• vom 27.09.2014, 10:30 Uhr

Kultur


Populärkultur

Stahl ist das neue Schwarz




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Von Mathias Kainz

  • Das finstere Mittelalter hat die Populärkultur im Griff - warum zieht uns diese düstere Zeit in ihren Bann?

Serien wie "Game Of Thrones" (im Bild Folge "Königsweg") oder "Vikings" als scheinbar realistisches Bild des Mittelalters. - © RTL2

Serien wie "Game Of Thrones" (im Bild Folge "Königsweg") oder "Vikings" als scheinbar realistisches Bild des Mittelalters. © RTL2

Schwerter blitzen auf, Pfeile sirren durch die Luft, Blut spritzt. Schnitt. Samtene Kissen, Wein fließt, jede Menge nackte Haut. Zwei Welten, die die Populärkultur untrennbar miteinander verbunden hat. Die HBO-Erfolgsserie "Game Of Thrones", die auf der Buchreihe "A Song Of Ice And Fire" des US-amerikanischen Schriftstellers George R. R. Martin basiert, prägt seit mittlerweile drei Jahren unser ohnehin verschwommenes Bild des Mittelalters neu. Zweifellos kann der Serie ein gewisser Fantasy-Einschlag nicht abgesprochen werden, aber abgesehen von Drachen und frostigen Untoten zeichnet "Game Of Thrones" ein durchaus glaubwürdiges Bild des Mittelalters - nicht zuletzt, weil es ein überaus düsteres und blutiges Bild ist.


Die TV-Serien "Game Of Thrones", "Vikings" oder auch "The Quest" sind allesamt Blüten eines Trends, der aus dem Fernsehen der letzten Jahre nicht mehr wegzudenken ist. Was ist die Faszination daran, wenn Köpfe in HD gut sichtbar rollen oder der missliebige König theatralisch einer Giftattacke zum Opfer fällt (Schaum vorm Mund!)? Ist es kollektiver Eskapismus, der die Zuschauer überfällt und der vom Fernsehen dankbar verstärkt wird? Oder ist es Blutdurst in gut sitzender Stahlkleidung, der virtuell ausgelebt wird?

Bis vor einigen Jahren war das Fantasy-Genre dominiert von Werken wie "Herr der Ringe", in denen sich Zwerge, Elben und Menschen verbünden, um sich den Orks entgegenzustellen. Nach und nach verschwinden diese Rassen allesamt, und was bleibt, sind Menschen - Menschen, die sich intrigant und grausam, blutrünstig und hinterlistig zugleich bekriegen. Kurzum - der Trend geht in Richtung historisches Mittelalter. Ein Beispiel: Die berühmte "Rote Hochzeit" aus "Game Of Thrones" (auf der der halbe Cast inklusive tragender Charaktere gemeuchelt wird) basiert - zumindest entfernt - auf einer wahren Begebenheit aus dem historischen Schottland: dem "Black Dinner" aus dem Jahr 1440.

Diesem Trend zum "echten" Mittelalter schließt sich auch die kanadisch-irische Koproduktion "Vikings" an, die im Frühling dieses Jahres auf ProSieben ihre TV-Premiere im deutschsprachigen Raum feierte. Drachen, Untote, Zwerge, Elben? Magie? Nicht mit den Wikingern. Stark angelehnt an eine Reihe von nordischen Heldensagen des Frühmittelalters verzichtet "Vikings" auf überholte magische Anleihen - Blut fließt trotzdem genug. Zumindest bei der nackten Haut ist man zurückhaltender als im HBO-Epos.

Mit "The Quest", einer ABC-Produktion, die dieses Jahr auf Burg Kreuzenstein in Niederösterreich gedreht wurde, verschmilzt das Mittelalter ein Stück mehr mit der Fernsehkultur des 21. Jahrhunderts. Im Rahmen einer festgelegten Handlung treten zwölf "Paladine" in einer Reihe von Aufgaben gegeneinander an. Anders als die übrige Handlung ist der Ausgang der "Challenges", von den Fähigkeiten der Teilnehmer abhängig. Mit jeder Ausstrahlung scheidet einer aus.

Der Reiz der Einfachheit
Einer dieser Paladine ist Patrick Higgins. Der Familienvater und Mathematiklehrer aus Illinois war einer der zwölf Kandidaten, die sich für 31 Tage auf Burg Kreuzenstein in die Fantasy-Welt von "Everealm" versetzen ließen. Und er würde es jederzeit wieder tun. "Für mich liegt die Faszination des Mittelalters darin, dass es eine einfachere Zeit war", erklärt Higgins. "Nicht einfacher im Sinne von leichter, aber simpler. Alles, was getan wurde, wurde von Hand erledigt, und Arbeit war wirkliche, harte Arbeit. So sehr ich Technologie schätze, ich finde den Gedanken an eine Welt ohne sie umso reizvoller."

Liegt der Reiz dieses Settings also vielleicht gar nicht so sehr in blitzenden Schwertern, dekadenten Festen und grausamen Intrigen? Macht die Einfachheit des Seins, die zumindest Higgins im Mittelalter erkennen will, die Anziehungskraft aus? Die Abwesenheit moderner Technologie hat eine wesentliche Konsequenz - dass alle Arten von menschlicher Interaktion persönlicher werden. Ohne Telefon und Social Networks gewinnt das ohnehin noch als romantisch verstandene Lagerfeuer plötzlich wieder eine Funktion als abendlicher Versammlungsort, und ohne moderne Waffen wird aus dem Zweikampf wieder eine persönliche Sache - ein Kampf von Angesicht zu Angesicht, Mann gegen Mann (oder Frau gegen Frau), und nicht zuletzt ein Duell um die Ehre.

Es ist also offenbar die Einfachheit des Mittelalters, die einen Reiz auf die Menschen ausübt. Fernab von Smartphones, Facebook und Twitter hat die Szene der Mittelalter-Darsteller, die sich neudeutsch als "Reenactment", also etwa "Nachstellung" oder "Nachspielen", bezeichnet, einen bemerkenswerten Zulauf und das überall in Europa. Und diese Reenactment-Szene nimmt es mit der historischen Korrektheit sehr genau: Wo immer ein Mittelaltermarkt etwas auf sich hält, findet sich meist ein historisches Lager, in dem von der Sitzgelegenheit über die Zelte bis hin zur Kleidung der Darsteller alles auf zeitgenössischen Quellen basiert.

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Dokument erstellt am 2014-09-26 18:47:05



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