• vom 19.01.2015, 16:52 Uhr

Kultur


Urinstinkt

Wir haben Angst!




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Von Edwin Baumgartner

  • Wie ein menschlicher Urinstinkt seit Jahrhunderten instrumentalisiert wird.

Für den Menschen vor der Aufklärung waren die Höllenszenarien eines Hieronymus Bosch nicht Fantasien, sondern Illustrationen eines in der Realität bevorstehenden Schreckens: ein Ausschnitt aus dem Weltgerichtsaltar. - © Stefan Wiltschegg/Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Für den Menschen vor der Aufklärung waren die Höllenszenarien eines Hieronymus Bosch nicht Fantasien, sondern Illustrationen eines in der Realität bevorstehenden Schreckens: ein Ausschnitt aus dem Weltgerichtsaltar. © Stefan Wiltschegg/Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Wir leben in einer Gegenwart der Angst. Angst ist ein Teil des Menschseins. Der Homo sapiens ist auch ein Homo timens. Angst definiert in hohem Maß die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft, und jede Gesellschaft sucht sich ihre eigenen Ängste. Das gilt für die gesamte Geschichte der Menschheit, seit man sich im hintersten Winkel einer Höhle versteckte, weil der Säbelzahntiger vorbeikommen könnte.

Derzeit prägen die Angst vor dem Islam und die Angst vor den Gegenbewegungen unsere Welt. Nicht der Islamismus, sondern der Islam wird in seiner Gesamtheit wird als Bedrohung wahrgenommen. Die Terrorakte scheinen die Angst zu bestätigen. Doch in Wahrheit wächst sie aus der Ungewissheit, dem Unwissen, und Unwissen ist der beste Nährboden der Angst.


Tatsächlich bauen alle Religionen - und ich behaupte: ausnahmslos - auf dieser engen Beziehung von Unwissenheit und Angst auf. Religionen sind relevant, denn sie sind bis in unsere zunehmend säkularisierte Gegenwart die Fundamente von Gesellschaftsordnungen, mit denen wir interagieren. Sie sind auch die Grundlagen unserer eigenen moralischen Konstanten, obwohl das in einer Gesellschaft, die sich von ihrer Religiosität entfernt, in Vergessenheit gerät. Aber beispielsweise noch im 18. Jahrhundert, vor dem Eintreffen christlicher Missionare, hätten sich die Hawaiianer über den Grundsatz, man möge nicht stehlen, gewundert, was den fremden Kulturen gegenüber durchaus aufgeschlossenen britischen Seefahrer und Kartographen James Cook zur Verzweiflung brachte.

Angst bindet
Angst hält die Menschen bei der Stange - und damit bei den moralisch-religiösen Grundsätzen einer Gesellschaft. So sind die Pantheons der meisten polytheistischen Kulturen der Antike denn auch voll mit Dämonen und grausamen Göttern, stets bereit, jedes Vergehen im Hier und Jetzt oder spätestens im Jenseits zu ahnden.

Selbst der jüdische Jahwe tendiert im Alten Testament zur Grausamkeit. Immerhin ertränkt er die gesamte Menschheit bis auf die Familie Noah. Darauf folgt zwar ein Pakt, eine solche globale Bestrafung nie mehr anzuwenden, doch die nun individuellen oder gar bis auf ein ganzes Volk ausgedehnten Bestrafungen genügen, um die Einhaltung der gemeinschaftsstiftenden religiösen Gesetze erstrebenswert scheinen zu lassen.

Ist die weit versöhnlichere Botschaft des Neuen Testaments aber auch eine Revolution, wenn es zwar immer wieder verkündet, man möge sich nicht fürchten, keine Angst haben, keine Sorgen machen, dann aber der Widerspruch offen zutage tritt? - Selbst Christus nämlich warnt laut dem Evangelisten Matthäus: "Wenn aber jemand gegen den Heiligen Geist reden wird, dem wird nicht vergeben werden, weder in diesem Zeitalter noch in dem zukünftigen." Der von Johannes in seiner Apokalypse gesichtete Feuersee steht schon bereit.

Je weniger Aufklärung und Vernunft den menschlichen Geist beherrschen, umso mehr Platz hat die irrationale Angst, und umso besser gelingt es, die irrationale Angst für die eigenen Belange zu instrumentalisieren.

Die Kirche des Mittelalters bis herauf in die Zeiten der Aufklärung und weiter in jene Gesellschaftssegmente hinein, die sich selbst heute der Aufklärung verweigerten, war eine Virtuosin des Spiels mit der Angst. Die Gemälde eines Pieter Brueghel des Jüngeren, nicht von Ungefähr auch "Höllen-Brueghel" genannt, oder eines Hieronymus Bosch mögen mit ihren bizarren Horrorszenarien uns heute als Meisterwerke der Schreckensdarstellung begeistern - für den Menschen jener Tage indessen war es die durchaus realistische Darstellung dessen, was ihn beim Abweichen vom kirchlich vorgegebenen Weg erwartet.

Nun hat die Aufklärung zwar die Religion auf einen Platz verwiesen, auf dem sie keinen direkten politischen Einfluss nehmen kann. Was jedoch dem Bewusstsein des Menschen einmal eingepflanzt ist, geht so schnell nicht mehr heraus. Und so beherrscht uns die Angst vor der Strafe im Jenseits bis heute, auch wenn die katholische Kirche mittlerweile von der Vorstellung der ewigen körperlichen Qual abgekommen ist zugunsten eines Orts absoluter Lieblosigkeit und Gottesferne.

Kaum rücken die metaphysischen Sadismen in weitere Ferne, sucht sich die Gesellschaft andere Szenarien der Angst, von denen viele nur wenig realistischer sind als der von Satan persönlich umgerührte Topf mit siedendem Öl.

Schöne neue Ängste
So bedurfte es nach dem Niederringen der nationalsozialistischen Gefahr neuer Angstszenarien. Auf der höchsten Ebene der Weltpolitik wurde dem Bürger der Sowjetunion die Angst vor der US-amerikanischen Atombombe und dem US-amerikanischen Imperialismus ebenso eingepflanzt wie dem US-amerikanischen Bürger die Angst vor der sowjetischen Atombombe und einem weltumspannenden Kommunismus. Das "Gleichgewicht des Schreckens" funktionierte und hielt beide Gesellschaftssysteme in ihrem Status quo, bis sich das sowjetische an den Rüstungsausgaben verblutete.

Doch in zeitlicher Nähe zur Postmoderne bedient sich die Gesellschaft auch ganz individuell im Supermarkt der Ängste. Verschwörungstheorien entstehen. Auf einmal wird die Weltordnung von Geheimbünden oder gar von Außerirdischen bedroht, die Währungssysteme sind in akuter Gefahr, weil, je nach Verschwörungstheorie, der Zusammenbruch des Euro den Dollar mit in den Abgrund reißt oder umgekehrt. Sekten verkünden ihre Weltuntergangsszenarien, und als die Welt an dem etwa von Jehovas Zeugen wieder einmal auf den Tag genau vorhergesagten Datum nicht untergeht, lässt sich deren Leitende Körperschaft eine neue Angstmacherei einfallen: Die Welt kann jeden Moment untergehen. Der Gläubige hat davon überzeugt zu sein, wer es nicht ist, dem wird die Gemeinschaft entzogen - ein Spiel mit der Angst auch das. Alle Aufklärung scheint da über Bord geworfen, und fundamentalistische evangelikale Gemeinschaften orten gar wieder die Hölle mit Feuer und Bratspieß.

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Schlagwörter

Urinstinkt, Angst

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Dokument erstellt am 2015-01-19 16:56:08



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