• vom 06.01.2015, 15:21 Uhr

Kultur


Antisemitismus

Das alte Übel




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Von Edwin Baumgartner

  • Die Wurzel für den Antisemitismus liegt in Religionskonflikten der Antike und des frühen Mittelalters.

Die Kopfbedeckung des Anstoßes: Wer sie trägt, kann Pöbeleien ausgesetzt sein.

Die Kopfbedeckung des Anstoßes: Wer sie trägt, kann Pöbeleien ausgesetzt sein.© P. Deliss/Godong/Corbis Die Kopfbedeckung des Anstoßes: Wer sie trägt, kann Pöbeleien ausgesetzt sein.© P. Deliss/Godong/Corbis

Freitag, tief in der Nacht. Ich gehe heim von einem Kiddusch-Mahl, zu dem mich ein Freund eingeladen hatte. Ich betrachte es als Zeichen des Respekts, die Kippa auf dem ganzen Weg hin und zurück zu tragen. Jetzt, in der Wallensteinstraße, gehen hinter mir vier Jugendliche, Türken oder Araber. Auf einmal höre ich sie skandieren: "Jude, Jude, Jude." Sie üben keine physische Gewalt aus, doch mir wird unwohl. Sie biegen in die nächste Seitengasse ab und rufen mir noch nach: "Scheißjude, Schwein." Überstanden.

Auf dem Hinweg zwei Wochen zuvor gab’s ein anderes Erlebnis. Bei einer Kreuzung zeigt die Ampel Rot. Neben mir steht eine Frau, etwa 50 Jahre alt, gut gekleidet, Österreicherin. "Sind Sie", fragt sie und macht nach dem "Sie" eine Pause, als müsse sie ihre Zunge überreden, die richtigen Laute zu formen, "Juuude?" Auf meine Frage, weshalb sie das interessiere, folgt ein verächtlicher Blick und das Wort "typisch", obwohl ich mir, trotz sofortiger leider unbeantworteter Nachfrage und gründlichen Nachsinnens, bis heute nicht recht erklären kann, worauf sich dieses "typisch" bezogen hat.


Woher kommt dieser Hass auf Juden, diese Verachtung und Ablehnung? Ist es wirklich nur der Neid darauf, dass Juden, wenn ihnen das Leben Zitronen gibt, daraus ein einträgliches Limonade-Geschäft machen, also die Missgunst gegenüber der Tüchtigkeit selbst in Notlagen, wie Naftali Neugebauer, streitbarer Präsident des Vereins Mesusa und Autor des lesenswerten Romans "Das Buch Naftoli", meint? Ist es die Tatsache, dass "die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen" werden, wie es der polnisch-deutsche Publizist Henryk M. Broder ausdrückt (die ehemaligen Ostmärker sind bei den Deutschen subsumiert)?

Historischer Judenhass
Tatsächlich reicht der Hass auf Juden wesentlich weiter zurück als bis ins Jahr 1933. Viel weiter noch als bis zu den antisemitischen Strömungen des 19. Jahrhunderts, in denen das einzigartige Menschheitsverbrechen der Schoah wurzelt. Der Antijudaismus ist eines jener Ressentiments, denen schon die Römer erlagen. Gerade deshalb will einmal genauer angeschaut sein, wie das alte Übel entstand. Die Wurzel ist die Religion.

Wobei die Römer als Einzige in der Geschichte wenigstens ansatzweise das Recht hatten, Juden nicht zu mögen. Genau genommen fängt die ganze Misere mit den Römern an. Pompeius hatte 63 vor Christus das jüdische Territorium erobert und besetzt. Bloß: Die Juden wollten darüber einfach nicht glücklich sein und still Tribute entrichten, damit der ferne Kaiser auch weiterhin die beste Fischlake des gesamten Reichs kaufen kann. Die Juden glaubten allen Ernstes, sie hätten ein Anrecht auf einen eigenen Staat. Das kollidierte massiv mit der römischen Ansicht. Man misstraute einander von Herzenslust.

Zumal es in der jüdischen Religion etwas gab, was den Römern unheimlich war, nämlich den Meschiah, einen von Gott (einem einzigen, auch das für die polytheistischen Römer, die für jede Jahreszeit und für jeden Fluss eine Gottheit hatten, schlicht irr) bevollmächtigten Menschen, der sein Volk Israel befreit. Auch das noch - Aufstände hatte man in Judäa schon genug.

Als nun die jüdischen Hohepriester einen gewissen Jeschua der Blasphemie anklagen, haben sie in ihrem Verständnis völlig recht. Der schriftkundige Rabbi hatte sich als Messias bezeichnet - für jüdische Vorstellungen undenkbar. Das geht schon aus der Wortbedeutung hervor: "Meschiah" heißt "Gesalbter". Es bedarf eines Salbenden, oder konkret: Ein Meschiah wird, vornehmlich von einem Propheten, berufen. Er ernennt sich keinesfalls selbst.

Den Römern sind die religiösen Implikationen egal. Aber einen Meschiah oder, wie sie das ins Griechische, der Lingua franca jener Zeit, übersetzen, einen Christos können sie absolut nicht brauchen. Deshalb vollziehen sie an ihm die Strafe, die das römische Recht für Aufständische, die keine römischen Bürger waren, vorsieht: Sie kreuzigen ihn.

Nur Römer kreuzigen
Wer "die Juden" für diese Hinrichtung verantwortlich macht, hat kein historisches Bewusstsein: Die Kreuzigung war eine römische Strafe. Hätten die Juden Jesus getötet, hätten sie ihn gesteinigt. Dennoch ist das Neue Testament relativ römerfreundlich und teilweise antijüdisch - wie das?

Nun: Jesus war Jude. Was er ins Leben rief, war eine jüdische Sekte. Die antijüdischen Äußerungen im Neuen Testament fallen in einem innerjüdischen Religionsstreit. Es ist eine ähnliche Situation wie bei Martin Luther: Auch er war zuerst Katholik, der einen innerkatholischen Disput führte. Jesus forderte das traditionelle Judentum zwar heraus, hätte es aber in keinem Moment verleugnet.

Scha’ul, der sich nach einem Erweckungserlebnis Paulus nannte, hatte mit dieser Verleugnung keine Probleme. Als machtbewusster Sektenführer begriff er, dass er, wollte er der Sekte neue Mitglieder hinzugewinnen, die Lehren des Jeschua, den er zu Jesus gräzisierte und damit internationalisierte, auch für Menschen lebbar machen musste, die in einer nicht-jüdischen Kultur verwurzelt waren. Wollte er in dem wichtigsten Land, also Rom, neue Mitglieder gewinnen, durfte er den Römern nicht mit Geboten über koscheres Essen in die Speisepläne pfuschen. Und schon gar nicht durfte er mit Beschneidungen anfangen, die den Römern ein Gräuel waren.

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Dokument erstellt am 2015-01-06 15:26:04



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