" (Joseph Beuys) kam er 1976 nach Wien zurück, um an der Angewandten eine Professur 2002 zu übernehmen.

Großausstellungen in Wien in den 1980ern
Die Wiener Großaufträge kamen spät, doch er realisierte 1976/78 die später leider zerstörten Filialen des Verkehrsbüros und legendäre Ausstellungsgestaltungen in den Achtzigern für die Wiener Festwochen – "Die Türken vor Wien" (1983) und "Wien um 1900" (1985).

Seine Großbauten bestimmen erst seit 1990 das Wiener Stadtbild an wichtigen Punkten, allerdings nicht in dem von ihm gewünschten Maß einer gesamten Stadtplanung: das Haashaus am Stephansplatz, der Media-Tower am Donaukanal, die Welle am Stadtpark, das auf seine Archäologiegrundlagen verweisende Ausgrabungsfeld am Michaeler-Platz. Am Monte Laa und auf der Donauplatte wurden seine Entwürfe verwässert, doch die Aufträge in China, Peru, Banken in Madrid und Vaduz und das interessante Vulkanmuseum in Südfrankreich lenken ihn vom Ärger in Wien ab.

Mit der frühen Architekturpille (non-physical environment), die Körper von innen formt, beeinflusste er Künstler wie Erwin Wurm. Seine Brillen, der Roto-Desk und der Phallus als Wolkenkratzer nähern sein Denken aktueller Biopolitik an. Super-Design war der Beginn neuer visueller Alltagskultur, um die sich heute Holleins Tochter Lilli in Wien bemüht; Sohn Max ist Dreifach-Museumsleiter in Frankfurt. Super-Structure spannt sich immer noch als Denkraum über die Zukunft der Megacities. Hollein ist seit 1997 verwitwet und leitet seit 2010 sein 1964 gegründetes Büro mit Ulf Klotz und Christoph Monschein.

Der österreichische Architekt Hans Hollein ist Donnerstagfrüh in Wien nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Am 30. März hatte er seinen 80. Geburtstag gefeiert.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-04-24 12:31:44
Letzte ─nderung am 2017-04-29 22:47:28



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Selbstfesselung der linken Parteien"
  2. Zerbricht der Westen?
  3. Puls-4-Reporter bei FPÖ-Wahlfeier geschlagen
  4. Die Seele der Dinge
  5. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
Meistkommentiert
  1. Das Hosentürl zum Ruhm
  2. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  3. "Wo das große Geld ist, sind Frauen rar"
  4. Die Stadt der Bücherleser
  5. Je schwerer, desto leichter fällt es Barbara Hannigan

Werbung




Werbung



Werbung